Titel Die Abschaffung der Gesundheit
Anfang des 20. Jahrhunderts begann ein Arzt namens Knock damit, den Menschen die Gesundheitauszutreiben. Der Franzose schuf eine Welt, die nur nochPatienten kannte: "Jeder gesunde Mensch ist ein Kranker,der es noch nicht weiß." Knock trat seinen Dienst in einem Bergdorf namensSaint-Maurice an. Die Einwohner waren wohlauf und gingennicht zum Arzt. Der verarmte alte Landarzt versuchte seinenNachfolger zu trösten und sagte: "Sie haben hier die besteArt von Kundschaft überhaupt: Man lässt Sie in Ruhe."Doktor Knock war nicht gewillt, sich damit abzufinden.Doch wie nur sollte der Neuling die vitalen Menschen inseine Praxis locken? Was nur sollte er den Gesundenverschreiben? Listig schmeichelt Knock dem Dorflehrer undbringt ihn dazu, den Einwohnern Vorträge über die Gefahrenvon Kleinstlebewesen zu halten. Er engagiert denDorftrommler und lässt ihn ausrufen, der neue Doktor ladealle Bewohner zu einer kostenlosen Konsultation - um die"unheimliche Ausbreitung von Krankheiten aller Arteinzudämmen, die seit einigen Jahren in unserer einstmalsso gesunden Region um sich greifen".Das Wartezimmer füllt sich. In den Sprechstundendiagnostiziert Knock sonderliche Symptome und bläut denunbedarften Dörflern ein, dass sie seiner ständigenBetreuung bedürfen. Viele hüten fortan das Bett und nehmenallenfalls noch Wasser zu sich. Am Ende gleicht das Dorfeinem einzigen Hospital. Es bleiben nur so viele Menschengesund, wie nötig sind, die Kranken zu pflegen. DerApotheker wird ein reicher Mann; ebenso der Wirt, dessenGasthof als Notlazarett allzeit ausgelastet ist.Knock blickt abends begeistert auf ein Lichtermeer ringsum:Es sind 250 hell erleuchtete Krankenstuben, in denen - wievom Doktor verordnet - 250 Fieberthermometer in die dafürvorgesehenen Körperhöhlen geschoben werden, sobald es zehnschlägt. Der Dreiakter "Knock oder der Triumph der Medizin" feierte1923 in Paris eine rauschende Premiere. In den folgendenvier Jahren wurde das Stück des französischenSchriftstellers Jules Romains 1300-mal aufgeführt, spätermehrfach verfilmt, und es wird bis heute an Schulengezeigt. Das Theater des Doktor Knock ist nichttotzukriegen - seine bühnenreife Medizin wird im echtenLeben fortgeschrieben. Sie handelt davon, wie gesundeMenschen in Patienten verwandelt werden.An die Stelle des verführerischen Dorfarztes jedoch isteine ungleich größere Macht getreten, den Menschen dieGesundheit auszutreiben: die moderne Medizin. Ärzteverbändeund Pharma-Firmen, häufig von Patientengruppen unterstützt,predigen eingangs des neuen Jahrhunderts eine Heilkunst, die keine gesunden Menschen mehr kennt.Um das enorme Wachstum der früheren Jahre beibehalten zukönnen, muss die Medizinindustrie immer häufiger auchGesunde medizinisch traktieren. Global operierendePharma-Konzerne und international vernetzte Ärzteverbändedefinieren die Gesundheit neu: Natürliche Wechselfälle desLebens, geringfügig vom Normalen abweichende Eigenschaftenoder Verhaltensweisen werden systematisch als krankhaftumgedeutet. Pharmazeutische Unternehmen sponsern dieErfindung ganzer Krankheitsbilder und schaffen ihrenProdukten auf diese Weise neue Märkte.Der Begriff "Sisi-Syndrom" beispielsweise tauchte 1998erstmals auf: in einer einseitigen Werbeanzeige desUnternehmens SmithKline Beecham. Die betroffenen Patientensind dem Konzern zufolge depressiv und gegebenenfalls mitPsychopharmaka zu behandeln. Allerdings überspielten sieihre krankhafte Niedergeschlagenheit, indem sie sich alsbesonders aktiv und lebensbejahend gäben. Das Syndrom werdenach der österreichischen Kaiserin Elisabeth ("Sisi")benannt, da sie den Patiententypus wie ein Urbildverkörpere. Seither hat das Schlagwort die Medien erobertund wird von Psychiatern propagiert: Inzwischen wird dieZahl der am Sisi-Syndrom erkrankten Deutschen bereits aufdrei Millionen geschätzt. Der Psychiater Markus Burgmer, 35, und Kollegen desUniklinikums Münster entlarvten das Volksleiden kürzlichals Erfindung der Industrie. Ihre Auswertung derFachliteratur hat offenbart, dass das Krankheitsbild als"wissenschaftlich nicht begründet" anzusehen ist. DieMedienpräsenz des Sisi-Syndroms, darunter ein lanciertesSachbuch zum Thema, gehe vielmehr zurück auf Wedopress,eine PR-Firma in Oberursel, die von dem Pillenherstellerbeaufragt worden war.Wedopress selbst rühmt sich heute, für die "Einführungeiner ,neuen' Depression" ein "Trommelfeuer" in den Medienausgelöst zu haben. Das Fazit der PR-Agentur lautet: "DasSisi-Syndrom ist etabliert als besondere Ausprägung derDepression, akzeptiert von Medizinern und Patienten."Die Firmen Jenapharm und Dr. Kade/ Besins Pharma wiederumversuchen gegenwärtig, eine Krankheit bekannt zu machen,die angeblich Millionen von Männern im besten Alterheimsucht: das Aging Male Syndrome - die Menopause desMannes. Die Unternehmen haben Meinungsforschungsinstitute,PR-Unternehmen, Werbeagenturen, Medizinprofessoren undJournalisten in Gang gesetzt, um die Wechseljahre desMannes als ernst zu nehmende und weit verbreiteteErkrankung bekannt zu machen. Auf Pressekonferenzen wurde"der schleichende Verlust" der männlichen Hormonproduktionbeklagt. Anlass für die Kampagne war die Marktreife zweier Hormonpräparate, die seit Frühjahr2003 in Deutschland zu kriegen sind."Es ist schlau und auch ein bisschen gemein, Leute davon zuüberzeugen, dass sie etwas haben, von dem sie bisher garnicht wussten, dass es existiert", sagt Jacques Leibowitch,Arzt im Krankenhaus Raymond Poincaré nahe Paris.Die Ausweitung der Diagnosen in den Industriestaaten hatein groteskes Ausmaß angenommen. Etwa 30 000 verschiedeneSeuchen und Syndrome, Störungen und Krankheiten wollenÄrzte beim Homo sapiens ausgemacht haben. Für jedeKrankheit gibt es eine Pille - und immer häufiger für jedeneue Pille auch eine neue Krankheit. Im Englischen hat dasPhänomen schon einen Namen bekommen: "disease mongering" -das Handeln mit Krankheiten. Krankheitserfinder verdienen ihr Geld an gesunden Menschen,denen sie einreden, sie wären krank. Ob soziale Phobie,Internet-Sucht, erhöhter Cholesterinspiegel, larvierteDepression, Übergewicht, Menopause, Prä-Hypertonie,Weichteilrheumatismus, Reizdarmsyndrom oder erektileDysfunktion - medizinische Fachgesellschaften,Patientenverbände und Pharma-Firmen machen in nicht endenwollenden Medienkampagnen die Öffentlichkeit auf Störungenaufmerksam, die angeblich gravierend sind und viel zuselten behandelt werden.Im Ruhrgebiet sind "zwei Drittel der über 45-Jährigeninfarktgefährdet", berichtet die "Ärzte Zeitung". Mehr alsdrei Millionen Bundesbürger leiden am chronischenErschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome), behauptetdie in Düsseldorf erscheinende "Medical Press" - und fügtverschämt hinzu: "ohne Gewähr". Die Gesellschaft fürErnährungsmedizin und Diätetik in Aachen geht noch weiter:"Die in Deutschland lebenden Menschen sind alle von einemVitaminmangel betroffen", verkündet sie schlicht.Jeder fünfte Familienvater, sonst immer zuverlässig undgeduldig mit den Kindern, erkranke einmal im Leben amsoeben entdeckten "Käfig-Tiger-Syndrom", beteuern dermünstersche Professor für Allgemeinmedizin Klaus Wahle unddie PR-Firma Medical Consulting Group. Auf Grund bislangunerkannter, spezifischer Verstimmungen könnten die Papas"sich nicht mehr gut entscheiden, hadern ununterbrochen mitallem und jedem. Wie ein eingesperrter Tiger im Käfig". Insolchen Fällen könnten Psychopharmaka und Extrakte ausJohanniskraut "für einen wieder ausgeglichenen Haushalt derBotenstoffe" im väterlichen Hirn sorgen.51 Prozent im Volke leiden unter "Refluxsymptomen mitBeeinträchtigung der Lebensqualität", verkündet eineAllgemeinärztin aus dem bayerischen Rödental - sie meintSodbrennen. Genau 822 595 Menschen mit Hyperhidrose willdie private Kölner Klinik am Ring in Deutschland gezählthaben: Die Betroffenen schwitzen - angeblich so stark, dasssie medizinischer Hilfe bedürfen.Auch deutsche Rentner auf Mallorca sind reif für denInseldoktor: Trotz - oder vielleicht gerade wegen -schönster äußerer Umstände mache ihnen die"Paradies-Depression" zu schaffen. Dieses Leiden will derim sonnigen Spanien praktizierende Psychotherapeut EckhardNeumann beobachtet haben.Ähnlich bedrohlich mutet die "Leisure Sickness" an, diepathologische Unfähigkeit zum Müßiggang. Ad Vingerhoets vonder Universität im niederländischen Tilburg meint, dreiProzent der Bevölkerung würden durch Freizeit krank. DieSymptome reichen von Müdigkeit über Kopf- undGliederschmerzen bis zu Erbrechen und Depressionen.Ferienorte sind zu meiden, weil die Seuche dort besondersheftig grassiert.Selbst die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht wird vonden Ärzten wie ein körperliches Leiden behandelt. Firmenwenden sich an die Mädchen, beispielsweise in kostenlosenZeitschriften, die beim Frauenarzt ausliegen. "Fragen Siebei der Terminvergabe nach der Teenie-Sprechstunde", rätdas Blättchen "Women's Health", das laut Impressum mit"exklusiver Unterstützung der Grünenthal GmbH" erscheint.Im Editorial heißt es: "Der Gynäkologe wird zum Begleiterin allen Lebensphasen, und nicht selten legt er mit seinenPatientinnen eine Lebensstrecke gemeinsam zurück - vonjungen Jahren bis ins Alter."Sämtliche Umbruchphasen im Leben einer Frau sind längst inmedizinische Probleme umdefiniert: Die meisten werdendenMütter in Deutschland gelten als risikoschwanger, und die Zahl der Kaiserschnitte auf Wunsch steigt. JedesJahr werden rund 160 000 Gebärmütter entfernt - wobeiExperten zufolge mindestens 60 000 dieser Eingriffeüberflüssig sind. Die Tage vor der Regelblutung("prämenstruelles Syndrom") und natürlich die Wechseljahrewurden medikalisiert: Jede vierte Frau über 40 schluckt inDeutsch-land Östrogenpräparate, obwohl ein Nutzenwissenschaftlich nicht erbracht werden kann.Ist eine erfundene Krankheit erst einmal im öffentlichenBewusstsein angekommen, zahlen Patienten und Krankenkassenwie selbstverständlich für die entsprechenden Medikamenteund Therapien. Auch die aktuelle Reform desGesundheitswesens versäumt es, mit dem Erfinden vonKrankheiten aufzuräumen - einer legal abgesichertenAusbeutung der Sozialversicherung, aber auchleichtgläubiger Selbstzahler steht nichts im Weg. Während die ausufernden Kosten das Gesundheitssystemüberfordern, laufen die Geschäfte der Pharma-Industrieglänzend. Im allgemeinen Krisenjahr 2002 wuchsen dieGewinne der zehn größten Pharma-Unternehmen abermals umansehnliche 13 Prozent. Für das Marketing gibt die reicheBranche mehr Geld aus als für die Forschung. Ein Drittelder Erlöse und ein Drittel des Personals setzt Big Pharmaein, um Arzneimittel auf dem Markt zu platzieren. Zug um Zug werden dabei Krankheiten aufgebauscht oderschlicht ausgedacht. "Die Marketingleute jazzen das immerhoch. Das ist doch der natürliche Enthusiasmus", erklärteFred Nadjarian, Geschäftsführer der Firma Roche inAustralien gegenüber dem "British Medical Journal". Ende der neunziger Jahre wollte Roche seinAntidepressivum Aurorix vermarkten, das gegen die sozialePhobie helfen soll, eine vorgeblich krankhafte Form derSchüchternheit. Eine von Roche gesponserte Pressemitteilungbehauptete, mehr als eine Million Australier litten unterdem "die Seele zerstörenden" Syndrom, das mitVerhaltenstherapie und Arzneimitteln zu behandeln sei.Angesichts des großen Marktes rieb sich Nadjarian schon dieHände - doch dann bekamen er und seine Leute nicht einmalgenügend Testpersonen für die klinischen Studien zusammen.Die soziale Phobie war weit seltener, als dieRoche-Mitarbeiter zunächst sich selbst und anschließend derÖffentlichkeit eingeredet hatten. Diese Pleite offenbareein Problem der Pharma-Branche, räumt Nadjarian ein -nämlich den Hang zur Übertreibung. "Wenn Sie die ganzenStatistiken zusammenzählen", so der Manager, "dann müssteein jeder von uns ungefähr 20 Krankheiten haben. Vieledieser Sachen werden völlig übertrieben dargestellt."An dieser Masche stören sich etliche Ärzte. Hermann Füeßlvom Bezirkskrankenhaus Haar etwa beklagt in dem Fachblatt"MMW": Die Verbreitung "von Problemen wird durchepidemiologisch fragwürdige Untersuchungen ins Gigantischegesteigert, um dem Betroffenen aufzuzeigen, dass er sich in'bester Gesellschaft' befindet".Ärzte, besonders die Spezialisten, erreichen einen besserenStatus, gewinnen an Einfluss und verdienen mehr Geld, wennein neues Territorium für die Medizin erobert wird.Professoren deutscher Universitäten steigen wieselbstverständlich als Meinungsbildner für diePharma-Industrie in den Ring. Diese "Mietmäuler"(Branchenspott) streichen für einen Vortrag oder einenAuftritt auf einer Pressekonferenz Honorare in Höhe von3000 bis 4000 Euro ein und machen offen Werbung für dieentsprechenden Krankheiten und die dazu passenden Produkte."Wenn es keine Krankheit gibt, dann gehen die Pharma-Firmenpleite", sagt Carlos Sonnenschein, Hormonexperte an derTufts University in Boston. "Die Tragödie der Wissenschaft liegtdarin, dass Mediziner bereit sind, ihre Expertise zuverkaufen, um den Interessen der pharmazeutischen Firmen zudienen."Ausgerechnet medizinische Gesellschaften sind vielfach eineenge Liaison mit der Industrie eingegangen. Martina Dören,Professorin für Frauengesundheit an der Freien Universitätin Berlin, kritisiert: "Durch die in aller Regel dünne, aufMitgliederbeiträgen beruhende finanzielle Ausstattungwissenschaftlicher Fachgesellschaften hat es sich leideretabliert, dass Kongresse ohne substanzielle finanzielleUnterstützung pharmazeutischer Firmen nicht mehr existierenkönnen."Die allermeisten Daten zur Volksgesundheit werden imAuftrag von privaten Unternehmen und Kliniken erhoben undvon Public-Relations-Agenturen an die Medien geliefert. DieZahlen beruhen bestenfalls auf Stichproben und werdenhochgerechnet auf das ganze Volk. Häufig genug aber gehtdie behauptete Verbreitung einer Krankheit nur zurück aufbeliebige Schätzungen. Kein Misstrauen regte sich, als der Psychologe AlexanderDröschel aus Saarlouis im vorigen Jahr gegenüber derDeutschen Presse-Agentur verkündete, zwischen Stralsund undKonstanz litten rund eine Million Kinder an einerpsychiatrischen Krankheit, demAufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS).Seine Aussage wurde in ganz Deutschland verbreitet, einekonkrete Quelle dafür vermochte Dröschel nicht anzugeben:"Es kursieren die unterschiedlichsten Zahlen. Da habe icheine aus dem mittleren Bereich herausgegriffen." AnDröschels öffentlicher Spekulation finden einschlägigePharma-Firmen Gefallen: Sie halten Psychopillen fürzappelige Kinder bereit, damit diese in Familie und Schulebesser funktionieren, als die Natur sie geschaffen hat.Aggressiv buhlen sie um die jungen Patienten.Die Firma Novartis mit Sitz in Nürnberg hat sogar einBilderbuch zum Thema ADHS herausgebracht. DasPharma-Märchen erzählt die Geschichte des Kraken Hippihopp,der "fürchterlich ausgeschimpft" wird, weil er "überall undnirgends ist" und ihm viele Missgeschicke passieren.Glücklicherweise erkennt Doktorin Schildkröte, wasHippihopp hat: "ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom"! Und sieweiß auch, was er braucht: "eine kleine weiße Tablette".Zu den Firmen, die sich den Markt selbst erfinden, gehörtdas Jenaer Unternehmen Biolitec. "Neuer Trend in derkosmetischen Chirurgie - erfolgreicher Einsatz vonBiolitec-Lasern bei Vagina-Verjüngung" meldete die Firmavor einem Jahr. Es seien "bereits erste Kliniken inDeutschland und Österreich dazu in der Lage, die Form derVagina entscheidend zu verbessern und ein jugendlichesAussehen wiederherzustellen, so dass unter anderem auch dasLustempfinden der behandelten Frauen deutlich gesteigertwerden kann".Für den behaupteten Zuwachs an Designerscheiden fehltefreilich jeder Beleg. Auf die Nachfrage, welche Ärzte dennVaginen per Laser aufhübschten, nannte die beauftragtePR-Firma, die Financial Relations AG in Frankfurt am Main,zwar die Telefonnummern zweier Schönheitskliniken in BadReichenhall und Heidelberg. Wie sich herausstellte, konntesich jedoch in beiden Häusern niemand erinnern, Scheidenverschönert zu haben. Die PR-Firma wollte dennoch nicht vonihrer Aussage abrücken und trieb nach vielen Tagen einenChirurgen auf, der in Wien praktizierte. Der Mann habe"Erfahrung mit kosmetischer Schamlippenkorrektur undbestätigt den Trend".Der Handel mit Krankheiten kennt fünf Spielarten, wie sieder australische Kritiker Ray Moynihan und zwei Ärztebeschrieben haben:
- Seltene Symptome werden als grassierende Krankheitendargestellt. Seit der Einführung der Potenzpille Viagrabreitet sich die Impotenz erstaunlich aus. Auf einerInternet-Seite des Viagra-Herstellers Pfizer heißt es:"Erektionsstörungen sind eine ernst zu nehmende und häufigeGesundheitsstörung: Ungefähr 50 Prozent der Männer zwischendem 40. und 70. Lebensjahr sind davon betroffen." DerHamburger Urologe Hartmut Porst, einer der führendenPotenzforscher in der Welt, hält diese pauschale Aussagefür heillos übertrieben: "Völliger Unfug."
- Persönliche und soziale Probleme werden in medizinischeProbleme umgemünzt. In der Nervenheilkunde gelingt dieUmwandlung der Gesunden in Kranke besonders gut, zumal "eskeinen Mangel an Theorien gibt, nach denen fast alleMenschen nicht gesund sind", wie der Hamburger Arzt KlausDörner spottet. Entsprechend rasant hat sich dieZahl der seelischen Leiden in den offiziellen"Klassifikationssystemen" vermehrt. Im Katalog deramerikanischen Veteran's Administration waren nach demZweiten Weltkrieg gerade einmal 26 Störungen notiert. Dasjetzt gültige "Diagnostic and Statistical Manual of MentalDisorders" (DSM-IV) der Vereinigung der amerikanischenPsychiater zählt 395 verschiedene Leiden auf.
- Risiken werden als Krankheit verkauft. Indem Normwertefür Messgrößen wie Cholesterin und Knochendichteherabgesetzt werden, wächst der Kreis der Kranken. DasJonglieren mit Risikofaktoren wird in den nächsten Jahreneine ungekannte Beschleunigung erfahren: durch die kürzlichabgeschlossene Entschlüsselung des menschlichen Genoms.Fast im Wochentakt werden inzwischen Gene entdeckt, dieKrankheiten im späteren Leben auslösen oder begünstigen;darunter womöglich künftig auch "Krankheitsgene", dieangeblich zu sozial unerwünschtem Verhalten beitragen. Fürdie Ethiker Jacinta Kerin und Julian Savulescu wird dieAuffassung von Gesundheit dadurch entscheidend verändert:"In diesem Sinne wird die Genetik uns die Sichtweiseermöglichen, dass wir alle in irgendeiner Hinsicht 'krank'sind."
- Leichte Symptome werden zu Vorboten schwerer Leidenaufgebauscht. Das Reizdarmsyndrom etwa geht mit einer Füllevon Symptomen einher, die jeder schon einmal gespürt hatund die viele als normales Rumoren im Darm ansehen: Schmerzen, Durchfall und Blähungen. Die diffusenBeschwerden treten vor allem bei Frauen auf und wurdenbisher den psychosomatischen Erkrankungen zugerechnet.
Nicht nur die Gesetze des Markts fördern die Ausweitung derMedizin. Sie vollzieht sich auch deshalb so rasch, weil derHeilkunde seit Jahrzehnten kein Durchbruch gelungen ist. Woaber Therapien gegen Geißeln wie Krebs fehlschlagen, wolukrative Pharma-Patente ablaufen, wo wütendeForschungsanstrengungen (jeden Tag erscheinen etwa 5500medizinische Artikel) keine Durchbrüche bringen, da wendensich Mediziner und Pharma-Forscher den Gesunden zu.Der im vorigen Jahr verstorbene Medizinhistoriker RoyPorter hielt die Medikalisierung des Lebens für einstrukturelles Problem der westlichen Gesundheitssysteme undGesellschaften, weil in ihnen die bestmögliche medizinischeVersorgung als Grundrecht gilt. Es entstehe "ein gewaltigerDruck - erzeugt von Medizinern, dem Geschäft mit derMedizin, Medien, aggressiv werbenden pharmazeutischenUnternehmen und pflichtbewussten (oder anfälligen)Einzelpersonen -, die Diagnose behandelbarer Krankheitenauszuweiten". Wie eine außer Kurs geratene Raketeschraubten sich Ängste und Eingriffe immer höher. Ärzte undKonsumenten erlägen zunehmend der Vorstellung, "dass jeder irgendetwas hat , dass jeder und allesbehandelt werden kann".Da hilft alles Leugnen nicht. Denn selbst wer sich derausufernden Gesundheitsindustrie verweigert, offenbartdamit nur, dass er ein Fall für sie ist: Etwa drei Prozentder Bundesbürger, so hat die Deutsche Gesellschaft fürPsychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde entdeckt,gehen nur deshalb nicht zum Doktor, weil sie krank sind:Sie leiden unter der "Blut-, Verletzungs-, Arzt- oderZahnarztphobie". JÖRGBLECH