TV-Unterhaltung: "Fetisch DDR" - DER SPIEGEL
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TV-Unterhaltung "Fetisch DDR"

Jana Hensel, 27, Autorin des DDR-Erinnerungsbestsellers "Zonenkinder", über die Ostalgie-Welle im Fernsehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Das ZDF zeigt "Die Ostalgie-Show", der MDR "Ein Kessel DDR", Sat.1 "Die ultimative Ost-Show", RTL "Die DDR-Show". Warum ist die DDR plötzlich ein Unterhaltungsthema?

Hensel: Ich habe noch keine dieser Shows gesehen und habe das auch nicht vor. Aber es gibt eine allgemeine Erinnerungswelle. Die BRD, die siebziger und achtziger Jahre, sind abgegrast. Jetzt holt man die DDR nach.

SPIEGEL: Das ZDF verklärte die DDR zu einem Kuriositätenkabinett mit Ampelmännchen, Goldbroiler und Trabi - Mauer, Stasi und Schießbefehl kamen praktisch nicht vor. Darf man das?

Hensel: In den Erinnerungssendungen über den Westen geht es auch nur um Moden, Musik und alte TV-Sendungen.

SPIEGEL: Aber die DDR war eine Diktatur. Davon erfährt der Zuschauer in der "Ostalgie-Show" des ZDF nichts.

Hensel: Auch an eine Diktatur gibt es private, unpolitische Erinnerungen - an Biografie, Herkunft, Heimat. Die DDR hat allein als Fetisch überlebt. So kann man in Retroboutiquen in Berlin jetzt T-Shirts mit der Aufschrift "DDR" kaufen. Aber deshalb wünscht sich ja niemand die DDR zurück.

SPIEGEL: Privat erinnert sich jeder, so gut er kann. Aber warum hat ein öffentlichrechtlicher Sender Erinnerungslücken?

Hensel: Die Shows wollen ja keine DDR-Aufarbeitung bieten, sondern Unterhaltung.

SPIEGEL: Der Ost-Politiker Günter Nooke fragte schon, was wäre, wenn Johannes Heesters eine Erinnerungsshow über das Dritte Reich moderieren würde.

Hensel: So ein Totschlagargument verhindert jede Auseinandersetzung. Vielleicht sollte man Erinnerung auf vielen Ebenen zulassen - dann erledigt sich das Thema irgendwann von selbst.