Die Wahl im Osten: "Die Linke steht ratlos da" - DER SPIEGEL
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Die Wahl im Osten "Die Linke steht ratlos da"

Der PDS-Politiker Gregor Gysi hofft auf einen Neuanfang für die Partei und schließt eine Rückkehr an die Spitze aus.
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SPIEGEL:

Herr Gysi, Sie haben vor Ihren Anhängern erklärt, die PDS hätte die Wahl selbst versaut. Wie groß ist Ihr Anteil daran?

Gysi: Das kann ich nicht beurteilen. Das ist spekulativ ...

SPIEGEL: ... aber Ihr Rücktritt als Wirtschaftssenator der Hauptstadt hat viele verärgert.

Gysi: Wenn ich nicht zurückgetreten wäre, dann hätten sicher viele Leute gesagt: Die PDS wähle ich nicht mehr, weil der Gysi an seinem Amt klebt. Mich ärgert an der Debatte um meinen Anteil an der Wahlniederlage, dass offensichtlich Personen für viele mehr zählen als Programme.

SPIEGEL: Diesmal wollten die Wähler offenbar weder Programm noch Personen von der PDS. Warum?

Gysi: Als ich mich im Jahr 2000 von der Spitze der Bundestagsfraktion zurückzog, hatte ich geglaubt, wir seien mit Personen und Inhalten ausreichend in der Bundesrepublik verankert. Das war vielleicht ein Irrtum.

SPIEGEL: War es nicht absehbar, dass ein Spitzenquartett in einem Lagerwahlkampf nicht bestehen kann?

Gysi: Die Wahlniederlage hat viele Gründe. Natürlich war es schwer, mit vier Spitzenkandidaten durchzudringen.

SPIEGEL: Woran liegt es, dass die Ostpartei PDS ausgerechnet im Osten Stimmen einbüßte?

Gysi: Wir haben in den vergangenen Jahren einen Teil unserer emotionalen, kulturellen und sinnlichen Verankerung im Osten verloren ­ unabhängig davon, ob wir uns an einer Landesregierung beteiligt haben oder nicht.

SPIEGEL: Vielleicht vertreten die anderen Parteien jetzt den Osten einfach besser?

Gysi: Nein, die sind nicht besser, wir sind schlechter geworden. Aber spätestens in einem Jahr werden die Menschen ein Vakuum spüren. Das wird wie 1990 sein, als die Menschen nach der Abwicklung der DDR-Elite auch plötzlich merkten, was ihnen fehlte.

SPIEGEL: Ihr Traum von einem Mittelinks-Bündnis ist geplatzt, es bleiben nur zwei PDS-Bundestagsabgeordnete ­ sollen die jetzt Gerhard Schröder stützen?

Gysi: Da müsste Schröder schon auf uns zukommen. Zumindest im ersten Wahlgang wird nur der zur Kanzlerwahl antreten, der über eine eigene Mehrheit verfügt. Ob SPD und Grüne auf uns zukommen, das wird sich zeigen.

SPIEGEL: Sie haben jüngst dem früheren SPD-Chef Oskar Lafontaine einen Dialog über die Zukunft der Linken in Deutschland angeboten. Ist das Ihr neues Projekt?

Gysi: Ich will eine neue Debatte unter der Linken anstoßen und keine neue Linkspartei. Lafontaine und ich haben für diese Diskussion eine Verantwortung. Denn bislang hat die Linke zwar die Globalisierung und die Neuordnung der Welt kritisiert, eine Antwort auf die Herausforderungen aber noch nicht gefunden. Die Linke steht weitgehend so ratlos da wie 1989.

SPIEGEL: Ihr Freund André Brie hat jedoch schon von einer ganz neuen Linkspartei gesprochen.

Gysi: Eine neue Partei ­ das ist Quatsch. Parteien werden nicht gegründet, wenn zwei ältere Herren eine Idee verfolgen und gerade nichts anderes zu tun haben. Und was mich selbst betrifft: Ich bleibe in der PDS.

SPIEGEL: Werden Sie, wenn in wenigen Wochen ein neuer Vorstand gewählt werden muss, wieder Vorsitzender?

Gysi: Ich kenne kein Argument, das mich davon überzeugen könnte. Wir brauchen einen Neustart, ein Modell für die Zukunft und keine Wiederbelebung der Geschichte.

SPIEGEL: Wird es die PDS bei der nächsten Bundestagswahl noch geben?

Gysi: Wenn die Partei den Mut findet, offen zu diskutieren und beieinander zu bleiben, dann hat sie eine Chance für einen Neuanfang. Vor allem brauchen die Menschen in der Partei Mut. Aber was das betrifft, bin ich ganz gelassen: Wer 1989 überstanden hat, der übersteht auch diese Wahlniederlage. So 'ne Partei ist letztlich nicht totzukriegen.

INTERVIEW: STEFAN BERG

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