Titel "Die Besatzung beenden"
SPIEGEL:
Sie verlangen den raschen Abzug der "amerikanischen Besatzer". Muss das die ohnehin chaotischen Zustände im Irak nicht weiter verschlimmern?
Sadr: Jede Besatzung ist verabscheuungswürdig. Je länger Besatzer in einem Lande bleiben, umso schlimmer sind die Folgen. Die Amerikaner müssen verschwinden, weil die Welle der Gewalt sonst überschwappen wird. Raus mit ihnen, lieber heute als morgen!
SPIEGEL: Ist es nicht gerade umgekehrt? Wenn die Amerikaner nicht im Lande wären, würde ein Bandenkrieg ausbrechen, der alles Bisherige in den Schatten stellt.
Sadr: Die Amerikaner bringen doch das Fass zum Überlaufen. Sie scheinen weder in der Lage noch gewillt zu sein, die allgemeine Sicherheit wiederherzustellen, wie der Angriff auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad gezeigt hat. Auch die Mordanschläge auf schiitische Geistliche hier in Nadschaf zeigen, was wir von George Bushs Soldateska zu erwarten haben.
SPIEGEL: Den Angriff auf die Uno-Zentrale wie auch die Terrorattentate können Sie doch nicht den Amerikanern anlasten.
Sadr: Hätten die Besatzer eine glaubwürdige Sicherheitspolitik verfolgt, wäre so etwas nicht möglich gewesen, das sagen Feind und Freund.
SPIEGEL: Hier in Nadschaf patrouillieren keine Amerikaner, die Sicherheit wird von der Stadt selbst wahrgenommen. Das Attentat auf den Ajatollah haben offenbar Rivalen oder Anhänger von Saddam ausgeheckt.
Sadr: Ich verurteile dieses Verbrechen aufs Schärfste!
SPIEGEL: Vieles deutet darauf hin, dass Bin Ladens al-Qaida im Irak Fuß gefasst hat.
Sadr: Das wäre ein weiterer Beweis für die Unfähigkeit der Amerikaner und die Notwendigkeit, rasch zu handeln und keine Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen. Wir dürfen uns jetzt aber durch nichts von unserer Hauptaufgabe abbringen lassen: die Besatzung zu beenden.
SPIEGEL: Mit Gewalt? Immerhin verfügen Sie ja über eine hochgerüstete Miliz ...
Sadr: ... nein, nein, ich erteile doch keine Schießbefehle. Die Amerikaner sollten mit friedlichen Mitteln aus dem Lande getrieben werden.
SPIEGEL: Wie soll das gehen?
Sadr: Friedliche Appelle, Massenproteste, politische Überzeugungsarbeit - ach, es gibt viele Mittel und Wege.
SPIEGEL: Viele Ihrer Glaubensbrüder halten es für sinnvoller, die Amerikaner im Lande zu belassen, bis sich eine demokratische politische Plattform abzeichnet.
Sadr: "Demokratische Plattform" als Geschenk der Amerikaner? Dass ich nicht lache. Die Soldaten des Herrn Bush haben sich hier nicht eingenistet, um uns mit ihrer amerikanischen Demokratie zu beglücken.
SPIEGEL: Warum sind sie hier?
Sadr: Washington hat den Einmarsch in den Irak schon seit langem geplant. Es geht den Amerikanern um höchst eigennützige Ziele, weswegen sie unser Land auch erst an genau dem Tag verlassen werden, an dem sie ihre Interessen durchgesetzt haben.
SPIEGEL: Beschuldigen Sie die Amerikaner, im Irak eine Kolonialpolitik zu verfolgen?
Sadr: Das tue ich und stehe mit dieser Feststellung nicht allein.
SPIEGEL: Sie fürchten eine lange Besatzungszeit, wollen aber auch keinen gewaltsamen Widerstand. Demnach verurteilen Sie auch die Angriffe auf die US-Armee, die Tag für Tag zunehmen?
Sadr: Die Anhänger des gestürzten Schreckensregimes sind Verbrecher, denen jeder Iraker die Stirn bieten muss. Jeder, der zur Waffe greift, um die Saddam-Ära wieder erstehen zu lassen, ist ein Volksfeind.
SPIEGEL: Der neu berufene "Regierungsrat" bemüht sich, die Weichen für eine demokratische Zukunft zu stellen ...
Sadr: ... was für ein trauriger Club! Diese 25 Leute, die von US-Statthalter Paul Bremer willkürlich ernannt wurden, repräsentieren den Irak in keiner Weise.
SPIEGEL: Mehrere bekannte muslimische Persönlichkeiten, vor allem aus den Reihen Ihrer schiitischen Glaubensbrüder, wirken an dem neuen Gremium mit.
Sadr: Was nichts daran ändert, dass sie kein Mandat vom Volk haben. Sie sind ja auch nicht dem Volk gegenüber verantwortlich, sondern müssen Bremer Bericht erstatten und auf ihn hören.
SPIEGEL: Was wäre denn die politische Alternative?
Sadr: Die Besatzungsmacht muss in unmittelbarer Zukunft Wahlen abhalten. Ein Volksentscheid über die politische Struktur, die sich die Iraker wünschen, könnte den Anfang machen. Aber das hat jetzt zu geschehen und nicht irgendwann in der Zukunft. Ich halte es für bezeichnend, dass sich die Amerikaner in dieser Beziehung nebulös ausdrücken und kein greifbares Datum nennen, um sich nicht festnageln zu lassen.
SPIEGEL: Der von Ihnen geschmähte Regierungsrat bereitet Wahlen vor.
Sadr: Ja, ja, ja - alles haltloses Geschwafel. Sehen Sie denn nicht, dass bereits die Zusammensetzung des "Rates" für jeden vernünftigen Iraker inakzeptabel ist?
SPIEGEL: Die Schiiten sind mit 13 von 25 Mitgliedern gut bedient.
Sadr: Darum geht es mir doch gar nicht. Ich beanstande die Bestellung der Ratsmitglieder durch den Chef der Besatzungsmacht und die mangelnde Qualifikation vieler Mitglieder. Nicht ein einziger Schriftgelehrter von Nadschaf ist vertreten, das ist doch die Verhöhnung der menschlichen Vernunft. Nein, mit dem Rat lässt sich nichts anfangen, wir werden ihn boykottieren, er existiert für uns nicht.
SPIEGEL: Wer soll dann die von Ihnen geforderten Wahlen ausschreiben?
Sadr: Vom Volke gewählte Politiker.
SPIEGEL: Was wäre, wenn die Amerikaner die Ratsmitglieder vom Volke bestätigen ließen?
Sadr: Das Volk soll keine US-Diktate absegnen, sondern seine Kandidaten selbst bestimmen und wählen. Alles andere wäre Betrug und ein Missbrauch des Begriffs Demokratie.
SPIEGEL: Selbst wenn es so laufen sollte, wie Sie es gerne sähen, ist der neue Irak von einem Konflikt mit den Kurden bedroht. Der könnte den ganzen Polit-Schacher in Bagdad zunichte machen.
Sadr: Es fließt leider schon Blut, ich weiß das. Aber wenn wir eine echte Demokratie haben, also mehr als ein demokratisch verbrämtes Besatzungsregime, dann werden wir auch mit unseren kurdischen Landsleuten zu einer für beide Seiten befriedigenden Lösung kommen. Schließlich sind auch die Kurden Muslime.
INTERVIEW: VOLKHARD WINDFUHR