Titel: "Ich kann nicht anders" - DER SPIEGEL
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Titel "Ich kann nicht anders"

Der Mönch Martin Luther, der vor fünfhundert Jahren die Christenheit aus dem Mittelalter erlöste, hat in den Medien unverhofft Konjunktur als Vater der deutschen Schriftsprache wie als Entdecker der Gewissensfreiheit. Doch der Reformator war nicht nur Strahlemann. Er begründete die unheilige Allianz von Thron und Altar und entpuppte sich im Alter als übler Antisemit.
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Selten ist eine PR-Aktion so gutgelaufen wie diese: Mehr als 1,9 Millionen Menschen inDeutschland haben in gut sechs Wochen den von Protestantenmitfinanzierten Film über Martin Luther gesehen - Platzvier in der Kinohitliste hinter "Findet Nemo", dem "Wundervon Bern" und dem Science-Fiction-Schinken "MatrixRevolutions".Der Reformator verhilft seinen Anhängern, weltweit mehr als65 Millionen, postum nicht nur zu unverhoffter Popularitätin einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft, sondernauch zu etlichen Millionen, die der derzeit finanziellklammen evangelischen Kirche mindestens so willkommen sindwie die tolle Werbung. In den USA spielte das von demKanadier Eric Till gedrehte 30-Millionen-Dollar-Spektakelin den ersten acht Wochen fast 6 Millionen Dollar ein.Und dank des Hauptdarstellers Joseph Fiennes, einesSpezialisten für jugendliche Liebhaberrollen ("Shakespearein Love"), rennen nicht nur kirchentreue ältere Damen indie Lichtspieltheater, sondern auch junge Leute. Luther ist in. Bei der unsäglichen ZDF-Serie "UnsereBesten" kam der Ex-Mönch aus dem kursächsischen Wittenbergim Finale auf Platz zwei - hinter dem NachkriegskanzlerKonrad Adenauer. Für Adenauer votierten knapp 780 000ZDF-Zuschauer, für Luther 556 000.Verblüffend ist der neue Luther-Boom schon. Noch vorzwanzig Jahren verkündete der renommierte evangelische Theologe Walter von Loewenichlapidar: "Das Interesse an Luther ist weithin erloschen."Die plötzliche Auferstehung des zweitbesten Deutschen Anno2003 hat mehrere Gründe. Zum einen gehen die Deutscheninzwischen unbefangener mit ihrer Vergangenheit um. DieEinmaligkeit des Holocaust stellen zwar allenfallsunverbesserliche Nationalisten wie der geschassteCDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann in Frage, aberdass die Deutschen im Bombenkrieg und bei der Vertreibungauch Opfer waren, ist nicht länger tabu.So ist der Gesellschaft seit der Wiedervereinigung einelange verschüttete Tatsache wieder bewusst geworden: Esgibt eine deutsche Geschichte vor dem Nationalsozialismus.Geschichtsmagazine verkaufen sich gut.Vor allem das Mittelalter mit seinen zahlreichen Kriegen imNamen Gottes rückt wieder in den Blick. Die Parallelen zurGegenwart drängen sich auf: Wie damals sind heute Kriegeund blutiger Terror religiös motiviert. Tagtäglich führenislamistische Selbstmordattentäter den "clash ofcivilizations" vor. Sind die fundamentalistischen Muslimemit ihrer starren Fixierung auf die vermeintlichen Normendes Koran, mit ihrer Verweigerung der Gewissensfreiheitheute da, wo die christliche Welt, gelenkt von einer in Dogmen erstarrten Kirche, am Ausgang des Mittelaltersstand? Sind die "modernen" Dschihadis den Kreuzzüglern undHexenverbrennern nicht sehr ähnlich?Die Bilder der sich selbst geißelnden Schiiten imirakischen Nadschaf rufen die Geschichte dermittelalterlichen Flagellanten zurück, die sich zwecksreligiöser Buße selbst bestraften. Was für manche Muslimenoch heute selbstverständlich ist, liegt für das Abendlandmehr als ein halbes Jahrtausend zurück. Der Abschied vomMittelalter in der westlichen Welt, begann er nicht mitMartin Luther, dem widerborstigen Mönch und Einzelgänger?Dass gerade Luther zur neuen Kultfigur avanciert, mag nochandere Gründe haben.In einer Gesellschaft, in der verbindliche ethische Normensich in Beliebigkeit aufgelöst haben, suchen viele nachVorbildern, an denen sie sich festhalten können. DerReformator hat vor fast 500 Jahren den Widerstand gegen denblinden Glauben an die geistliche Obrigkeit erfolgreichgeprobt - und das Gewissen als Norm fürs eigene Handeln(wieder)entdeckt. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders."So einen wie den Martin Luther wünscht sich so mancherzurück, dem die inhaltsleeren Reden und Versprechungenseiner Politiker zum Hals raushängen.Jugendliche haben indes mit dem Vater der Reformationoffenbar ein Problem. Die meisten von ihnen, so stellenLehrer irritiert fest, die mit ihren Schülern denLuther-Film sehen, haben null Ahnung, welcher Held da überdie Leinwand flimmert, es interessiert sie auch nichtweiter. Sie sehen den Fiennes-Luther mit derselbenBegeisterung fürs Abenteuer wie etwa Johnny DeppsFreibeuter in "Fluch der Karibik" oder Russell Crowe in demSeefahrer-Epos "Master and Commander".So richtig klärt der Luther-Film die Kids nicht auf: Erbegleitet im Sauseschritt den Reformator nur bis zumvermeintlichen Sieg der Reformation auf dem AugsburgerReichstag Anno Domini 1530. Dann blendet er sich aus undenthebt sich elegant der Mühe, sich auch mit den düsterenKehrseiten des Doktor Martin Luther auseinander zu setzen. "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt." Wer war dieser Luther wirklich? Am 31. Oktober 1517 nagelt ein bis dato dem christlichenErdkreis außerhalb des Elbstädtchens Wittenberg völligunbekannter Mönch des Augustiner-Ordens voller Zorn 95Thesen gegen innerkirchlichen Ablasshandel an das Portalder örtlichen Schlosskirche. Das in Latein abgefasstePamphlet des Professors der Theologie an der "Leucorea",der von dem sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisenfrisch gegründeten Wittenberger Universität, wettert indeftigen Worten gegen den vom Heiligen Vater in Romsanktionierten Brauch, den bußfertigen Christen im Namendes Herrn Jesus die Sünden im Wortsinn abzukaufen. "Wenndas Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuerspringt", predigt der päpstliche Ablasshändler JohannTetzel landauf, landab.Der Ablass basiert auf einer komplizierten theologischenKonstruktion: Zwar werden dem reuigen Christen seine Sündenin der Beichte vergeben, die Beichte rettet ihn vor derHölle. Doch bleiben "Sündenstrafen" übrig, die derBußfertige nach seinem Tod im Fegefeuer absitzen muss,bevor er in den Himmel aufgenommen wird. DieseSündenstrafen kann der Gläubige schon zu Lebzeiten durchgute Werke wie etwa eine Wallfahrt oder eine Tat derNächstenliebe zur Gänze oder teilweise tilgen. Er kann denso genannten Sündenablass aber auch stellvertretend einemToten zukommen lassen, der so schneller das Paradieserreicht. Die Kirche hat das Recht, zu diesem ZweckAblassbriefe auszustellen.Zur Luther-Zeit hat der Vatikan den Ablasskommerzialisiert, um die Kirchenkassen zu füllen: Stattselbst ein gutes Werk zu tun, um die arme Seele aus demFegefeuer zu erlösen, kann der Ablassnehmer es auch mitGeld schaffen - er kauft einfach einen vom Papstbewilligten Ablassschrieb.Im Auftrag des Heiligen Vaters und heimischer Bischöfeziehen zungenfertige Bußprediger wie der Dominikaner Tetzeldurch Deutschland, um den einfachen Leuten mit demVersprechen der ewigen Seligkeit für Vater oder Mutter dasGeld aus der Tasche zu locken - in einer Gesellschaft wieder vorreformatorischen, in der das Bewusstsein von Schuldund Sünde sowie die spätmittelalterliche Angst vor derewigen Verdammnis weit verbreitet sind, ein höchstlukratives Geschäft. Papst Leo X. braucht das Geld, um sichselbst ein Denkmal zu setzen: Er will in der Hauptstadt derChristenheit zu Ehren des Apostels Petrus einen neuenRiesendom bauen lassen.Auch Bischöfe wie der von Mainz, in dessen Diensten TetzelDeutschland unsicher macht, haben ein höchst eigennützigesInteresse an dem Handel: Albrecht von Brandenburg, zunächstErzbischof von Magdeburg, wollte gern Kurfürst werden, dazubrauchte er die Erzbischofswürde von Mainz. Die aber kostet29 000 Gulden "Gebühr", die er an den Vatikan abzuführenhat - für die damalige Zeit eine stattliche Summe. DerBetrag wird Albrecht von den Augsburger Bankiers Fuggervorgestreckt, den Rothschilds des 16. Jahrhunderts. Als Sicherheitverpfändet Albrecht ihnen seinen Anteil an denAblasseinnahmen für den Petersdom - immerhin die Hälftedessen, was Tetzel und Kollegen einnehmen.Gegen diesen Schacher mit dem Seelenheil verfasst derzornige Luther seine 95 Thesen.All die Ablassprediger irren, verkündet er in These 21,"welche erklären, dass der Mensch durch den Ablass desPapstes von jeder Strafe los und frei werde". "Folglich",heißt es in These 24, "wird der größte Teil des Volkesbetrogen, wenn man ihm schlankweg mit hohen Wortenverspricht, es sei die Strafe los."Und in These 75 nimmt er den Sündenaufkäufer Tetzel direktan: "Die Meinung, dass der päpstliche Ablass stark genugsei, einen Menschen von der Sünde zu lösen, falls er sogar,wenn's möglich wäre, die Mutter Gottes geschändet hätte,ist heller Wahnsinn." Genau das mit der Mutter Gottes hatteTetzel behauptet. Der Zustand der Kirche zu Beginn des 16. Jahrhunderts istauch sonst desolat. Die Päpste gelten seit langem alskorrupt und machtgierig, die Religion interessiert diemeisten nur als Instrument, ihre weltliche Herrschaft zufestigen. Papst Julius II. (1503 bis 1513) etwa erkauftsich das Amt des Pontifex mit Geld und kümmert sich vorallem um die Sicherung seiner Machtbasis, desKirchenstaats.Sein Vorgänger, Alexander VI. (1492 bis 1503) aus demGeschlecht der Borgia, war ein skrupelloser Potentat mitausschweifendem Lebenswandel. Er setzte mindestens siebenKinder in die Welt, feierte in ganz Rom Sexorgien undversorgte mit Hilfe seines Amts den Nachwuchs, darunterLucrezia und der berüchtigte Cesare Borgia.Und der Julius-Nachfolger Leo X. (1513 bis 1521), mit demLuther es vor allem zu tun bekommt, verbringt mehr Zeit mitseiner luxuriösen Hofhaltung als damit, seine Kirche inOrdnung zu bringen. Die Zeit für eine Runderneuerung derChristenheit ist reif. Möglicherweise hat es die Annagelung der Thesen an dieWittenberger Schlosskirche, die den Beginn der Reformationmarkiert, nie gegeben, auch wenn die evangelische Kirche inDeutschland den 31. Oktober bis heute feiert. Exaktnachzuweisen ist die Aktion nicht. Vielleicht hat derTheologieprofessor Luther sein Pamphlet auch nur anKollegen in Wittenberg und an anderen Universitätenverschickt. An der Schlosskirche hätte die lateinischenThesen aus dem gemeinen Volk ohnehin keiner lesen können.Die Wirkung jedoch verblüfft den Autor - sie zeigt, dassder Wittenberger einen Nerv getroffen hat. LuthersProfessorenkollegen spenden Beifall. Sie übersetzen dieThesen flugs ins Deutsche, lassen sie in hohen Auflagendrucken und verbreiten sie unter Bürgern, Bauern undAdligen. Auch dem Vatikan kommen die Ketzereien ausWittenberg unter die Augen und sorgen am päpstlichen Hoffür Unruhe.Als Luther seine Ablassthesen veröffentlicht, hat er seintheologisches Damaskus-Erlebnis bereits hinter sich.Jahrelang quält sich der vermutlich 1483 geborene, jungeMönch wie viele seiner Zeitgenossen mit der Angst vor derHölle. Der aus Eisleben stammende Sohn eines zu Wohlstand gekommenen Bergmanns hat starke Glaubenszweifel, ob er inseiner Sündhaftigkeit überhaupt vor Gott bestehen könne,egal wie fromm und bußfertig er auch lebe.Auf bizarre Weise lässt sich vom Gründer des christlichenProtestantismus eine Parallele zum islamistischenAttentäter des 21. Jahrhunderts ziehen. Aus Angst vor demJenseits jagte der 47jährige Gewürzhändler Ilyas Kuncak inIstanbul vor einem Monat den mit Sprengstoff gefülltenLastwagen vor der britischen HSBC-Bank in die Luft. Erglaubte, seinem Gott im heiligen Krieg gegen dieUngläubigen gefällig zu sein. "Ilyas hat immer gesagt",erklärt ein Verwandter, "dass er Märtyrer werden will, weiler in seiner Jugend so viele Sünden begangen hat, dass ersich reinigen wolle." Die Erleuchtung kommt dem Mönch Luther beim Römerbrief. Den jungen Luther treibt die Furcht vor Tod und Hölle insKloster: Am 2. Juli 1505 gerät Luther, der zu dieser Zeitin Erfurt Jura studiert, beim Dorf Stotternheim in der Nähevon Erfurt in ein schweres Gewitter. In Todesangst gelobter der heiligen Anna: "Hilf du, heilige Anna, ich will einMönch werden." Zwei Wochen später bittet er im Konvent derAugustiner-Eremiten in Erfurt um Aufnahme. Beim Studium des paulinischen Römerbriefs geht dem um seinSeelenheil bangenden jungen Mönch im Winter 1514/1515 dannein Licht auf. "Der Gerechte", liest er da, "lebt aus demGlauben. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als dieGerechtigkeit zu verstehen, durch die der Gerechte alsdurch ein Geschenk Gottes lebt, nämlich aus dem Glauben."Von da an ist sich Luther bis ans Lebensende gewiss: Gottist nicht der strafende Richter, der das Seelenheil desMenschen abhängig macht von dessen guten Werken und einemfrommen Leben, sondern er istjedem ein gnädiger Retter, so der nur fest glaubt. Befreitnotiert der Mönch: "Nun fühle ich mich ganz und garneugeboren; die Tore hatten sich mir aufgetan, ich war indas Paradies selbst eingegangen."Die Lehre von der Rechtfertigung des Menschen ohne seineigenes Zutun allein aus dem Glauben wird zum Kernstücklutherischer Theologie und der gesamten Reformation. WieLuther denken und lehren auch die anderen großen Umstürzlerder Kirche - Huldrych Zwingli in Zürich und Johannes Calvinin Genf. Wobei sich bis heute zäh ein Missverständnis hält:Luther hat keineswegs die Verrichtung guter Werke durch dieGläubigen abgelehnt, nur deren Wirksamkeit für das ewigeHeil. Die echten guten Werke der Nächstenliebe machen nichtgerecht, aber sie gehen aus dem Glauben hervor.Die Rechtfertigungslehre sollte über mehr als vierJahrhunderte zu einem Hauptstreitpunkt der Protestanten mitder katholischen Kirche werden. Denn die hielt ohne Wennund Aber daran fest: Der Christ muss an Christus glauben und gute Werke tun, um in den Himmel zu gelangen.Unterschwellig steht dieser Dissens bis heute zwischen denKonfessionen, obwohl ein Jahr vor der JahrtausendwendeLutheraner und Papisten nach zähem theologischem Gefeilscheeine "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre"verabschiedeten, in der beide Seiten "einen Konsens inGrundwahrheiten der Rechtfertigungslehre" festschreiben.Doch Hardliner beider Kirchen beäugen das Papier nach wievor mit Misstrauen - jeweils mit demselben Argument: Dereigene Glaube werde verwässert.Getragen vom wachsenden Zuspruch seiner Landsleute, holtLuther in den folgenden Jahren zum Rundumschlag gegen dierömische Kirche aus. In seiner berühmten Schrift "An denchristlichen Adel deutscher Nation von des christlichenStandes Besserung" stellt er 1520 die in der Gesellschaftumlaufenden Beschwerden über die Missstände in Kirche,Staat und Gesellschaft zusammen - von der Prunksucht desPapstes über den Priesterzölibat bis zu sozialenMissständen - und fordert Abhilfe.Parallel dazu greift er in der Schrift "Von derbabylonischen Gefangenschaft der Kirche" eine anderezentrale theologische Position der Kirche scharf an - die Lehre von den Sakramenten. Diekatholische Kirche zählt unter Verweis auf die Bibel unddie frühchristliche Tradition sieben Sakramente: Taufe,Beichte, Abendmahl, Firmung, Ehe, Priesterweihe undKrankensalbung. Luther lässt unter Berufung auf das NeueTestament nur noch zwei Sakramente, Taufe und Abendmahl,gelten. Damit ist das Tischtuch endgültig zerschnitten.Allerdings sind sich die Reformatoren untereinander nichteinig. Der Streit um das Abendmahl führt später auch zutiefen Zerwürfnissen zwischen Zwingli, Calvin und Luther.Im Herbst 1518 lädt der päpstliche Legat Kardinal Thomas deVio, genannt Cajetan, den Theologieprofessor aus Wittenbergnach Augsburg vor. Dessen Verhör bestärkt Cajetan in derÜberzeugung, einen ausgewachsenen Ketzer vor sich zu haben.Die Folge: Rom droht Luther und allen, die seine Lehrevertreten, im Juni 1520 mit der Bulle "Exsurge Domine"(Erhebe dich, Herr) den Ausschluss aus der Gemeinschaft derGläubigen, den Kirchenbann, an. Luthers Schriften sollenkonfisziert und verbrannt werden.Der Delinquent bekommt zum Widerrufen 60 Tage Zeit,andernfalls wird er als Ketzer verurteilt. LuthersLandesherr, der sächsische Kurfürst Friedrich, genannt derWeise, muss seinen klerikalen Untertanen in diesem Fallumgehend an die heilige Inquisition nach Rom überstellen.Wie zu erwarten, widerruft Luther nicht. Stattdessenverbrennt er vor Publikum die Bulle "Exsurge Domine". Am 3.Januar 1521 stellt Papst Leo X. die endgültige Bannbulleaus, Luther ist nicht mehr katholisch.Auch Friedrich der Weise kommt der kaiserlichen Forderungnicht nach: Er weigert sich strikt, seinen Mönchauszuliefern - was für den vermutlich den sicheren Tod aufdem Scheiterhaufen bedeutet hätte.Stattdessen soll Luther sich auf dem Reichstag zu Worms vordem jungen Kaiser Karl V. rechtfertigen. Sein MentorFriedrich, dem Luther zeitlebens nie persönlich begegnetist, fordert freies Geleit für seinen Schützling - und derKaiser verspricht es.Zwei Tage, am 17. und 18. April 1521, steht Luther vorKaiser und Fürsten Rede und Antwort über seine Theologie,dann verweigert er den Widerruf - mit dem geflügelten,seither von Widerständlern unterschiedlichster Couleur mitund ohne Gotteszusatz abgenutzten Satz: "Hier stehe ich,ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen." Diesesklassische Wort aus dem deutschen Zitatenschatz isthistorisch indes so wenig gesichert wie der Thesenanschlag.Für Luther hat seine Sturheit weit reichende Folgen. DerKaiser hält zwar sein Wort, drei Wochen bleiben dem Ketzer,sich in Sicherheit zu bringen, bevor die Häscher auf ihnlosgelassen werden. Für die Zeit danach verfügt das "Wormser Edikt" Karls V.: "Undweiter gebieten wir Euch allen, dass Ihr den vorgenanntenMartin Luther nicht in Euer Haus aufnehmt, ihm weder zuessen noch zu trinken gebt, ihn nicht versteckt, ihm nichtmit Worten oder Werken heimlich noch öffentlich irgendeineHilfe, Anhängerschaft, Beistand oder Vorschub erweist,sondern wo Ihr ihm beikommen, ihn ergreifen und seinermächtig werden könnt, ihn gefangen nehmt und unswohlbewahrt zusendet."Friedrich dem Weisen ist die kaiserliche Order egal. Ertraut Karl V. so wenig wie dem Papst und lässt Luthervorsorglich entführen - auf die Wartburg bei Eisenach.Verkleidet als Junker Jörg wohnt Luther zehn Monate auf derzugigen und nur schlecht zu heizenden Wartburg, trotz guterPflege durch die Bediensteten des Kurfürsten kein leichtesLeben. Tagsüber quält ihn nach eigenem Bekunden "furchtbarharter Stuhlgang", denn die ungewohnte, gute Kost bekommtihm nicht. "Mein Arss ist bös geworden", jammert derangebliche Adlige. Des Nachts sucht ihn in schrecklichenVisionen der Teufel heim, nach dem er angeblich einmalsogar ein Tintenfass geworfen haben soll.Und doch verbringt der Gebannte auf der Feste droben überEisenach die produktivste und für die deutsche Kulturwichtigste Phase seines Lebens: Er übersetzt das NeueTestament der Bibel aus dem Griechischen ins Deutsche undwird zum Vater einer einheitlichen deutschenSchriftsprache, die sich fortan durchsetzt. Die Gebildetenund die politische Klasse korrespondierten und schrieben inLatein, das Volk sprach unterschiedliche Dialekte.Luther, schwärmte der Schriftsteller Thomas Mann 400 Jahrespäter, habe "durch seine gewaltige Bibelübersetzung diedeutsche Sprache erst recht geschaffen, die Goethe undNietzsche dann zur Vollendung führten".Ihre Wirkung auf die deutsche Kultur entfaltet dieLuther-Bibel vor allem dank deren schöpferischer,volksnaher Sprache. Luthers Deutsch ist kein blutleeres,papierenes Konstrukt. Er hat nach seinen eigenen Worten"dem Volk aufs Maul geschaut". Diese Volksnähe vor allembegründet den Einfluss seiner Bibel auf die Entwicklung derdeutschen Sprache. Ohne die Weiterentwicklung des Buchdrucks durch den MainzerJohannes Gutenberg 80 Jahre zuvor wäre diese Wirkung wohlverpufft. Gutenbergs geniale Erfindung hat die Verbreitungvon Gedanken und Visionen revolutioniert.Luthers Neues Testament (NT), das für anderthalb Guldenverkauft wird und damit auch für den Normalbürger, soweiter des Lesens kundig, erschwinglich ist, erreichtsensationelle Auflagen. Die ersten 3000 Exemplare sindsofort nach Erscheinen im September 1522 vergriffen. Biszum Tod des Reformators 24 Jahre später wird sein NT mehrals 200 000-mal unter die Leute gebracht. Die Bibelübersetzung hat noch eine andere, für diekirchliche Obrigkeit höchst unangenehme Wirkung: DieHierarchie verliert das Deutungsmonopol über die HeiligeSchrift. Bislang haben allein die klerikalen Kader demGläubigen verklart, was in der Bibel steht, nun aber kanner selbst die Texte nachlesen und sich eigene Gedankendarüber machen, was sie für seinen Glauben bedeuten - auchdas ein Beitrag zur Gewissensfreiheit.Luthers plötzliches Verschwinden nach dem Wormser Reichstaghat seine Anhänger in heillose Panik gestürzt. Vieleglauben, er sei ermordet worden. Der Maler Albrecht Dürer,ein überzeugter Gefolgsmann des Reformators, klagt: "OGott, ist Luther tot, wer wird uns hinfürt das heiligeEvangelium so klar fürtragen! ... O ihr alle frommeChristenmenschen, helft mir fleißig beweinen diesengottgeistigen Menschen und ihn bitten, dass er uns einandern erleuchten Mann send." Für erleuchtet halten sichgleich mehrere. Und sie sind allemal radikaler als ihrbisheriger Vordenker.In Wittenberg übernimmt vorübergehend der Priester undTheologieprofessor Andreas Karlstadt die Führungsrolle. Erentfacht einen Streit um die Messe und verteilt zuWeihnachten 1521 in Zivil demonstrativ Brot und Wein an dieGläubigen, was Luther strikt abgelehnt hat. In der Stadtkommt es zu Unruhen.Am 6. März 1522 steigt in der Wittenberger Stadtkirche einTotgeglaubter auf die Kanzel. Martin Luther ist mit seinerÜbersetzung fertig. Aufgeschreckt durch Tataren-Meldungenvon einer bevorstehenden Revolte des von Karlstadtaufgestachelten gemeinen Volks, wirft er sich in seineMönchskutte und eilt nach Wittenberg. Eine Woche lang ruftder Prediger die Bürger von der Kanzel herab täglich zurRäson.Aufruhr gegen die weltliche Obrigkeit ist für ihnTeufelswerk. Denn im Römerbrief des Paulus steht derunumstößliche Satz: "Denn es ist keine Obrigkeit außer vonGott." Daran hält Luther eisern fest. Der weltlichenObrigkeit muss der Christ unbedingten Gehorsam leisten, nurdann nicht, wenn diese Obrigkeit ihn zur Übertretung desGesetzes zwingen will. Wird der Christ von den Herrschendenungerecht behandelt, darf er sich zwar mit dem Evangeliumtrösten, aber nicht mit Berufung auf das Evangelium denGehorsam verweigern, schon gar nicht den Übelständen mitGewalt abhelfen.Kein Wunder, dass der Protestantismus später (fast) immerauf Seiten der Herrschenden steht und das bestehende Regimestützt. Kein Wunder auch, dass die evangelische Kirche keinBollwerk gegen den Nationalsozialismus ist.Als Luther in Wittenberg wieder auftaucht, unternimmt derKaiser nichts, um sein "Wormser Edikt" durchzusetzen.Luther kann sich in den Territorien der zur Reformationtendierenden Regenten frei bewegen.Die Toleranz hat einen pragmatischen Grund: Karl V., inständige Fehde mit dem französischen König und dem Papstverstrickt - 1527 plündern und verwüsten kaiserlicheSöldner Rom -, kann sich innenpolitische Querelen nichtleisten. Die der Reformation zugeneigten Fürsten wollen dasEdikt nicht vollstrecken. Seinem Mentor Friedrich demWeisen hatte Karl V. den Ukas erst gar nicht zustellenlassen.Auf dem Reichstag zu Speyer 1526 einigen sich Reichsständeund Kaiser auf einen Kompromiss: Jeder Fürst solle dieKonfessionsfrage handhaben, wie ihm beliebe, bis die Causairgendwann auf einem Konzil verhandelt würde.Als Erzherzog Ferdinand von Österreich, der Bruder desKaisers, 1529 in Speyer fordert, die Fürsten sollten nunendlich das "Wormser Edikt" vollstreckenund Luther und alle seine Gesinnungsgenossen ergreifen,verlassen die lutherisch gesinnten Adligen unter Protestden Reichstag. Seither heißen die Parteigänger derReformation auch Protestanten.In Wittenberg stellt Luther nach seiner Heimkehr von derWartburg Ruhe und Ordnung rasch wieder her. Karlstadtverlässt die Stadt. Aber den revolutionären Funken von derFreiheit des Christenmenschen, den er selbst gezündet hat,kann er nicht austreten. Ein anderer aus derReformatorenriege entfacht ihn zum Flächenbrand: derMagister der Theologie Thomas Müntzer. Der 1489 oder 1490in Stolberg im Harz geborene Müntzer ist der "Revolutionärunter den Reformatoren" (Veit-Jakobus Dieterich)*.Luther und Müntzer sind Freunde. Im Auftrag desWittenbergers wirkt der Mann aus Stolberg zeitweilig alsReformator in Jüterbog. Doch die Freundschaft hält nichtlange, denn Müntzer ist ein endzeitlicher Schwärmer, dervom baldigen Erscheinen des Reiches Gottes auf Erden träumtund daher mit der bestehenden Weltordnung und ihrerObrigkeit nicht viel am Hut hat. Müntzer kümmert sichstattdessen mehr um die sozialen Missstände, unter denendas niedere Volk, Bauern und Tagelöhner zu leiden haben.Nach Luthers Verschwinden 1521 fühlte er seine Stundegekommen. Er zieht im Reich umher und predigt eine neueReformation gegen die Reichen, weit radikaler als die desMartin Luther. "Es sind die Herren", so sein Credo, "dienur fressen und saufen und schmausen, Tag und Nacht suchenund danach trachten, wie sie sich ernähren und vielePfründen kriegen."Sich selbst sieht der soziale Schwärmer als Propheten derZeitenwende: "Die Zeit der Ernte ist da ... Ich will sie(die Herren) vor euren Augen in dem Geist des Elias zuSchanden machen."In Allstedt im heutigen Sachsen-Anhalt findet Müntzer 1523eine Anstellung als Pfarrer. Dort wird er sofort politischaktiv: Mit Bauern und Bergknappen gründet er einenGeheimbund zur Errichtung der endgültigen Gottesherrschaftauf Erden. Fortan zeigt er sich als "klassenbewusster,revolutionärer, chiliastischer Kommunist" (Ernst Bloch).Die ostdeutsche Staatspartei SED feiert ihn 450 Jahrespäter denn auch als einen frühen Vorkämpfer desProletariats. "O Gott, ist Luther tot, wer wird uns hinfürt das Evangelium fürtragen!" 1524 flieht Müntzer aus Allstedt, bekommt in der freienReichsstadt Mühlhausen wieder eine Stelle als Prediger,gründet erneut einen Geheimbund, wird abermals vertrieben,zieht weiter umher und schürt die revolutionäreReformation, nennt sich nun "Thomas Müntzer mit demHammer".Luther und Müntzer sind inzwischen Erzfeinde. Müntzerbeschimpft Luther als "Doktor Lügner", verhöhnt ihn als"Bruder Mastschwein, Gevatter Leisetritt" und als "giftigesWürmlein mit seiner beschissenen Demut". Luther, höhnt er,habe die Reformation an die Regierenden verraten.Für Luther wiederum ist der Rebell ein "Erzteufel, so inSchafskleidern herumgeht", ein "reißender Wolf", der nur"Mord und Aufruhr anrichten" will.Im Sommer 1524 macht sich die aufgestaute Wut derUnterdrückten im deutschen Süden Luft. In der GrafschaftStühlingen am Oberrhein bricht der Bauernkrieg los, dersich wie ein Lauffeuer in Schwaben, im Elsass, in der Pfalzund in Franken, in Thüringen und Sachsen ausbreitet.Thomas Müntzer ist einer der Chefideologen derAufständischen, er peitscht sie vorwärts. Auf der Gegenseite ruft Luther die Fürstenzum Kampf auf "wider die räuberischen und mörderischenRotten der Bauern". Die Regierenden, so der Reformator inwüsten Worten, sollen die Aufständischen "würgen undstechen", sie totschlagen wie "einen tollen Hund".Am 15. Mai 1525 kommt es zur Entscheidungsschlacht beimthüringischen Frankenhausen. Das Bauernheer hat gegen dieSöldner der Fürsten keine Chance. 6000 Aufständische werdenhingemetzelt, Müntzer wird gefasst, verhört und gefoltert,dann enthauptet. Seinen Kopf spießen die Sieger auf undstellen ihn zur Abschreckung aus.Der Thüringer Aufstand ist niedergeschlagen. DerBauernkrieg hat auf Seiten der Rebellen insgesamt 100 000Menschenleben gekostet. Gebracht hat er nichts. "Die erste,vielleicht die einzige wirkliche Volksrevolution inDeutschland endet in der Katastrophe" (Dieterich).


* Veit-Jakobus Dieterich: "Die Reformatoren". RowohltTaschenbuch Verlag, Reinbek; 158 Seiten; 8,50 Euro. Luthers Ansehen im Volk ist erst einmal dahin. Doch denReformator ficht das so wenig an wie seinen engstenVertrauten und Mitstreiter, den Wittenberger ProfessorPhilipp Melanchthon. "Wer den Müntzer gesehen hat",kommentiert Luther dessen Tod, "der mag sagen, er habe denTeufel leibhaftig gesehen in seinem höchsten Grimm."Und der im Ton ungleich sanftere Melanchthon pflichtet bei:"Dieses Ende Thomas Müntzers ist zu bedenken, damit jederdaraus lerne, wie hart Gott Ungehorsam und Aufruhr gegendie Obrigkeit straft."Gut einen Monat nach dem Gemetzel von Frankenhausenvollzieht Luther auch in seinem Privatleben den endgültigenBruch mit seiner alten Kirche. Bis Ende 1524 hat derReformator noch die schwarze Mönchskutte seines früherenOrdens getragen. Und er wohnt weiter in seiner Zelle imverwaisten Wittenberger Augustiner-Kloster. "Ich empfinde nicht fleischliche Liebe noch Hitze, ich verehre meine Frau." Im Juni 1525 heiratet der 41-Jährige die verarmtemsächsischem Adel entstammende frühere Nonne Katharina vonBora. Die 26-jährige Katharina war zwei Jahre zuvor mit elfanderen Schwestern aus dem ZisterzienserinnenklosterMarienthron in Nimbschen bei Grimma geflohen. Den vonLuthers Theologie infizierten Nonnen wurde das Klosterlebenzu eng. Luther erfährt davon und organisiert mit Hilfeeines Kaufmanns die Flucht. Neun der Nonnen kommen beiWittenberger Bürgern unter. Achtvon ihnen sind bald unter der Haube, nur Katharina ist nochledig. Sie macht Luther offenbar einen Antrag, er nimmt an,nach Ansicht der meisten Lutherforscher weniger aussexuellem Drang, sondern weil er sich Katharinaverpflichtet fühlt.Mit dem Zölibat, den er schon seit langem ablehnt, hat derReformator nach eigenem Bekunden persönlich nie sonderlichProbleme gehabt. Gegenüber Freunden begründet er seinenEntschluss, Katharina von Bora zu heiraten: "Ich empfindenicht fleischliche Liebe noch Hitze, sondern ich verehremeine Frau."Und auf die Einladungen zu seiner Hochzeitsfeier schreibter mit feiner Selbstironie: "Ganz plötzlich und unvermutethat mich der Herr, während mir ganz andere Dinge im Sinnlagen, ins Ehejoch gespannt."Luther hat noch weitere Gründe für seinen Entschluss: Zumeinen will er seinen Anhängern demonstrieren, dass er seineeigenen Lehren auch lebt. Zum anderen wünscht sich seinVater sehnlichst Enkelkinder.Die bekommt er reichlich. Sechs Kinder setzt das Ehepaar indie Welt. Luther schwärmt von seiner Frau: "Käthe, du bisteine Kaiserin. Erkenne es und danke Gott dafür!"Auch finanziell bekommt Luther nun festen Boden unter dieFüße. Der neue Kurfürst Johann, Nachfolger seines AnfangMai verstorbenen Bruders Friedrich des Weisen, zahlt demTheologieprofessor zu Wittenberg zunächst ein Jahresgehaltvon 100, später dann 200 Gulden, wovon der mit seinerFamilie gut leben kann. Außerdem überlässt Johann demBrautpaar das Wittenberger Kloster als Domizil.Die Lutherin, wie sie in Wittenberg allgemein heißt,überlebt ihren Martin um sechs Jahre. Sie stirbt 1552, 53Jahre alt.Ende der zwanziger Jahre sind die radikalen Rivalen Lutherserledigt, seine Lehre setzt sich in weiten Teilen desHeiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch.Doch die Altgläubigen, angeführt vom Kaiser, geben keineRuhe. Karl V. kann sich schon deswegen nicht zum neuenGlauben bekennen, weil er sonst in Europa politischisoliert wäre. Auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 forderter von den Reichsständen nochmals die Durchsetzung des"Wormser Edikts" von 1521. Luther ist in Augsburg nichtdabei, da er als mit Bann und Reichsacht belegter Ketzer umLeib und Leben fürchten muss, umso mehr, als sein großerGönner Friedrich der Weise tot ist.Statt Luther verfasst sein kongenialer Vertrauter PhilippMelanchthon die Verteidigungsschrift der protestantischenFürsten. In dem von ihm maßgeblich entworfenen "AugsburgerBekenntnis" sucht er die Übereinstimmung der WittenbergerReformation mit der Heiligen Schrift und der einen wahren Kirche zu beweisen. Ein halbes Dutzendevangelischer Landesherren und die Reichsstädte Nürnbergund Reutlingen haben das "Bekenntnis" unterschrieben. Damit endet der Luther-Film: Ein Bote bringt die froheBotschaft nach Wittenberg, die Protestanten hätten imAngesicht des Kaisers widerstanden und sich eindeutig zurReformation bekannt. Also Sieg, Sieg.Martin Luther, auch am Ende des Films mit bald 47 Jahrennoch ein ranker Adonis, obwohl zu dieser Zeit nach eigenerAussage längst ein beleibter Wanst, verlässt die Leinwandals Held: Er hat die Menschen von der geistlichenKnechtschaft Roms erlöst und sie in die Freiheit ihresGewissens entlassen - bravo, Finale.Doch es gibt ein Leben nach Hollywood, und das ist nichtganz so strahlend. Der Kaiser und die katholische Mehrheitdes Augsburger Reichstags verwerfen die protestantischeLehre und verfügen erneut die Durchsetzung des "WormserEdikts". Nach Augsburg stehen die Zeichen aufKonfessionskrieg. Um gewappnet zu sein, schließen sich dieEvangelischen zum Schmalkaldischen Bund zusammen.Wieder rettet der äußere Feind den inneren Frieden. Nichtnur Franzosen und der Papst bedrohen diesmal die Macht desKaisers, von Osten dräut der osmanische Sultan Suleiman II.mit seinen Janitscharen.Der Kaiser reagiert einmal mehr - rechter Glaube hin oderher - pragmatisch. Zwei Jahre nach Augsburg wird das"Wormser Edikt" erneut ausgesetzt, mehrere Reichstageerneuern den Waffenstillstand zwischen den Konfessionen undvertagen den Streit bis zu einem "allgemeinen Konzil".Protestanten und Katholiken ziehen gemeinsam ins Feld undzwingen Suleimans Heerscharen, die 1529 beinahe schon Wienerobert hatten, zum Rückzug.Kurz vor seinem Rücktritt als Kaiser, zehn Jahre nachLuthers Tod, wird der gichtgeplagte alternde Karl V. seineMilde gegen die Frondeure der Reformation bitter bereuen:"Es wäre ein Irrtum, die Ketzer nicht zu verbrennen, wieich irrte, als ich den Luther nicht umbrachte. Ich irrte,denn ich wäre nicht verpflichtet gewesen, mein Wort zuhalten, da ja der Ketzer gegen einen größeren Herrnsündigt, der Gott ist; allein ich habe ihn nicht getötet,und so wuchs dieser Irrtum ins Ungeheuerliche."Der brüchige Waffenstillstand zwischen den Konfessionenhält bis zu Luthers Tod 1546. Die Reformation kann sichnach außen und innen in Ruhe entfalten. Luthersintellektuelle Schaffenskraft ist ungebrochen. Er predigtunablässig, hält Vorlesungen, übersetzt das Alte Testament.1534 kommt seine "ganze Heilige Schrift Deutsch" heraus.Doch das Bild des tadellosen Erneuerers der Christenheiterhält in Luthers Spätzeit ein paar tiefe Kratzer. Um dieReformation nicht zu gefährden, billigen er und Melanchthonbeispielsweise 1539 die Bigamie des protestantischenLandgrafen Philipp von Hessen, obwohl die Doppelehe gegenalle Ordnung auch der reformatorischen Theologie verstößt.Nachdem die beiden Wittenberger vergeblich versucht haben,den Landgrafen von seiner Liaison abzubringen, geben sie esihm schriftlich: "Wo aber Euer Fürstlichen Gnaden endgültigdarauf beschließen, noch ein Eheweib zu haben, bedenkenwir, dass solches heimlich zu halten sei." Luther, derHeuchler.Schlimmer als dieser Ausrutscher, der nicht öffentlichwird, ist eine andere Entgleisung des Wittenbergers: Lutherentpuppt sich in seinen späten Jahren als übler Judenfeind.1543, drei Jahre vor seinem Tod, veröffentlicht er dieumfängliche Hetzschrift "Von den Juden und ihren Lügen",die passagenweise an den "Stürmer" des NS-Demagogen JuliusStreicher erinnert, der sich im NürnbergerKriegsverbrecherprozess denn auch auf Luther berief. Indiesem Pamphlet gibt der Reformator Ratschläge, wie dieObrigkeit "mit diesem verworfenen, verdammten Volk derJuden" umspringen solle.Er fordert, die Synagogen niederzubrennen, "unserem Herrnund der Christenheit zu Ehren", da sie darin "Christum unduns belügen, lästern, fluchen, anspeien und schänden". Auchdie Häuser der Juden solle man zerstören und sie "wie dieZigeuner" in Sammellager sperren. Ihre Bibeln und Bücherseien zu konfiszieren. Juden dürften sich nicht frei aufder Straße bewegen, kräftige jüdische Frauen und Männersollen mit körperlicher Arbeit ihr Brot verdienen oder ausdem Land gewiesen werden ("Drum immer weg mit ihnen").Und schließlich verlangt Luther, dass man den jüdischenRabbinern "bei Leib und Leben verbiete, hinfurt zu lehren".Auch ans Geld, natürlich, denkt der Reformator: Die Fürstentäten Unrecht, die Juden gegen Bares zu beschützen, siemüssten vielmehr alles daransetzen, dass "wir alle derunleidlichen, teuflischen Last der Juden entladen werden".Noch seine letzte Predigt in Eisleben, drei Tage vor seinemTod, klingt hasserfüllt: Er fordert von der Kanzel erneut,die Juden müssten aus der christlichen Gesellschaftausgeschlossen werden, da sie nicht abließen, denChristengott Jesus zu lästern.

Luthers Antisemitismus ist nicht rassistisch begründet,sondern rein religiös: In mehreren Disputen mit Juden hater erfahren müssen, dass diese sich nicht zu seinem HerrnJesus bekehren wollten. Deshalb müssen die christlichenRegime sie ausgrenzen.Die evangelischen Fürsten haben Luthers radikaleForderungen nicht aufgegriffen. Allerdings kommt es unterseinem Einfluss zu antijüdischen Maßnahmen in Sachsen. ZumGlück für den Protestantismus hat der Reformator seinenJudenhass nicht in seine Theologie integriert. UnterLuthers Schülern jedoch bleibt dieses Erbe lebendig. Erstmit der Aufklärung bot sich der evangelischen Kirche dieMöglichkeit, hier Luther hinter sich zu lassen. SeinEinfluss als Judenfeind hat sich im 20. Jahrhundertaußerhalb der Theologie bemerkbar gemacht.Anders Luthers Lehre von Kirche und Staat. Mit seinerObrigkeitshörigkeit begründet der Reformator eine unheiligeAllianz von Thron und Altar und führt die christlicheKirche in eine neue Knechtschaft, die bis zum Ende desdeutschen Kaiserreichs 1918 andauert. Die Luther-Kircheorganisiert sich schon zu Lebzeiten ihres Gründers inLandeskirchen, die deckungsgleich sind mit den jeweiligenTerritorien der weltlichen Herrscher. Die sind auch dieOberherren ihrer Kirche.An Stelle des Papstes bestimmt fortan der Fürst, was undwie die Seinen zu glauben haben. Die Liaison von Kirche undStaat wird enger, als sie im Mittelalter mit den AntipodenKaiser und Papst war. Die Folgen zeigen sich bald nachLuthers Tod.Am 18. Februar 1546 stirbt der seit langem von Nieren- undBlasensteinen, von Stuhlverhaltungen und anderen Gebrechengeplagte Mann in seinem Geburtsort Eisleben, wohin er trotzKälte und Hochwassers gereist ist, um einen Familienstreitseiner ehemaligen Herren, der Grafen von Mansfeld, zuschlichten. Bis zuletzt behält er seinen mit Selbstironiegetränkten Humor. "Wenn ich wieder heim gen Wittenbergkomm", schreibt er an seine Käthe, "so will ich michalsdann in den Sarg legen und den Maden einen feistenDoktor zu fressen geben."Seine Seele empfiehlt er seinem Gott: "Ist dies meineStunde und dein göttlicher Wille, so will ich mit Fried undFreuden auf dein Wort gern von hinnen scheiden."Weniger als ein halbes Jahr nach Luthers Tod bricht derlang erwartete Religionskrieg aus. An den Grenzen desReichs ist es ruhig, auch der Papst gibt sich friedlich.Karl V. hat endlich Zeit, sich den vermaledeiten Ketzern zuwidmen. Ein Jahr dauert der blutige Konflikt. Am 24. April1547 wird das Heer des Schmalkaldischen Bundes bei Mühlbergan der Elbe vernichtend geschlagen. Anschließend erobertKarl V. Wittenberg, das Herz der Reformation.Auch diesmal indes ist der Sieg nicht von politischerDauer. Acht Jahre später, Anno 1555, besiegelt ein weitererReichstag zu Augsburg für immer die Teilung der deutschenChristenheit. 34 Jahre nach dem "Wormser Edikt" schließendie Kontrahenten den "Augsburger Religionsfrieden". Es istein Kompromiss mit verheerenden Folgen für dieGewissensfreiheit der Bürger: Jeder Landesherr bestimmtkünftig, welcher Glaube in seiner Region gelten soll - nachdem Motto: Cuius regio, eius religio (Wessen Land, dessenReligion). Wer sich dem verordneten Bekenntnis nicht beugenwill, muss auswandern.Sosehr dieser Kuhhandel allen reformatorischen Idealen Hohnspricht - den Deutschen sichert er für mehr als 60 JahreFrieden.Doch dann schlagen sie im Namen des Herrn wiederaufeinander ein. Im Frühjahr 1618 beginnt derDreißigjährige Krieg. ULRICH SCHWARZ