KURDEN Mobilmachung
Privat ist der Kurden-Führer Dilshad Barzani, 41, deutscher als viele Deutsche. In der Toilette seiner Berliner Fünf-Zimmer-Wohnung mahnt ein Aufkleber "Erst sitzen, dann putzen". Und im Wohnzimmer wird statt des traditionellen kurdischen Tees magenschonender Kaffee mit Dosenmilch serviert.
Doch in seiner Funktion als Europa-Chef der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) packt Barzani schnell die Leidenschaft. Ein Einmarsch der Türken in den Nordirak werde neuen Krieg bedeuten, erklärt er kategorisch und erschreckt deutsche Innenpolitiker und Staatsschützer.
Der Leiter des Baden-Württembergischen Verfassungsschutzes, Helmut Rannacher, warnt: "Je nach Entwicklung im Nordirak wird sich die Lage auch bei uns zuspitzen." Sein Düsseldorfer Kollege Hartwig Möller hält dann "gewaltsame Aktionen wie Brandanschläge gegen türkische Reisebüros, Banken und Konsulate für wahrscheinlich". Als Fernsehsender am Samstag vor einer Woche verbreiteten, türkische Truppen seien bereits auf dem Weg in das Reich Saddams, meldeten sich Dutzende aufgeregter Landsleute. "Wir hatten große Mühe, sie zu beruhigen", sagt Barzani. Noch nachts um halb eins musste er seinen Bruder Massud in der Nähe von Mossul anrufen, um die Meldung zu überprüfen; sie war offensichtlich eine Ente. "Bis zu 100 000 Leute", glaubt der Kurden-Vertreter, seien im Ernstfall mobilisierbar, die "dann ganz schnell vor dem Bundestag und den Botschaften stehen werden". Barzanis Anhänger gelten durchweg als friedlich im Gegensatz zu den Truppen der in "Kadek" umbenannten PKK. Dort "mehren sich die Stimmen, den friedlichen Kurs zu beenden", hat Verfassungsschützer Rannacher beobachtet.
Grund für Proteste bieten nach Ansicht vieler Kurden vor allem Außenminister Joschka Fischer und dessen Grüne. Eine Anfrage nach Schutzanzügen, Gasmasken und Mitteln gegen Thallium-Vergiftungen, mit denen sich die Kurden für den Krieg wappnen wollten, sei bislang "nicht beantwortet worden", kritisiert Barzani; das Auswärtige Amt hingegen will eine derartige Anfrage nicht kennen. Einen Gesprächswunsch der Kurden-Führer lehnte Fischer auf Ministerebene ab. "Die halten absichtlich Abstand zu uns", klagt Barzani. "Ich bin von den Grünen enttäuscht."
Also suchte man nach neuen Freunden. Im April vergangenen
Jahres trafen sich mehrere Kurden-Führer in der Nähe von
Berlin konspirativ mit Amerikanern. Zwei Tage lang
besprachen sie Szenarien, wie Saddam per Waffengewalt
gestürzt werden könne. Anwesend waren Vertreter der CIA,
des Weißen Hauses, des Pentagon und des US-Senats. Nur das
Auswärtige Amt wusste von diesem speziellen Kriegs-Hearing
nichts.