Die Krise als Chance
Die Veröffentlichung von "Was bleibt", das nun manche als einen Versuch lesen, mich selber unter die in der DDR "Verfolgten" einzureihen, andere als Beleg für meine "familiäre" Verquickung mit dem Regime der DDR als "Staatsdichterin". Muß man böswillig sein, um dieser Lesart zu verfallen? Oder einfach ahnungslos? Kann man einen Text so mißverstehen? Hätte ich ihn jetzt nicht herausgeben sollen? Ich schwanke zwischen verschiedenen Meinungen, aber eigentlich weiß ich immer noch nicht, was richtig ist - oder richtig gewesen wäre. Merkwürdigerweise bringt die Art und Weise, wie die Wiedervereinigung betrieben wird, vorher sehr DDR-kritische Leute dazu, sich jetzt gegen die undifferenzierte Verdammung zu wehren. (In der NZZ las ich, daß man Reagans "Reich des Bösen" nun auch in der DDR ausmachen könne!) Neulich sagte mein Kollege Tr. zu mir: Er würde sich jetzt eher auf die Zunge beißen, als ein öffentliches Schuldbekenntnis abzulegen. Soviel ich sehe, hat er keinen Grund zu Schuldbekenntnissen ...
Inzwischen, nach dem Wahlschock am 18. März und dem Beschluß der Volkskammer, kennen wir das Datum, an dem die DDR der Bundesrepublik beitritt: Es ist der 3. Oktober, in wenigen Tagen. Eine neue Verfassung für die DDR ist nun nicht mehr nötig und nicht mehr möglich. Die Arbeitsgruppe hat sich unverdrossen zu einem "Kuratorium für einen demokratisch verfaßten Bund deutscher Länder" umgebildet und arbeitet an einem Verfassungsentwurf für dieses, wie ich glaube, utopische Gebilde. Auch die Präambel muß umformuliert werden.
So viel Energie wie in diesem Jahr ist in der deutschen Geschichte wohl noch nie an Unmögliches gewendet worden. Verschwendet? Ich weiß doch nicht. Es gibt wohl ein physikalisches Grundgesetz, nach dem Energie nicht verloren gehen kann. Ob dies auch auf seelische Energie zutrifft?
Das frage ich Annette*, sie muß es doch wissen. Sie sagt, hier in diesem Land war sehr viel Energie angestaut, die jetzt explosionsartig ausgebrochen ist. Vieles davon wird verpuffen, meint sie. Wir haben uns doch alle in einem seelischen Ausnahmezustand befunden und kehren jetzt zur Normalität zurück. - Normalität? sage ich. Du meinst: In die Krise. - Mutter, sagt sie, du weißt es doch selbst: Das ist jetzt die Normalität. Muß es auch sein. Wär schlimm, wenn wir die Krise verdrängen würden. - Krise als Chance, sage ich. Kluge Tochter. - Wo sie recht hat, hat sie recht, sagt sie. - Und sonst? frage ich. - Sie sagt: Müde: Die Klinik macht mich fertig. Lange geht das nicht mehr. Ich brauche eine Pause.
Ich merke, wie müde ich selber bin, esse Abendbrot, kann und will kaum noch sprechen. G.** läßt mich in Ruhe, ich gehe ins Bett, nehme kein Buch mehr in die Hand, schlafe sofort ein.
* Christa Wolfs ältere Tochter, Jahrgang 1952.
** Der Ehemann Gerhard Wolf, Jahrgang 1928.