Schatzsuche Zwei Haubitzen auf dem Dach
Ach, wie gern hätte er diesen Coupinszeniert und dem russischen Präsidenten daswiedergefundene Bernsteinzimmer präsentiert. Möglichst anjenem Tag, an dem Wladimir Putin in seinem Chalet unterhalbder Burg von Vaduz vorbeischauen wird. Der Kremlchef hatden Abstecher ins Fürstentum Liechtenstein zugesagt, fallser dieses Jahr seine geplante Schweiz-Visite absolviert.Eduard von Falz-Fein, russisch-deutscher Baron mit Wohnsitzin Vaduz, ist Doyen der Bernsteinzimmer-Jäger, der Mäzenall jener, die seit Kriegsende nach dem von der Wehrmachtgeraubten und 1945 in Königsberg verschwundenen Kleinodfahnden. Falz-Fein hat es als Fünfjähriger noch imKatharinenpalast von Zarskoje Selo bei St. Petersburggesehen. Das muss so unvergesslich gewesen sein, dass er 60Jahre später mit deutschen und britischenGeheimdienstleuten sowie dem Maigret-Autor Georges Simenonden "Bernsteinzimmer-Club" gründete. Die illustre Truppeverfolgte jede fassbare Spur, 500 000 Dollar lobte derBaron für den Finder aus. Alles vergebens; die auf 125Millionen Euro geschätzte Schnitzerei tauchte nicht wiederauf.Bis auf Falz-Fein sind die Herren inzwischen tot, auchjene, die das Zimmer einst verschwinden ließen. "Alle, diedas Rätsel hätten lösen können, sind ums Leben gekommen",bedauert Iwan Sautow, der Direktor des Katharinenpalastes.Am 31. Mai, zum 300. Geburtstag von St. Petersburg, wird inseinem Haus die Kopie des "achten Weltwunders" vorgestellt- das Kapitel Bernsteinzimmer scheint beendet.Oder doch eher nicht? Genau das legt der Film "DasBernsteinzimmer" nahe, eine Gemeinschaftsproduktion vonZDF, SPIEGEL TV und Story House Productions, deren ersterTeil diesen Dienstag im Fernsehen läuft*.Die Autoren zeichnen noch einmal die möglichen Wege derrätselhaften Kisten nach: Sind sie auf die "WilhelmGustloff" geraten, das später vor der pommerschen Küsteversenkte Flüchtlingsschiff? Wurden sie im SchachtWittekind bei Göttingen versteckt? Oder kamen sie gemeinsammit der Kunstsammlung des ostpreußischen Gauleiters ErichKoch in Weimar an? Natürlich kommt auch Baron Eduard vonFalz-Fein mit seinen Thesen zu Wort.Überraschendes fördert der Film an anderen Stellen zu Tage.Zum Beispiel die Geschichte des nur spärlich bekanntenAlbert Popp. Der Brigadeführer des NationalsozialistischenFliegerkorps und Neffe des sächsischen Gauleiters MartinMutschmann war es wohl, der die Kochsche Kunstsammlung nachWeimar schaffte, das Bernsteinzimmer möglicherweisehuckepack.Kurz vor der Ankunft der Amerikaner evakuiertePopp die Pretiosen an einen sichereren Ort - dieSchachtanlage "Schwalbe V" bei Elsterberg, vermuten dieAutoren. Das unterirdische Labyrinth wurde im April 1945 sokunstvoll zugesprengt, dass es bis heute nicht geknacktwerden konnte. Popp lebte später in Frankfurt, nochjahrelang hat seine in der russisch besetzten Zonezurückgebliebene Frau Kunstgüter zu ihm über die grüneGrenze geschleppt.Der Fall Popp ist im Film eher das Kuckucksei. Dennansonsten stützt der Streifen jene Erkenntnis, diezunehmend zum Allgemeingut der Bernsteinzimmer-Jäger wird:Die honiggelben Wandpaneele sind 1945 aus Königsberg garnicht mehr herausgekommen.Da sitzt zum Beispiel Wolfgang Rohde vor der Kamera. VaterAlfred verwaltete die Königsberger Kunstsammlungen. Er wardie Schlüsselfigur, er hat das Zimmer vor Kriegsendeverpackt, das Geheimnis aber mit ins Grab genommen, als erEnde 1945 unter rätselhaften Umständen starb. Sohn Wolfganghat ihn am 13. Januar noch einmal besucht - dasBernsteinzimmer sei in Sicherheit, im "Kellergewölbe desSchlosses", verriet ihm der Vater. 17 Tage später war derRing um Königsberg zu.Eine andere Quelle ist Schlossbaurat Hans Gerlach. Der habestets bekräftigt, berichtet Tochter Barbara, dieBernsteinzimmer-Kisten seien in den gewölbtenErdgeschossräumen im Ostteil des südlichen Schlossflügelsabgestellt worden und von dort nicht mehr verschwunden.Gerlach war Zeuge, als Gauleiter Koch - der eigentlichlängst im bombensicheren Bunker in Neutief bei Pillau saß -nochmals im Schloss aufkreuzte, am 5. April, vier Tage vorder Kapitulation.Koch ließ zwei 76-mm-Haubitzen und eine Panzerabwehrkanoneauf dem Schlossturm installieren, dann stieg er zu einerletzten Sauferei in den Schlossweinkeller "Blutgericht"hinab - um dort Rohde zu beschimpfen, weil der dasBernsteinzimmer nicht gerettet habe.Die wichtigste Figur im Film heißt Wera Brjussowa. Sie istdie Witwe des Archäologen Alexander Brjussow, der mitMoskauer Auftrag im besetzten Königsberg nach verborgenenKunstschätzen zu suchen begann. Brjussow war es, der dasGerücht in die Welt setzte, das Bernsteinzimmer seiverbrannt. Witwe Wera bekräftigt nun, dass es in seinemNachlass dafür keinerlei Beweise gibt. 1955 habe sich derProfessor in einem Memorandum sogar revidiert: "Ich glaube,dass das Bernsteinzimmer nicht verloren ist."Der Schatz existiert also. Nur wo?
CHRISTIANNEEF
* Sendetermine im ZDF: 1. Folge ("Der Mythos") 25. März, 20.15 Uhr; 2. Folge ("Die Suche") 1. April, 20.15 Uhr.