Cooler Mistkerl
Es gibt ein paar gute Gründe dafür, dieses Buch vorschnell ins hinterste Eck zu pfeffern. Das Thema: ein Highschool-Massaker im Süden der USA und die Seelenverfassung eines der Tatverdächtigen. Der Autor: Der Mann lässt schon auf dem Buch-Klappentext mit seiner echt wilden Drogensucht- und Kriminellen-Vergangenheit prahlen, zieht auf dem zugehörigen Foto eine finstere Visage und nennt sich DBC Pierre, was angeblich für "Dirty But Clean Peter" steht. Schließlich der deutsche Titel: Denn der Jesus, der dem Roman "Jesus von Texas" den Namen gibt, ist nur eine Randfigur, das Buch handelt fast ausschließlich von einem obercoolen jugendlichen Mistkerl namens Vernon God Little - und genau nach ihm ist das englische Original des Werks benannt.
Doch "Jesus von Texas", der Debütroman des 42-jährigen, in Australien geborenen Globetrotters Peter Warren Finlay alias DBC Pierre, ist tatsächlich ein fabelhaftes, schreckliches, mitreißendes Machwerk. Er schickt den Ich-Erzähler Vernon auf eine aberwitzige Höllenfahrt, die im schmuddeligsten Provinz-Amerika ihren Anfang nimmt.
In dem texanischen Kaff Martirio erregt ein grausiges Massaker unter Schülern die Menschen. Der in Wahrheit einzige Mörder, der Wirrkopf Jesus, ist tot; also halten sich der Sheriff und seine Helfer an Jesus' besten Freund, den verdrucksten Außenseiter Vernon.
Vernon kommt direkt aus der Gosse, hat eine übergewichtige und sehr geistesschlichte Mutter zu Hause und ansonsten "büschelweise störrische braune Haare, Wimpern wie von einem Kamel und ein überdimensioniertes Welpengesicht".
DBC Pierres Roman wurde im vergangenen Oktober mit dem oberwichtigen britischen Booker-Preis bedacht - und das ganz zu Recht. Es ist ein ebenso zotiges wie virtuoses Sprachkunststück, das der Übersetzer Karsten Kredel mit großem Geschick ins Deutsche übertragen hat, ein wüstes Schmuddelkind-Gruselstück und ein großartiger Lesespaß. Natürlich handelt es sich auch um eine satirische Attacke auf das Rechtssystem, den Medienzirkus und die Waffen-Narretei in den USA von heute, aber jenseits aller politischen Botschaften verzaubert dieser Roman durch eine umwerfende, furiose Erzählleistung.
WOLFGANG HÖBEL
DBC Pierre: Jesus von Texas. Aus dem Englischen von Karsten Kredel. Aufbau-Verlag, Berlin; 384 Seiten; 19,90 Euro.