UMWELTSCHÄDEN: "Viele Langzeitopfer" - DER SPIEGEL
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UMWELTSCHÄDEN "Viele Langzeitopfer"

Klaus Töpfer, 64, Leiter des Uno-Umweltprogramms, über die ökologischen Folgen des Irak-Kriegs
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Töpfer, im Vergleich zum letzten Golfkrieg brannten diesmal bisher nur wenige Ölquellen. Sind die Umweltfolgen deshalb weniger dramatisch?

Töpfer: Sicher sind bislang weniger giftige Schadstoffe wie Schwefeldioxid, Rußpartikel oder Dioxine in den schwarzen Rauchwolken aufgestiegen. Aber auch die Verbrennung von Öl in Gräben zur Verwirrung der Angreifer ist die Variante eines Umweltkriegs, wie wir sie schon aus der Antike kennen. Die erste Auswertung von Satellitenbildern durch unsere Expertengruppe ist schon heute beunruhigend.

SPIEGEL: In Kuweit stieg beim letzten Krieg die Sterblichkeitsrate um zehn Prozent. Selbst die Frühjahrsblüte blieb aus.

Töpfer: Wir müssen auch nach diesem Krieg mit vielen Langzeitopfern rechnen. Denken Sie nur an die Zerstörung der Wasserversorgung oder der Abwassersysteme, die Erkrankungen insbesondere bei Kindern erzeugen werden. Nach den Kriegen auf dem Balkan, in Afghanistan oder in Palästina haben wir schon konkrete Umweltbewertungen gemacht. Dazu gehören auch die Auswirkungen von abgereicherter Uranmunition.

SPIEGEL: Von den Alliierten wurden chirurgische Schläge mit intelligenten Bomben auf ausgewählte Ziele versprochen.

Töpfer: Ich habe meine Zweifel, ob Bomben jemals intelligent sein können. Über die Freisetzung von Umweltchemikalien bei der Zerstörung von Regierungsgebäuden, Palästen oder militärischen Einrichtungen brauchen wir intensive Untersuchungen.

SPIEGEL: Wie teuer kommen die Umweltschäden im Irak?

Töpfer: Wir kennen die Zahlen der Umweltzerstörungen in Kuweit als Folge des letzten Golfkriegs, die auf 40 Milliarden Dollar geschätzt werden. Meine Behörde hat eigens eine so genannte "Post Conflict Assessment"-Gruppe gebildet, die wie schon für Afghanistan, Palästina und den Balkan auch demnächst im Irak eine Bestandsaufnahme und ein Handlungsprogramm vorlegen wird.

SPIEGEL: In kriegerischen Auseinandersetzungen werden die Menschenrechte durch die Genfer Konvention geschützt. Schutz für die Umwelt ist nicht einmal Theorie.

Töpfer: Wer die Umwelt als Waffe missbraucht, sollte international geächtet werden. Vorstellbar ist eine Umweltschutz-Konvention, die den verbrecherischen Einsatz natürlicher Ressourcen als Kriegsverbrechen begreift. Die Politik der verbrannten Erde gehörte zu fast jedem Krieg.

SPIEGEL: Bietet ein Waffenstillstand die Chance, das historische Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, den biblischen Garten Eden, noch zu retten?

Töpfer: Das ist eine besondere Tragödie. Dieser einmalige, 5000 Jahre alte Siedlungsraum in den ausgedehnten Sumpflandschaften wurde auch aus politischen Gründen durch Vertreibung oder Umsiedlung der Bevölkerung nahezu vernichtet. Es wurden über 200 000 Umweltflüchtlinge gezählt. Wir haben konkrete Studien erarbeitet, um durch Deichverlegungen, gezielte Drainagen sowie Flutungen die alte Landschaft wiederherzustellen. Es dürfte die letzte Gelegenheit für eine Kehrtwende sein.