Musikindustrie: "Endlich mehr Freiraum" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Musikindustrie "Endlich mehr Freiraum"

Michael Haentjes, 48, Chef der größten deutschen unabhängigen Plattenfirma Edel Music, über die Fusion der Plattenkonzerne BMG und Sony, CD-Preise und die Folgen für die Musikbranche
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Voraussichtlich am Dienstag wird die Europäische Kommission die Fusion der Plattenkonzerne Sony und BMG gestatten. Damit entsteht ein zweiter Musikriese, der gemeinsam mit Universal fast 50 Prozent des Marktes beherrschen wird. Droht damit der Untergang der unabhängigen Plattenfirmen?

Haentjes: Ganz im Gegenteil: Wir haben mehr Freiraum, um zu agieren. Da werden jetzt eine Menge Künstler freigesetzt, die zu wenig verkaufen und eher Nischen besetzen. Für solche Konzerne ist das Kleinkram, für uns dagegen sehr erfolg- und ertragversprechend. Die Einzigen, die sich sorgen müssen, sind die anderen Großen: Universal, Warner und EMI.

SPIEGEL: Das überrascht. Schließlich schießt Impala, der europäische Verband unabhängiger Plattenfirmen, unablässig mit markigen Worten gegen die Fusion und spricht von einer drohenden "Zerstörung des Musikmarktes".

Haentjes: Das ist pragmatisch doch überhaupt nicht zu begründen. Wir haben uns die Hände gerieben, als wir von der Fusion erfuhren: Die lassen jetzt eine Menge fallen, und uns fällt es genau vor die Füße. Außerdem werden Sony und BMG sich nun erst mal mit sich selbst beschäftigen müssen - das kann nur gut für uns sein.

SPIEGEL: Die EU-Kommission, die den Zusammenschluss prüfte, hat vor allem Bedenken wegen heimlicher Preisabsprachen, gegen die die unabhängigen Plattenfirmen machtlos wären.

Haentjes: Warum? Die Ängste um Absprachen bei CD-Preisen sind völlig unbegründet. Wir Plattenfirmen haben da doch schon lange nicht mehr das Sagen. Ganz im Gegenteil: Der Handel diktiert uns den Preis.

SPIEGEL: Aber heißt mehr Konzentration nicht zumindest weniger Vielfalt? Werden wir bald von noch mehr globalem Plastik-Pop überschwemmt?

Haentjes: Nein, genau dort liegt die Chance für uns Independents: langfristig Künstler aufzubauen, um diese entstehenden Lücken zu schließen. Sollen die doch ihren Plastik-Pop machen und wir den coolen Rest.