Schrammen und Schrullen
Sie habe ja immer, "die ganze Kindheit hindurch", Angst davor gehabt, "dass du stirbst", sagt die Tochter zur greisen Mutter, während sie deren Fingernägel schneidet. "Ach", erwidert die Mutter, "das tut mir aber Leid." Sie entschuldigt sich beinahe, als habe die Tochter ihr einen Vorwurf gemacht, das wiederum wollte die Tochter gar nicht, weshalb sie sich vorwirft, der Mutter das gesagt zu haben, und etwas durcheinander gerät und die Mutter am linken Ringfinger "etwas zu tief" schneidet.
Aus solchen Miniaturen des Verstehens und Missverstehens, der gelingenden und wieder misslingenden Zuwendung sind die "Letzten Szenen mit den Eltern" zusammengesetzt, die Claudia Wolff, 62, erzählt. Das späte literarische Debüt der Heidelberger Rundfunkautorin behandelt ein Thema, das künftig etliche Bewohner dieses Landes beschäftigen wird: die schwierigen Beziehungen von selbst nicht mehr ganz jungen Kindern zu Eltern, die immer älter, aber auch immer vergesslicher, gebrechlicher und seltsamer werden.
Wolff macht nun aber aus ihrem - offensichtlich weitgehend autobiografischen, doch nicht in der Ich-Form geschriebenen - Text kein plakatives Klagelied über Elend und Einsamkeit der Alten. Sie beschreibt sehr sensibel und genau, zuweilen so sachlich wie ein Polizeiprotokoll, alle möglichen Schrammen und Schrullen, großen und kleinen Ärgernisse, Glücksmomente und Banalitäten im Verhältnis zwischen "der Tochter" und ihren Eltern, vor allem in dem emotional ambivalenten Verhältnis zur Mutter im "Wohnstift".
Um das bei deutschen Familien notorisch verhandelte "Moralbudget" (Was tat der musikliebende Vater als Soldat?) geht es dabei nur beiläufig. Wichtiger ist das Protokoll des Verfalls, der die Tochter lehrt, mehr und mehr das "eigene Alter" zu sehen und zu reflektieren. Ein Roman? Eine Erzählung? Egal: ein ergreifendes Buch.
MATHIAS SCHREIBER
Claudia Wolff: Letzte Szenen mit den Eltern. Verlag Antje Kunstmann, München; 144 Seiten; 14,90 Euro.