Seuchen "Sars war ein Warnschuss"
Der Frankfurter Virologe Wolfgang Preiser, 37, über das Verschwinden des Sars-Erregers
SPIEGEL:
Die Reisewarnungen für China und Hongkong sind aufgehoben. Heißt das, die Seuche ist am Ende?
Preiser: Für eine Entwarnung ist es zu früh: Das Virus könnte unentdeckt überleben - in Infizierten, bei denen die Krankheit ohne Symptome verläuft, oder in geheilten Sars-Patienten.
SPIEGEL: Wird die Seuche zurückkommen?
Preiser: Vorsicht ist geboten. Der nächste Winter könnte kritisch werden. Denn trockenkalte Luft senkt die Abwehrkräfte und könnte Sars erneut zuschlagen lassen.
SPIEGEL: War die Angst vor Sars übertrieben?
Preiser: Der Erreger hatte zwar nicht die Qualität eines neuen Grippevirus. Aber es handelte sich um eine bisher unbekannte Mikrobe; sie brach nicht in einem entlegenen Erdteil aus wie Ebola; und Infizierte trugen sie rasch um die Welt.
SPIEGEL: Was hat das Virus am Ende zurückgedrängt?
Preiser: Zum einen das konzertierte Vorgehen der Behörden und die schnelle Ermittlung des Erregers. Beim Aids-Virus hat das noch zwei Jahre gedauert, bei Sars waren es kaum zwei Monate. Entscheidend waren aber altbekannte Maßnahmen wie Quarantäne oder die Ermittlung von Kontaktpersonen.
SPIEGEL: Warum blieb Europa weitgehend verschont?
Preiser: Wir haben viel Glück gehabt - zumal wir durchaus auf Probleme stießen. Es war zum Beispiel gar nicht so einfach, an Passagierlisten von Flugzeugen zu kommen, in denen ein Infizierter saß. Bei Gesundheitsbehörden heißt es da: Datenschutz. Die US-Geheimdienste hingegen kriegen die Listen schon vorm Abflug zum Computerabgleich. Das muss künftig besser laufen.
SPIEGEL: Brauchen wir internationale Notgesetze für Seuchen?
Preiser: Zumindest bedarf es guter Absprachen und Pläne. Hätten wir Sars nicht eindämmen können, hätten wir dringend Impfstoffe und antivirale Substanzen gebraucht. Dabei können Verzögerungen wegen des Patentrechts entstehen, die unbedingt auszuräumen sind. Sars war ein Warnschuss - ein noch gefährlicherer Erreger wird sicher kommen.