Maskenspiel der Identitäten - DER SPIEGEL
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Maskenspiel der Identitäten

In Gisela Stellys Berliner Roman "Spiel mit mir" schrammt ein allzu verliebtes Paar scharf an der totalen Katastrophe vorbei doch noch ins Glück.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ja, wie nennt man sie nun, diese tüchtigen, topfitten, immer gut aufgelegten jungen Leute, diese rundum wohlgeratenen und etablierten Knapp-über-Dreißiger, die man früher, in der guten alten Zeit vor dem letzten Crash, Yuppies genannt hat? Wirken sie nicht irgendwie geklont? Ein kleinkrimineller Rotzlöffel in Berlin-Mitte, Ossi natürlich, nennt die schicken Zuzügler aus dem Westen mit der ganzen Kraft seiner Verachtung "Fassadenärsche". Und lebt davon, dass er sie beklaut.

"Spiel mit mir", der neue Roman von Gisela Stelly, erzählt von einem Idealpaar dieser Spezies mit Namen Stella und Ben - sie ehrgeizige Aufsteigerin in einer Event-Agentur, er Kolumnist und Reporter bei einer großen Berliner Tageszeitung -, das sich vor ein paar Wochen erst in einer elegant ausgebauten Dachwohnung in der Marienstraße zusammengetan hat. Der Hochzeitstermin steht. Die beiden sind gewissermaßen in die Zielgerade ihres Lebensglücks eingebogen, das in paralleler Harmonie bis in alle Ewigkeit vor ihnen zu liegen scheint - doch es braucht nur ein paar kleiner Zufälle und ein paar kurzer Wochen, um den Traum einer großgeschriebenen Großen Liebe, der nie wirklich in Frage oder auf die Probe gestellt wurde, bis auf den Grund zu erschüttern.

Die Zufallsbegegnung mit drei Schwestern, die allein in einer düsteren Parterrewohnung in der Nachbarschaft hausen, wirft alles um: Christina, die ernüchternd vernünftige Sozialwissenschaftsstudentin, Trixa, die stets wild geschminkte Post-Punk-Rebellin in Springerstiefeln, und Klara, die schwärmerisch-sentimentale Schauspielschülerin, lösen - ungewollt und doch zwangsläufig - eine Kettenreaktion von Missverständnissen, Pannen, Intrigen und Leidenschaftskatastrophen aus, die auch den ganzen Freundeskreis des Traumpaars Ben und Stella durcheinander wirbelt.

Gisela Stellys knapp und energisch vorwärts drängende Erzählweise verschmäht nicht die Mystifikationskünste des Psychothrillers, liebt aber mehr die verwegenen Gedankenexperimente: Während Stella und Ben mit Blick auf einen Wissenschaftlerkongress beruflich mit "Human Design" zu tun bekommen, mit Klonforschung, Gentechnik, Authentizität, Simulation et cetera, verändert vor ihren Augen ein viel abgründigeres Maskenspiel der Identitäten ihre Realität. Die Liebe siegt, deshalb ist es ein Roman. Er begann mit einer Hochzeit, und auch der Hochzeitstermin zum Schluss wird gehalten. Das hat Eleganz.

URS JENNY


Gisela Stelly: Spiel mit mir. Droemer Verlag, München; 272 Seiten; 18,90 Euro.