Deutschland Martin Luther
Es blieb still an jenem 31. Oktober 1517. Luther ließ weder an diesem Tage, an dem nach landläufiger Meinung die Reformation begann, noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt "die Schläge seines Hammers aufweckend über die deutschen Gefilde schallen", wie es Kaiser Wilhelm II. und ähnlich die Festredner in vier Jahrhunderten beschrieben. Der Augustinermönch machte vielmehr an diesem Tage nur eine Eingabe auf dem Dienstweg an seine kirchlichen Oberen.
So neu wie diese Erkenntnis vieler - nicht aller - Theologen und Kirchenhistoriker ist die Eintracht am Reformationstag 1967. Während sonst die Protestanten mit ihrem Luther allein blieben, sind diesmal Katholiken und Gottlose mit dabei.
Einst war für den Urmarxisten Friedrich Engels der Reformator ein "Tellerlecker der absoluten, Monarchie ". Heute wetteifern in der DDR Staat und Kirche, Luther zu loben.
Denn es trifft sich gut, daß der Gottesmann nur selten über die heutige DDR-Grenze hinausgekommen ist:
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- In Eisleben wurde Luther am 10. November 1483 geboren, dort starb er am 18. Februar 1546.
- In Mansfeld, Magdeburg und Eisenach ging er zur Schule, in Erfurt war er Student. Dort wurde er 1505 erst Magister, dann Mönch.
- In Wittenberg lebte Luther als Theologieprofessor von 1511 mit Unterbrechungen fast dreieinhalb Jahrzehnte lang bis kurz vor seinem Tode. Dort schrieb er die meisten Bücher, dort hielt er die meisten Predigten. Dort verbrannte er die Bulle, in der Papst Leo X. ihm den Bann androhte, dort gründete er eine Familie.
- In Leipzig diskutierte er mit dem Theologen Johannes Eck im Juli 1519 seine Thesen.
- Auf der Wartburg, wo er sich nach der Verhängung des Kirchenbannes und der Reichsacht zehn Monate lang 1521/22 als "Junker Jörg" verbarg, übersetzte er das Neue Testament ins Deutsche.
Mehr noch als ein Ozean trennte die Katholiken von Martin Luther, den ihre Theologen in diesem Jahr würdigen, als sei er einer von ihnen. In der Bundesrepublik, wo Predigten, Orgelkonzerte, über 180 Luther-Bücher (darunter ein Bestseller: Richard Friedenthals Biographie) und eine Sondermarke zum Reformationsgedenken aufgeboten werden, sind neuerdings katholische Professoren und Priester - wie der Präsident der Luther-Gesellschaft Walther von Loewenich halb erschrocken, halb erfreut feststellte - "lebhaft um Luther bemüht, vielfach mit einer Leidenschaft und Begeisterung, die den protestantischen Theologen beinahe beschämen kann".
Wochenlang bereiste der Kopenhagener Jesuiten-Bischof Hans Martensen die Bundesrepublik und erklärte sich in Vorträgen mit den meisten Luther-Thesen einverstanden. Wie schon der Tübinger Dogmatiker Hans Küng forderte jüngst auch der Moraltheologe Bernhard Häring (Rom) die Aufhebung des Kirchenbannes gegen Luther. Schon spottet die "FAZ": "Was machen die Protestanten so allein, wenn ihr Erzvater nachträglich wieder katholisch wird?"
Der Washingtoner Pater Harry Mc-Sorley predigte gar, bei richtigem Verhalten der Kirche wäre der Augustinermönch wohl katholisch geblieben und "wahrscheinlich einer der größten Heiligen geworden"
Derselbe Luther, der heute posthum heimgeholt werden soll ins katholische Reich, ist mehr als vier Jahrhunderte lang von katholischen Theologen und Historikern beschimpft worden - so als "der schlechteste Mensch, der je geboren wurde" (1555), verhurter Stier" (1595), "garstiger Bock und unreiner Beelzebub" (1609), "unverschämter und fleischlich gesinnter Zungendrescher" (1751), "feistes Schwein aus der Herde Epikurs" (1838), "saufrecher lausiger Bettelbruder" (1903) und 1904 von dem Dominikanerpater Heinrich Suso Denifle, dem letzten großen Lutherhasser, als "einer der gemeinsten aller Zweifüßler".
Dieser Haßgesang war mehr als vier Jahrhunderte lang die katholische Reaktion auf die Reformation. Denn Luther bewirkte, daß die Christen der halben Welt die römische Kirche verließen.
Mehr als vier Jahrhunderte lang leugnete die katholische Kirche, daß Ihre Päpste und Priester, die Zeitgenossen und Widersacher Luthers waren mindestens ebensoviel Schuld an der Kirchenspaltung trugen wie der Luther hatte keine neue Kirche gründen, sondern die alte Kirche erneuern wollen. Daß er doch mit ihr brach, geschah teils aus eigenem Antrieb, teils unter dem Zwang seiner Feinde.
33 Jahre war Luther alt, als er die Thesen verfaßte und an die Bischöfe von Mainz und Magdeburg schickte. 41 Jahre war er alt, als er sich gegen die aufständischen Bauern entschied und in Wittenberg eine Familie gründete. Dazwischen liegen acht Jahre, in denen Luther sich und die Welt ein für allemal wandelte.
Zunächst hatte er mit seinen Thesen nur gegen den Mißbrauch des Ablasses aufbegehrt; Spruch seines Hauptgegners Tetzel: "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt." Doch dann führten seine Gegner einen Schlag nach dem anderen gegen ihn: Rom erklärte die Thesen für ketzerisch; Luther wurde von seiner Kirche nicht angehört, sondern (durch Kardinal Cajetan in Augsburg) verhört. Nachdem der Papst den Bann über Luther verhängt und der Mönch auf dem Reichstag zu Worms den Widerruf verweigert hatte, erließ der Kaiser die Reichsacht gegen den Wittenberger.
Und Luther tat einen Schritt nach dem anderen aus der Kirche hinaus. Er verwarf die Unfehlbarkeit des Papstes und des Konzils. Er setzte die Zahl der Sakramente von sieben auf zwei (Taufe und Abendmahl) herab. Er rief die Mönche und Nonnen auf, die Klöster zu verlassen. Er wetterte gegen Wallfahrten und Heiligenverehrung. Und immer predigte er, der Mensch werde vor Gott gerechtfertigt nicht durch eigene Werke, sondern allein durch den Glauben und die Gnade Gottes. Und immer berief er sich auf die Eibel.
Luthers Lehre, oft auf die dreifache Formel "allein die Gnade, allein die Schrift, allein der Glaube" gebracht, blieb erhalten in den Kirchen, die sich (gegen seinen Willen) lutherisch nennen. Sie blieb lebendig auch in den anderen Kirchen der Reformation, die Sich auf Calvin und Zwingli berufen.
Aber Luthers Erbe ist nicht auf diese Kirchen beschränkt. Seit der Reformation hat es kaum einen Mann von Geist gegeben, der sich nicht Gedanken Luthers verpflichtet fühlte. Und mit einer Verspätung ohnegleichen beginnt lutherischer Geist auch hier und da in der katholischen Kirche zu wehen.
Jahrhundertelang durfte kaum ein Katholik es wagen, Luther auch nur beiläufig etwas Gutes nachzusagen. Der Historiker Franz Xaver Kraus entfernte 1887 aus einer Neuauflage seiner "Kirchengeschichte" die Feststellung, Luther dürfe trotz allem "ein tiefreligiöses Gefühl (und) eine offene Seele voll Großartigkeit und Kraft nicht abgesprochen werden". Und nicht einmal der Nebensatz, Luther sei "in mancher Beziehung ein großer Mann" gewesen, durfte 1867 in einer "Weltgeschichte" des Regensburger, Professors Johannes Bumüller stehenbleiben.
Heute ist es umgekehrt. Eine Broschüre "Katholik, das mußt Du wissen!" des Paters Petrus Maria Appel wurde umgeschrieben. Die Behauptung, Luther sei "nicht Herr über die eigenen Begierden" gewesen, wurde ersetzt durch die Mitteilung, Luther habe "welthistorische Bedeutung und auch deutliche Züge von menschlicher Größe".
Und während auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1869/70 ein katholischer Bischof, der die Lutheraner loben wollte, mit dem Ruf "Er ist ein zweiter Luther" vorn Rednerpult verjagt wurde, klatschten die katholischen Bischöfe auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962/1965 Beifall, als ein Konzilsvater eine Passage aus Luthers Werken vortrug.
Es scheint, als biete Martin Luther allen etwas - Katholiken wie Protestanten wie Gottlosen. Und so feiert jeder den Luther, der ihm gefällt.
Meistgedrucktes Zitat in der DDR ist ein Lutherwort, das revolutionär anmutet: "Warum wenden wir uns nicht mit Waffengewalt gegen diese Lehrer des Unrechts, die Kardinäle Päpste und waschen unsere Hände' in ihrem Blute?"
Ein vielverwendetes Zitat in der katholischen Luther-Literatur stammt aus einem Brief, den der Wittenberger ein Jahr nach seiner Thesen-Verkündung an den Papst schrieb: "Deine Stimme will ich als Christi Stimme erkennen, die in Dir herrscht und redet."
Und das Volk liebt den Luther, der Stammtischweisheiten lieferte. 1967 meistverkaufter Luther-Wandspruch: "Aus einem verzagten Arsch kommt niemals ein fröhlicher Furz."
Wenn jeder sich seinen Luther nach dem eigenen Bilde schafft, dann hat sich wenig geändert. Der Mann, der einst aller Welt den Kampf ansagte, ist immer schon zum Allerweltskerl gemacht worden.
Für Hans Sachs etwa war er die "Wittenbergisch Nachtigall", für Eduard Mörike "eine freundliche Papa-Natur", für Johann Gottfried Herder "ein mächtiger Eichbaum deutschen Stammes". Der Materialist Ludwig Feuerbach berief sich ebenso auf ihn wie der deutschnationale Engländer Houston Stewart Chamberlain. "Der größte Deutsche" war er für Wilhelm II. ebenso wie für Heinrich Heine.
Vier Jahrhunderte lang trug Luther für die einen den Heiligenschein, für die anderen den Ketzerhut. " Der Streit der Konfessionen", so der Jesuit und Lutherkenner Wolfgang Seibel, "war weithin ein Streit um Luther." Die einen malten ihn als Zeugen der Kreuzigung Jesu, die anderen als des Teufels Gesellen. Und immer wenn die einen ihn feierten, beschimpften die anderen ihn nur um so heftiger.
Im Kriegsjahr 1917 etwa grüßte der Rheinische Hauptverein des Evangelischen Bundes am 400. Jahrestag der Reformation von Wittenberg aus "in diesen Tagen der neuen Nibelungennot unseres Volkes den Helden von Wittenberg und Worms, der den Schatz des Evangeliums neu gehoben und den Kampf mit dem Lindwurm der Weltlüge in seiner Brust und für uns siegreich bestanden hat".
Katholische Christen lasen unterdes die Untersuchung des Jesuiten Hartmann Grisar* darüber, ob "Luther mit den ausgesprungenen Nonnen in seiner Wohnung zu Wittenberg die schlimmsten Orgien' gefeiert" und ob er "die Sau als das beneidenswerte Ziel des seligen Lebens bezeichnet hat".
Grisars 2583-Seiten-Werk war der Abgesang des Lutherhasses. Und auch unter Lutheranern setzte eine Ernüchterung ein, nachdem sie 1933 ein letztes Mal ihren Luther in die Farbe der Zeit gekleidet hatten: Zum 450. Geburtstag des Reformators schrieb ein Lutherbiograph der NS-nahen Deutschen Christen: "Wir haben einen Adolf Hitler. Aber Gott sei Dank, daß neu aus dem Grabe der Jahrhunderte aufsteigt Martin Luthers ragende Gestalt. Wir freuen uns, beide zu besitzen und ihnen gehorsam sein zu dürfen."
Luther mal feldgrau, mal braun das war das Bild, das seine Kirchen im 20. Jahrhundert vor aller Welt entwarfen.
Fernab der Öffentlichkeit aber erforschten evangelische und katholische Theologen, Historiker und Psychologen unterdes das Leben und das Werk des Reformators so intensiv wie nie zuvor. In den letzten 50 Jahren, so schätzt der amerikanische Lutherforscher Wilhelm Pauck, sind mehr Bücher über Luther als über Jesus geschrieben worden.
Obwohl die einen das Katholische, andere das Protestantische und wieder andere das Revolutionäre an Luther hervorkehren, sind fast alle Gelehrten der gemeinsamen Überzeugung, daß der Wittenberger zu den Großen der Geschichte gehört - jener Mann, der wie kaum jemand vor oder nach ihm allein durch das Wort den Lauf der Geschichte verändert hat; jener Mann, der aus einer Zeit herausragt, in der noch mit Steinkugeln geschossen und die Erde für eine Scheibe gehalten wurde, in der Hexen verbrannt wurden, in der Rom soviel Einwohner hatte wie heute die Kreisstadt Itzehoe. Die Luther-Renaissance hat zu einer akribischen Quellenforschung geführt. Hunderte von Buchseiten wurden allein der Frage gewidmet, ob Luther sich einst in einem Turm oder auf dem Klosterklo bekehrt habe.
Und längst sind sich die Fachleute über viele Dementis einig, die den frommen Kirchgängern weithin unbekannt blieben:
Martin Luthers Vater hieß nicht Hans Luther, wie fast alle Biographen noch immer behaupten, sondern Hans Luder. Erst im selben Jahr 1517, als Martin Luther seine Thesen schrieb, legte er den Vaternamen ab.
Und wie er die Thesen nicht angenagelt, sondern nur verschickt hat, so hat er auf dem Reichstag zu Worms auch nicht das Wort gesprochen, das in Schulbüchern deutschen Mannesmut seit eh und je kennzeichnen soll: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Gesagt hat er nur: "Gott helfe mir. Amen." Aber das sagte er auch nach jeder Predigt.
Von Luther stammt auch nicht das Wort: "Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang." Der Spruch, den Heine "famos", Wilhelm II. "klassisch" und der Katholik Augustin Theiner "schamlos" nannte, wurde ihm erst 231 Jahre nach seinem Tode angedichtet.
Widerlegt sind die Legenden, die katholische Lutherhasser um das Liebesleben des Reformators rankten, Weder hielt er sich Konkubinen (wie, manche Päpste seiner Zeit), noch litt er (wie Ulrich von Hutten) an Syphilis.
Der Mann, der wie wenige andere sein eigenes Leben zum Thema vieler Briefe und Reden machte, wird erst ein halbes Jahrtausend nach seinem Tode so gesehen, wie er wirklich war.
Er sächselte wie Ulbricht, und er sprach so gut lateinisch wie der SED-Mann russisch. Er war anspruchslos wie Stalin: Als Mönch schlief er in ungeheizter Zelle auf Stroh; auch später machte ihm bis zur Hochzeit niemand das Bett, der Luxus des Alters war allabendlich für vier Pfennig Bier.
Er kannte sich in Sprichwörtern aus wie Chruschtschow; stets hatte er harmlose ("Was hilft's, daß sich ein armer Frosch aufbläset? Wenn er gleich sollt bersten, wird er doch keinem Ochsen gleich") und deftige ("Hier ist Vieh und Stall, sprach der, Teufel und trieb seiner Mutter eine Fliege in den Hintern") parat, und unablässig prägte er neue ("Wenn unser Herrgott keinen Spaß verstünde, möchte ich nicht in den Himmel").
Als alter Mann genoß es Luther, wie später Hitler, wenn zwei bis drei Dutzend Gefolgsleute bei Tisch versammelt waren, seinen Reden lauschten und sie mitschrieben.
Deutlicher als früher ist geworden, daß Luther in fast jeder Hinsicht ein. Mann ohne Maß war. Als Mönch kasteite er sich so, daß seine Oberen ihn zur Ordnung riefen. Erst mit seinen Anfechtungen, dann mit seinem Gottvertrauen übertraf er wohl alle Zeitgenossen. Er schrieb soviel wie nach ihm nur Goethe und Lenin.
Um die Menschlichkeit Jesu anschaulich werden zu lassen, stellte und bejahte er so drastisch wie kein anderer Gottesmann die Frage, ob "der solle ein Gott sein, der liegt neun Monate in dem Leib Marias, der Jungfrauen, scheißet und pisset in die Wiegen, darnach stirbt am Kreuz erbärmlich, als ein Dieb und Schelm". Doch wundergläubig nahm er an, daß Jesus am dritten Tage durch den Stein hindurch, der vor seinem Grabe lag, auferstanden sei.
Selten fand er Zwischentöne, wenn er über andere urteilte. "Brüderlich mit den Juden zu handeln", empfahl er als junger, sie totzuschlagen riet er als alter Mann. Den Papst, dem er anfangs ergeben war wie damals wenige, beschimpfte er später ungehemmt. Gebräuchliche Titel, vom Dominikanerpater Denifle zusammengestellt: "Allerhöllischst Vater, des Satans leibhaftige Wohnung, Wolf der Christenheit, Erzspitzbube, Seelenmörder und Weltfresser, ärgster Bube aller Buben auf Erden, unverschämtes Lügenmaul, der tolle Papstesel, F..zesel, Eselsf..zpapst, Papstf..z, Eselskopf, Bauchknecht, Gotteslästerer, des Teufels Sau."
Denifle zu dieser Sammlung: Selbstverständlich unterdrücken wir alle Stellen, die durch Gemeinheit oder Schmutz das sittliche Gefühl allzusehr beleidigen."
Im Schimpfen übertraf Luther (wie später Karl Marx) seine Zeitgenossen, obwohl damals "auch das ohrenzarte Frauenzimmer das Zartgefühl eines Hamburger Fischweibs von heute" besaß; seine Gegner verwandelte er in Tiere, und er "sticht sie ab wie wilde Säue" (Kirchenhistoriker Boehmer).
Obwohl er einer neuen Zeit Bahn brach, blieb er auch ein Mensch des Mittelalters. Sein Leben lang glaubte er an den Teufel ("Er schläft mir näher als meine Käthe"), wähnte er Nixen in der Elbe. Stand das Wasser niedrig, sah er darin ein "Wunderzeichen" Gottes. Den Weltuntergang glaubte er nahe ("Ich warte stets des Tages").
Derselbe Mann, den Geistesgrößen in Deutschland wie in aller Welt verehrten, war keineswegs ein Gelehrter von universaler Bildung. Dürftig war seine Kenntnis von der Geschichte seiner Kirche und seines Volkes. Er hatte keine Vorstellung vom "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation", das damals wie das "Flickengewand eines Narrenkostüms" (Lutherbiograph Friedenthal) anmutete. Die Päpste seiner Zeit wußte er nicht auseinanderzuhalten. Er konnte "buchstäblich nicht rechnen und mit Zahlen umgehen; er hatte das in der Schule nicht gelernt und hat es sein Leben lang nicht verstanden" (Friedenthal).
Er war ein Mann des Widerspruchs und des Gegensatzes. Er konnte sich (häufig) einen "armen, stinkenden Madensack" nennen, aber auch (gelegentlich) selbstbewußt sagen: "Wir haben mit göttlicher Autorität die Welt zu verbessern begonnen."
Seinem ersten Gegner, dem Ablaßprediger Johann Tetzel, schickte er ins Sterbezimmer einen freundlichen Brief. Doch er verfluchte die Bauern, die sich auf ihn beriefen und gegen die Fürsten in den Krieg zogen. Er schrieb, seiner Zeit voraus, daß Ketzerei "sich nicht mit Eisen zerhauen, mit Feuer verbrennen oder mit Wasser ertränken" läßt. Doch er hieß später selbst die Hinrichtung von Ketzern gut.
Er war der wortgewaltigste Gottesmann seit Paulus. Manchmal scheint es Frommen, "als höre man Gott selbst sprechen" (Ricarda Huch), oft scheint es, als poltere ein Landsknecht. Er ließ Gott "eine feste Burg... ein gute Wehr und Waffen" sein, und er ließ den Papst "Kardinäle scheißen".
Luther stand für seinen Glauben ein, auch als ihn der Bann traf und als ihm der Scheiterhaufen drohte. Er konnte "einfach sprechen wie ein Kind" (Karl Barth), auch wenn es um komplizierte theologische Probleme ging.
Ein Mann eher des Gefühls als des Verstandes und ohne analytische Begabung, erkannte er - darin Papst Johannes XXIII. vergleichbar - die Zeichen der Zeit und wußte sie so zu deuten, daß sein Wort zum Signal wurde. Unfähig, ein Lehrgebäude zu errichten, beschäftigt er doch bis heute viele Theologen-Generationen.
Mit der Bibelübersetzung gab er den Deutschen, die damals zumeist weder lesen noch schreiben konnten, das Buch für jedermann und die Volkssprache. Mit seiner Lehre von den beiden Reichen, dem weltlichen und dem geistlichen, zerbrach er die Vormacht der Kirche. Als er die Pfarrer von Herren der Kirche zu Dienern des Wortes herunterstufte, wurden sie zum erstenmal mit den anderen Gläubigen gleichgesetzt. Die Gleichheits-Losungen der französischen und der russischen Revolution sind ohne diesen Anfang nicht zu denken.
Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden lutherische Forderungen erfüllt, ohne daß Luthers Name in den Konzilsdokumenten erwähnt worden wäre: die Muttersprache im Gottesdienst, der Vorrang der Bibel, die Besinnung auf Christus als den Mittelpunkt des Glaubens. Doch noch sind diese Beschlüsse längst nicht verwirklicht.
Unterdes erforschen katholische und evangelische Theologen, ob Luthers Forderungen auch schon im 16. Jahrhundert katholisch und nicht ketzerisch waren. Der Streit darüber, wie lange Luther katholisch geblieben ist und wann er mit der Kirche gebrochen hat, ist nicht nur von akademischem Interesse. Es ist der Versuch, Gemeinsames dort zu finden, wo die Trennung begann.
Und sogar der Versuch etlicher Psychologen, Luther posthum auf die Couch zu bringen, hat aktuelle Bedeutung. Schon heute haben diese Bemühungen offenbart, auf welches Kernthema Leben und Erbe Luthers zurückzuführen sind: auf die Suche nach einer Autorität.
Bis ins Elternhaus zurück lassen sich die Spuren dieses Kampfes verfolgen. Lange Zeit hielten die Katholiken Luthers Mutter für schuldig an der Aufsässigkeit ihres Sohnes gegen die Autorität. Daß sie ihren Ehemann Hans mit dem Teufel betrogen und der Gottseibeiuns den Ketzer gezeugt habe, war bis ins 18. Jahrhundert katholische Gewißheit. 99 Jahre nach der Geburt Luthers wußte der Pater Damian Roscius noch die Neuigkeit beizusteuern, daß es "in einem öffentlichen Bade" geschehen sei.
Als mit Hinweisen auf den Teufel der Haß gegen Luther nicht mehr zu schüren war, machten katholische Luthergegner den Reformator zu einem Fall für Ärzte. 1874 erklärte der katholische Irrenhauskaplan Bruno Schön Luther für geisteskrank. 1926 entdeckte der katholische Ohrenarzt Wilhelm Bilancioni (Universität Pisa) eine gehirnverbildende "anomale Struktur des Nasenrachenraumes und des Gehörapparates".
Auf einen anderen Punkt hatte Denifle verwiesen: "Sein Hämorrhoidalleiden setzte ihm ebenso gewaltsam zu wie seine kochende Sinnlichkeit." Jesuit Grisar mochte nicht mehr lokalisieren und sprach nur noch von der "kranken Seele" Luthers.
Damit fiel das Stichwort, das heute noch vor allem in Amerika die Seelenforscher beschäftigt. Sie halten es für wahrscheinlich, daß Luthers Lebenskonflikt mit der Autorität als Vaterkonflikt begonnen hat. Der amerikanische Psychiater Erik Erikson, Professor an der Universität Pittsburgh, vermutet, daß Luthers Vater "durch irgendeine Tat aus seiner Vergangenheit (vielleicht sogar Mord) belastet" war. Als nicht erbberechtigter Bauernsohn habe er sich den Aufstieg zum wohlhabenden Miteigentümer von Bergwerksschächten mühsam erkämpfen müssen. Bedrängt von der eigenen Vergangenheit, bedacht aufs Vorwärtskommen in der Gegenwart und auf den weiteren Aufstieg des Sohnes in der Zukunft, habe er im Hause autoritär geherrscht und Martin überaus streng erzogen.
Erikson hält es für "glaubhaft, daß Martin von einem eifersüchtigen und ehrgeizigen Vater, der versuchte, ihn frühzeitig vom Schürzenzipfel der Mutter zu lösen und ihn zu ernsthafter und zuverlässiger Arbeit zu erziehen, früh aus der Vertrauenssphäre herausgetrieben wurde".
Sicher ist, daß der 21jährige Luther seinem Vater den Gehorsam versagte, als er ins Kloster ging. Hans Luder, der den zum Magister aufgestiegenen Sohn stolz mit "Ihr" angeredet hatte, duzte den Mönch verachtungsvoll wieder.
Erikson glaubt, daß Luther "Vaterhaß" empfand und ihn während seines Klosteraufenthalts auf eine andere Vatergestalt - Gott - übertrug. Der Hader mit Gott endete erst, als Luther ihn als Autorität begriff, der er sich nur unterzuordnen hatte und die er nicht begreifen konnte: "Gottes Wille hat nicht Ursache noch Grund. Ihm kann weder eine Regel noch ein Maß gesetzt werden." Und er gewann die Selbstsicherheit erst zurück, als er davon überzeugt war, daß der Glaube an Gott, an die höchste Autorität, kein Werk des Menschen, sondern nur Geschenk Gottes selber sei.
Lange Zeit hielt Luther an anderen Autoritäten fest. 1516 predigte er: "Die Kirche kann nicht irren in der Verkündigung des Glaubens, nur der einzelne in ihr ist dem Irrtum unterworfen." Und noch zur Zeit des Thesenanschlags waren die Päpste eine Autorität für ihn - jene Päpste, die nach dem Urteil des Protestanten Leopold von Ranke "in Wahrheit Gott" gleich sein wollten, denn "wer alle Sünde vergeben, wen niemand fragen darf, was tust du, und ob er zehntausend Seelen geradenweges in die Hölle führte, wie sie selbst sagen, der ist Gott".
In einer beispiellos kurzen Zeit geriet Luther mit einer Autorität nach der anderen in Konflikt. Luther selbst zu dieser Entwicklung: "Je mehr sie toben, um so weiter schreite ich aus. Ich gebe meine erste Position auf, sie kläffen hinterher, ich stoße weiter vor, zur nächsten, damit sie mich auch da ankläffen."
Schwierigkeiten bereitet es den Lutherforschern, die wichtigste Entscheidung im Leben Luthers zu lokalisieren und zu terminieren. Er selbst nannte als Wende seines Lebens das "Turmerlebnis": Plötzlich sei ihm bewußt geworden, daß "der Gerechte aus Gottes Gnade selig wird, nämlich durch den Glauben", und da habe er gemeint, "durch weit geöffnete Tore in das Paradies eingetreten zu sein".
Erikson und andere Lutherforscher haben das Erlebnis vom Turm einige Etagen tiefer gelegt: Der neue Gottesgedanke, sei Luther im geheimen Gemach", auf dem Abtritt des Klosters, gekommen.
Auf diese Spur sind die Forscher durch einen Zeit- und Tischgenossen Luthers namens Schlaginhaufen gebracht worden. Der notierte einmal einen Ausspruch Luthers über die Lebenswende: "Dise kunst hatt mir der Spiritus Sanctus auff diß Cl. eingeben." Schon früh kamen katholische Lutherkritiker überein, damit könne nicht etwa der "Kapitelsaal" des Klosters, sondern nur der verschwiegene Ort, die "cloaca", gemeint sein.
Lutheraner wehren sich seit eh und je gegen diese Lokalisierung. Erikson: "Keine andere von Luther überlieferte Äußerung (hat) ernsthafte Gelehrte hochnäsiger ihre Unglaubwürdigkeit kundtun, reife Männer sich unbehaglicher winden und krümmen lassen." Doch wie Lutherbiograph Friedenthal die Lokalität für "gänzlich bedeutungslos" hält, so findet es auch Erikson "schließlich belanglos, wo sich bedeutende Dinge ereignen".
Mehr als die Psychologen über den Ort streiten die Theologen über den Zeitpunkt, an dem Luther sich bekehrte. Die meisten Gelehrten meinen, daß die Wende schon vor dem Thesenanschlag vollzogen wurde. Ein Teil ist jedoch überzeugt, daß Luther sich erst entweder ein Jahr oder zwei Jahre nach den Thesen von der Kirche abwandte.
Einig sind sich nahezu alle Theologen darüber, daß Luther die Kirche nicht verlassen wollte und daß die "Schuld" für die Kirchenspaltung auf beiden Seiten liegt. Und in den letzten Jahren wuchs die Zahl der katholischen Theologen, die die Mitschuld der Kirche fast so stark betonen wie früher nur die Lutheraner.
Die katholischen Lutherforscher waren und sind um den Nachweis bemüht, daß weitaus die meisten Lehren des Reformators vor ihm auch von kirchentreuen Theologen verfochten wurden. Sie zitieren Dutzende von Bischöfen und geistlichen Gelehrten, die fast wie Luther die Päpste und andere Kirchenfürsten tadelten und beschimpften. Sie zählen die zahlreichen Mißstände auf, die damals in der Kirche herrschten. Und sie rühmen die Verdienste vor allem des jungen Luthers, dessen Kirchenkritik berechtigt war und der - so der Mainzer Professor Joseph Lortz - "in ernstem Ringen vor Gott unabsichtlich aus der römischen Kirche herauswuchs".
Schon warnt der Kirchenhistoriker Hubert Jedin seine Glaubens- und Fachgenossen vor zu großem Eifer: "Ich glaube nicht, daß wir Luther katholisch machen und heiligsprechen können."
Der junge Luther mag vor allem ein katholisches Problem sein, Der alte Luther ist ein speziell lutherisches Problem. Denn derselbe Mann, der mit den Autoritäten seiner Zeit brach, versagte, als er selbst zur Autorität geworden war.
Luther saß - so einer seiner gläubigen und zugleich scharfen Kritiker der Däne Sören Kierkegaard - "in kleinbürgerlicher Behaglichkeit, von bewundernden Anhängern umgeben, die jeden Furz von ihm für eine Offenbarung oder die Folge einer Inspiration halten". Und: "Luthers spätes Leben hat die Mittelmäßigkeit akkreditiert."
Die Welt überließ Luther - von wenigen Interventionen abgesehen - seinen Anhängern und Gegnern, das Haus seiner Frau Käthe, die zu wirtschaften verstand und bald Brauerei, Schweineherde und ein kleines Gut erwarb.
Der Reformator überwand den Zweifel, ob er denn "allein klug sei" ("Wie, wenn du irrest und soviel Leute zum Irrtum verführest, welche alle ewiglich verdammt würden?"). Doch er schloß Kompromisse, die noch heute in den Kirchen der Reformation nachwirken.
Zwar blieb er dabei, weltliche und geistliche Macht sollten "nun bis ans Ende der Welt nicht ineinander gemengt" werden. Doch er selbst schloß den ersten Bund zwischen Thron und Altar, als er den Kurfürsten von Sachsen die Kirchen und Pfarrer visitieren ließ. Den Bund mit den Thronen wieder zu lösen, haben die evangelischen Kirchen nie die Kraft gefunden. Zwar sprach sich der alte Luther für die kleine Gemeinde derer aus, die "mit Ernst Christen sein wollen". Doch er selbst legte den Grundstein für die Landeskirchen - jene Organisationen, für die man sich nicht entscheidet, sondern in die man hineingeboren wird. So ist es bis heute geblieben. Die Kirche der wenigen, der überzeugten Christen gibt es nur dort, wo sie die Gegner erzwungen haben - zum Beispiel heute im Ostblock.
Zwar blieb Luther dabei, daß Ehen Sache der Obrigkeit und nicht der Kirche seien. Doch er war der erste protestantische Kirchenmann, der gegen sein eigenes Prinzip verstieß: als er dem Hessen-Landgrafen Philipp die Doppelehe erlaubte.
Luther hinterließ den Lutheranern keine Autorität, die sie einen und verpflichten kann. Er selbst ist es nicht geworden. Er bedeutet jedem etwas, manchem viel, keinem alles.
Der Mann, der sich und damals die halbe Welt zur Entscheidung gegen den Papst zwang, zwingt heute niemanden mehr zur Entscheidung.
Die wenigen, die seine Werke kennen, benutzen sie wie einen Arzneischrank und entnehmen Brauchbares für jede Lebenslage.
Als jüngst in der DDR der Ostermontag und der Himmelfahrtsfeiertag abgeschafft wurden, entdeckten SED nahe Pfarrer, damit werde ein Wunsch Luthers erfüllt: "Luther wandte sich entschieden gegen die Unzahl von Feiertagen und verlangte ihre Beseitigung."
Das schrieben dieselben Pfarrer, die ihrer SED-Obrigkeit so untertan sind wie auch früher jeder Lutheraner jedem, der "Gewalt über ihn hat, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott" - so Luthers berühmte Übersetzung der einschlägigen Stelle im Römerbrief.
Und wie diese DDR-Lutheraner sich ihren gottlosen Herren verpflichtet fühlen, so gibt es im Westen Lutheraner, die auf militantem antiöstlichem Kurs mitsegeln.
Der Heidelberger Dogmatiker Peter Brunner zum Beispiel liest aus Luthers Äußerungen über die Türken (die zu seiner Zeit vor Wien standen) heraus, daß in einem etwaigen Krieg gegen den Osten notfalls auch verbrannte Erde gut lutherisch sei: "In einer bestimmten geschichtlichen Lage kann selbst ein solcher Widerstand sittlich geboten sein, der allen Männern und Frauen, Greisen und Kindern den Tod bringt und dem Feind nur verbrannte Erde hinterläßt."
Von dem Hamburger Star-Theologen Helmut Thielicke stammt der Satz: "Christen, die ihren Kriegsdienst unter den Augen Gottes ableisten, haben ihr Handwerk des Tötens immer so verstanden, daß sie es im Namen der Liebe übten." Und während der Erlanger Theologe Walter Künneth feststellte, daß "selbst Atombomben in den Dienst der Nächstenliebe treten können", zählen andere Lutheraner zu den entschiedensten Gegnern nicht nur der Atombomben, sondern jedes Krieges.
Und auch in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Jesus und die Bibel wird Luther zum Gewährsmann für die eine wie für die andere Partei:
Die "Bekenntnisbewegung 'Kein anderes Evangelium'", die moderne Theologen wegen ihrer Bibelkritik zu "Irrlehrern" erklärt, macht Luther zum Buchstabengelehrten. Ihr liebstes Lutherzitat über die Bibel: "Gott ist in allen seinen Worten, ja Silben, wahrhaftig. Wer eins nicht glaubt, der glaubt keins."
Umgekehrt können die Bibelkritiker unter den Theologen sich darauf berufen, daß Luther sich einst so radikal geäußert hat wie sie heute: "Die Evangelien halten in den Mirakeln und Taten Jesu keine Ordnung, liegt auch nicht viel daran. Wenn ein Streit über die Heilige Schrift entsteht und man kann's nicht vergleichen, so lasse man's fahren."
Prophetisch sprach Luther einst, sieben Jahre vor seinem Tode, von der "Sorge, das Beste sei nun geschehen, jetzt werden die Sekten folgen". Und mit Melanchthon war er sich, wie ein Zuhörer notierte, "unter viel Seufzern" darüber einig, daß "viele Lehrer aufstehen würden".
Aber Luther konnte die Zersplitterung nicht verhindern. Und es gibt keinen Lutheraner, der sie wieder beseitigen kann.
Viereinhalb Jahrhunderte nach Luther sind die Kirchen der Reformation, einst entstanden durch die revolutionärste Tat der Kirchengeschichte, bewegungsunfähig geworden.
Wenige Menschen quält heute wie einst Luther die Frage, wie sie einen gnädigen Gott bekommen können. Gefragt wird - wenn überhaupt -, ob es Gott gibt. Doch auf diese Frage können wohl einzelne Lutheraner, nicht aber evangelische Kirchen antworten. Die einen Theologen sagen Gott tot, die anderen meinen zu wissen, daß er in Lengede mitgebohrt hat.
Die Lutheraner sind nicht einmal mehr fähig, den Kerngedanken Luthers - die Rechtfertigung allein durch den Glauben - heutigen Menschen verständlich zu machen. Die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes 1963 in Helsinki, die sich diese Aufgabe stellte, ist daran gescheitert.
Die Erben der Reformation sind außerstande, das zu tun, was der katholische Lutherforscher Albert Brandenburg (Paderborn) von ihnen verlangte: Sie sollten "im Reformationsjahr 1967 eindeutig sagen, worin der heutige reformatorische Anspruch besteht". Sie können sich nicht einmal darüber einig werden, einen Gedanken des alten Luther zu verwirklichen und ein evangelisches Konzil einzuberufen.
Bischöfe und andere Kirchenführer können sich risikolos zu den kühnsten Ideen bekennen, etwa zu einer "Theologie der Revolution" oder zur Abschaffung der Kirchensteuer: Es gibt in den Kirchen der Reformation kaum eine Chance für gewichtige Reformen-Was not tut, forderte nicht einmal ein Lutheraner. Der anglikanische Bischof John A.T. Robinson sagte es: "Eine neue Reformation."
*Grisar bezog sich auf folgendes Luther-Wort: "Ich weiß, wer jemals des Todes Schrecken oder Last gefühlt hat, der würde gerne eine Sau dafür sein, ehe er solches immer für und für tragen wollte. Denn eine Sau ... fürchtet keinen König noch Herrn, keinen Tod noch Hölle,- keinen Teufel noch Gottes Zorn." Kommentar Grisars: "Die Stelle enthält nicht, was man in ihr hat finden wollen."