Automobil, Zigarre und Fräulein Else
Vor bald vier Jahren erschien die "Geschichte eines Deutschen", der postum veröffentlichte Essay des 1999 gestorbenen Publizisten Sebastian Haffner. In brillanter Prosa hatte Haffner 1939 - vom Londoner Exil aus - am Beispiel der eigenen Erfahrungen den Weg Deutschlands vom Kaiserreich zu Hitler geschildert. Das Werk wurde zum gefeierten Bestseller. Nun erscheint ein weiterer Band aus dem Nachlass: Feuilletons aus den unmittelbar vorhergehenden Jahren 1933 bis 1938, die der junge Historiker Jürgen Peter Schmied bei den Recherchen für seine Dissertation über Haffner jüngst wiederentdeckt hat. Nach der Machtübernahme Hitlers sah sich Nazi-Gegner Haffner, der damals noch Raimund Pretzel hieß, gezwungen, ins politisch Unverfängliche auszuweichen. Sein Glück: Er bewies schon früh eine außergewöhnliche literarische Begabung.
So publizierte der Endzwanziger im Unterhaltungsblatt der "Vossischen Zeitung", in Modeblättern wie "Die Dame" und "Die Neue Linie", aber auch in obskuren Zeitschriften wie "Die Koralle" - und schrieb über nahezu alles: über das Wetter und die Jahreszeiten, über die Ansichtspostkarte und die Zigarre, die Hose, das Automobil und den Ehekrach, das Leben der Fußgänger und Fräulein Else. So unterschiedlich die Qualität der Texte - die besten erinnern durchaus an Kurt Tucholsky und Alfred Kerr -, so beeindruckend ist Haffners Fähigkeit, auch scheinbar nebensächliche Phänomene der Zeit zu erfassen und ebenso ironisch wie pointiert zu beschreiben.
REINHARD MOHR
Sebastian Haffner: Das Leben der Fußgänger, Feuilletons 1933 - 1938. Hanser Verlag, München; 400 Seiten; 23,50 Euro.