Schweden Grenze überschritten
Medienexperten wie der Stockholmer Journalistik-Professor Håkan Hvitfelt rügen die "viel zu detaillierten" Angaben über das private Vorleben des Mannes. Sein Göteborger Kollege Lennart Weibull sagt, dass mit manchen Informationen und Fotos, etwa vom Haus der Mutter, "die Grenze überschritten" worden sei.
"Sexuelle Veranlagung und das Verhältnis zu seiner Mutter haben nichts mit dem Mord zu tun", moniert auch der frühere Presse-Ombudsmann, Per-Arne Jigenius. Sein derzeit amtierender Kollege Olle Stenholm hält sich einstweilen noch bedeckt. "Ich brauche eine Beschwerde", sagt der Ombudsmann, vorher will er sich nicht äußern. Er geht allerdings davon aus, dass er sich offiziell mit dem Fall befassen muss.
Nach schwedischem Recht stehen sich bei der Berichterstattung zwei kaum miteinander zu vereinbarende Grundsätze gegenüber: die Unschuldsvermutung, solange "kein anderes Gerichtsurteil vorliegt", und das jahrhundertealte Öffentlichkeitsprinzip, das jedem "das Recht auf freien Zugang zu offiziellen Dokumenten" zubilligt. Von der Einsicht etwa in Steuerakten, Vorstrafen oder medizinische Gutachten profitieren vor allem Journalisten - auch nach der neuen Festnahme.
Des Mordes an der populären Außenministerin dringend verdächtig ist nun der 24-jährige Mijailo Mijailovic, ein in Schweden geborener Sohn jugoslawischer Eltern. Obschon Polizei und Staatsanwaltschaft nähere Angaben zu dem Beschuldigten, der die Tat bestreitet, bis zum Wochenende strikt verweigerten, gab es in den Medien genügend Informationen. Der Festgenommene gilt als Einzelgänger mit psychischen Problemen, der 1997 bereits seinen Vater niedergestochen habe.
Er soll krankhaft auf Prominente fixiert sein und Anna Lindh gehasst haben. Immerhin scheint die Beweislage der Ermittler diesmal offenbar deutlich besser zu sein. Vor allem die ersten Ergebnisse der DNS-Analysen sollen den Verdächtigen schwer belasten. Die Ermittler zeigen sich jedenfalls "ziemlich sicher", vor einer Lösung des Falls zu stehen.