Titel "Wir sind im Zentrum eines Sturms"
Fakih, 43, entstammt einer der führenden saudi-arabischen Familien. Nach einer Verhaftung wegen kritischer Äußerungen über das Königshaus floh der Chirurg ins Londoner Exil, wo er seit 1994 lebt. Er gründete 1996 die "Bewegung für islamische Reform in Arabien", die zum Sturz der Dynastie aufruft. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Sehen Sie eine ernsthafte Chance, die Prinzen aus ihren Palästen zu vertreiben?
Fakih: Der Sturz des Königshauses ist nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann. Natürlich kann es noch Jahre dauern, obwohl der Niedergang der Sauds immer deutlicher wird. Es gelingt den Prinzen nicht mehr so gut wie früher, die Weltöffentlichkeit über ihre Korruption, ihre Misswirtschaft, ihre Inkompetenz zu täuschen. Für Saudi-Arabien gilt: Wir sind im Zentrum eines Sturms.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich einen Machtwechsel vor?
Fakih: Ich halte es für wahrscheinlich, dass sich die Monarchie im Erbstreit selbst zerfleischt. König Fahd, seit Jahren zu krank zum Regieren, hatte erst gerade von den Medien verschwiegen einen schweren Rückfall und ist völlig hinfällig. Trotzdem tun sie in Riad so, als ob er Leute empfängt, Briefe schreibt. Absurd, aber auch ein Beweis dafür, dass sie sich nicht einigen können.
SPIEGEL: Kronprinz Abdullah ist doch der designierte Nachfolger, de facto regiert er das Land.
Fakih: Seine offizielle Ernennung ist keinesfalls gesichert. Er ist nicht gewillt, die Macht mit Verteidigungsminister Prinz Sultan zu teilen, wie der verlangt. Nach dem Tod König Fahds erwarte ich einen offenen Konflikt, der das Königshaus in die Knie zwingt. Die zweite Möglichkeit für das Ende des Regimes ist die argentinische Variante: Massenprotest der Bevölkerung gegen eine zahlungsunfähige Regierung.
SPIEGEL: Übertreiben Sie da die finanziellen Schwierigkeiten Saudi-Arabiens nicht ganz gewaltig?
Fakih: Die Staatsschulden liegen nach unseren Rechnungen bei 200 Milliarden Dollar, saudi-arabische Offizielle sprechen von 160 Milliarden. Beide Summen sind im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt viel zu hoch, und die Europäische Union würde sie nicht als zulässige Quote für eine einigermaßen gesunde Volkswirtschaft gelten lassen: Es droht ein Kollaps. Und den werden die Menschen nicht hinnehmen. Doch anders als in Argentinien gibt es bei uns keine Verfassung, keine zivilen Institutionen, die sich nach dem Chaos erholen könnten.
SPIEGEL: Wir hatten eigentlich erwartet, dass Sie bei einem Sturz des Königshauses den Einfluss der Opposition betonen würden.
Fakih: Das ist Szenario Nummer drei: Umsturz durch Gewalt. Nachdem Osama Bin Laden noch Anfang der Neunziger den Spitzen des Regimes beispielsweise Verteidigungsminister Sultan zugesichert hat, sie nicht persönlich zu Angriffszielen zu machen, denken er und seine engsten Anhänger jetzt anders. Sie sind bereit zur Ermordung der wichtigsten Stützen des Hauses Saud.
SPIEGEL: Woher wissen Sie das so genau?
Fakih: Wir haben unsere Quellen.
SPIEGEL: Sagen Sie uns, wo?
Fakih: Das kann ich nicht.
SPIEGEL: Was berichten Ihre Quellen über Bin Ladens Aufenthaltsort?
Fakih: Er ist definitiv noch am Leben. Er bereitet mit seinen Leuten, nach der Umgruppierung an geheimem Ort, wieder einen großen Schlag vor.
SPIEGEL: Wie populär ist Bin Laden in Saudi-Arabien?
Fakih: Enorm populär. Interne Meinungsumfragen zeigen, dass 95 Prozent der Jugendlichen mit ihm sympathisieren. Er hat mit seinen Aussagen, mit seinen Taten einen Nerv getroffen.
SPIEGEL: Das klingt bewundernd. Zählen Sie zu seinen Fans?
Fakih: Ich lasse mich nicht mit Bin Laden vergleichen. Er hat anders als ich ein globales Projekt, er kämpft mit anderen Mitteln für andere Ziele.
SPIEGEL: Ihre Oppositions-Verlautbarungen klingen auch nach islamistischer Propaganda. "Bin Laden erzwingt für sich die Liebe und den Respekt aller Teile der Gesellschaft", heißt es da. Sie propagieren keinen Terror aber ähneln sich in Bezug auf Saudi-Arabiens Zukunft nicht Ihre Ziele?
Fakih: Es gibt eine bestimmte Schnittmenge von Gemeinsamkeiten. Aber wir wollen nach dem Ende der Monarchie eine transparente Gesellschaft mit Führern, die dem Volk verantwortlich sind, und einer Wirtschaft, die allen nützt natürlich alles auf der Basis eines islamischen Staates. Zurzeit gehen über 40 Prozent der Öleinnahmen in die Kassen der Prinzen. Das muss aufhören.
SPIEGEL: Bei aller Sympathie, die Bin Laden genießen mag: Es ist schwer vorstellbar, dass es zu einem bewaffneten Aufruhr gegen das Regime kommt.
Fakih: So wenig wie zu einer demokratischen Wahl. Auch ich glaube nicht an umfangreiche gewalttätige Großdemonstrationen. Dafür sind die Kontrollen zu strikt. Aber man muss nur einen oder zwei Prinzen töten, um das ganze saudische Regime zu destabilisieren. Verschwänden etwa der Verteidigungs- oder der Innenminister, sie wären nicht adäquat zu ersetzen. Das sind Leute, die seit Jahren nur mit ihrer persönlichen Autorität als Mitglieder des Königshauses regieren, sie hinterließen ein Machtvakuum.
SPIEGEL: Gibt es Rechtsgelehrte, die zu solchen Morden aufrufen?
Fakih: Täten sie es öffentlich, würden sie sofort ins Gefängnis geworfen. Viele berühmte Prediger haben längst ihre Kompromisse mit dem Regime gemacht. Es existieren auch keine Kassetten mit entsprechendem Inhalt. Das läuft anders: Ein gewaltbereiter Untergrundkämpfer geht zu einem Rechtsgelehrten und holt sich unter vier Augen eine Fatwa ...
SPIEGEL: ... ein religiöses Gutachten ...
Fakih: ... über die Legitimität eines bestimmten Angriffsziels. Das bleibt im kleinsten Kreis.
SPIEGEL: Und Sie wissen, dass solche Fatwas ausgesprochen wurden?
Fakih: Ja.
SPIEGEL: Kronprinz Abdullah hat Israel aufgefordert, die besetzten palästinensischen Gebiete zu räumen. Im Gegenzug hat er eine Anerkennung des Judenstaates in Aussicht gestellt. Ist das nicht eine vernünftige Nahost-Friedensinitiative?
Fakih: Nein. Das Angebot zur Anerkennung war ein Fehler. Das werden meine Landsleute Abdullah nie verzeihen.
SPIEGEL: Viel deutet darauf hin, dass die USA einen Schlag gegen den Irak vorbereiten. Kann Washington auf die Kooperation des Königshauses rechnen?
Fakih: Riad hat schon klar gesagt, dass in diesem Fall die Amerikaner ihre Stützpunkte im Land nicht für Angriffshandlungen benutzen dürfen. Die saudische Regierung begreift allmählich, dass sie inzwischen mehr die Amerikaner beschützt, als es umgekehrt der Fall ist. Dass man in Riad gegen einen Irak-Krieg ist, hat andere Gründe: Man ist glücklich mit dem Status quo.
SPIEGEL: Saudi-Arabien ist glücklich mit dem Diktator Saddam Hussein, der nach dem Überfall auf Kuweit doch auch Saudi-Arabien bedrohte?
Fakih: Jetzt sieht keiner mehr Saddam als Bedrohung. Die Regierung möchte auf jeden Fall verhindern, dass der Irak unter einer neuen Regierung Millionen Barrel Öl auf den Markt pumpt und die Preise kollabieren denn das würde sie dann garantiert nicht mehr überleben.