Reality-TV Hühnchen rupfen
SPIEGEL:
Nachdem Politiker und Medienwächter kürzlich erwogen, die RTL-Dschungelshow aus dem Programm zu kippen, betiteln Sie "Big Brother" nun als Klassenkampf. Wird das Privatfernsehen etwa politisch?
Brandt: Nein, wir haben im neuen "Big Brother"-Haus nur einen Mikrokosmos der Gesellschaft geschaffen - mit reichen Kandidaten, Normalverdienern und solchen, die nichts haben.
SPIEGEL: Das sind Arbeitslose, die Sie als Survivor bezeichnen. Die müssen unter freiem Himmel schlafen, sich ihr Hühnchen erst rupfen, bevor sie es an einer Feuerstelle braten - und dabei auf den Pool der Reichen schauen.
Brandt: Ja, wie im echten Leben. Aber durch Spiele können die, die nichts haben, ganz schnell reich werden.
SPIEGEL: Sie meinen, die Arbeitslosen dürfen mal am Pool sitzen und am Reichtum schnuppern. Es gibt auch einen Bestrafungsraum, den die Regie kühlen und erhitzen kann, und dann folgen möglicherweise neue Debatten um die Menschenwürde.
Brandt: Es wird aber keine Hitzestrafe bei uns geben. Zudem kann jeder aussteigen. Außerdem senden wir abends um sieben, und da gilt der Jugendschutz.
SPIEGEL: Wer will das alles ein Jahr lang sehen?
Brandt: Es ist eigentlich nichts anderes als "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" in Echt. Und das läuft seit zwölf Jahren.
SPIEGEL: Aber wohl nie hat sich das Fernsehen selbst so entblößt wie durch "Big Brother".
Brandt: Ach, das gab es doch schon bei "Am Laufenden Band". Da mussten unschuldige Kandidaten Szenen nachspielen. War das peinlich. Wir arbeiten mit derselben Mechanik, nur größer.
SPIEGEL: Was zahlen Sie den Kandidaten?
Brandt: Jeder bekommt ein kleines Wochensalär, mehr nicht.
SPIEGEL: Außer "Big Brother" hat Endemol zuletzt nicht viel zu Wege gebracht. Leiden Sie an Kreativitätsschwund?
Brandt: Das täuscht. Die deutschen Sender sind derzeit aber nicht sehr offen für unsere Innovationen.