SKANDALE: "Überflüssige Strenge" - DER SPIEGEL
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SKANDALE "Überflüssige Strenge"

Thomas Ruff, 45, Fotokünstler und Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, über den Umgang mit seinem Professorenkollegen Jörg Immendorff, 58, der nach einer Kokain-Party mit Prostituierten von der nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft vergangene Woche vorläufig von seiner Lehrtätigkeit suspendiert worden ist
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SPIEGEL: Herr Ruff, was halten Sie vom einstweiligen Rausschmiss Immendorffs?

Ruff: Ich halte diese Maßnahme für übertrieben. Was ein Kunstprofessor in seinem Privatleben anstellt, muss doch keineswegs Auswirkungen auf seine Lehrtätigkeit haben. Ein Kunstprofessor soll seinen Studenten beibringen, gute Kunst zu machen. Nur das zählt. Was Immendorff privat macht, ist doch seine Sache.

SPIEGEL: Das Wissenschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen, zuständig für die Entscheidung, verweist auf die moralische Vorbildfunktion eines Beamten.

Ruff: Ich hatte nie das Ziel, Beamter zu werden. Das Ministerium wollte es so, als es mich ins Lehramt berief. Nur erscheint es mir wenig sinnvoll, Kunstprofessoren, die keine übliche Beamtenkarriere hinter sich haben und in der Regel wie ich auch von Haus freie Künstler sind, mit anderen Beamten zu vergleichen. Aber eigentlich frage ich mich, warum Beamte überhaupt Vorbilder sein müssen, das hört sich anachronistisch und nach 19. Jahrhundert an.

SPIEGEL: Schon der Besitz von ein paar Gramm Kokain ist immerhin strafbar ­ wenngleich im Fall Immendorffs die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen noch nicht beendet hat.

Ruff: Auf diese Ergebnisse hätte man doch zumindest warten und dann an der Akademie und im Ministerium darüber diskutieren können, ob und welche Reaktionen angemessen sind. Ich glaube, dass an Immendorff eine überflüssige Strenge und härtere Maßstäbe angelegt werden, weil er nicht nur als Künstler, sondern auch als berühmte Persönlichkeit wahrgenommen wird. Wenn ich mich so verhalten hätte wie er, hätte sich wahrscheinlich keiner aufgeregt.

SPIEGEL: Manche Menschen meinen, Kunst und Exzesse bedingen einander. Sind Sie auch dieser Ansicht?

Ruff: Nein, auf keinen Fall. Es gibt diesen Mythos, dass Künstler schon immer Drogen genommen haben. Aber Kunst ergibt sich nicht aus Drogen.

SPIEGEL: Werden sich deutsche Kunstprofessoren künftig mehr Gedanken über ihre Freizeitgestaltung machen?

Ruff: Bestimmt nicht.