Indische Studenten Letzter Ausweg Selbstmord
Eine beunruhigende Selbstmordwelle beschäftigt die linksgerichtete Regierungskoalition unter Ministerpräsident Manmohan Singh. Neuesten Studien zufolge sind zwei ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen betroffen: zum einen verarmte Bauern insbesondere im Süden Indiens, zum anderen Studenten und Schüler ausgerechnet in den Gegenden, in denen das strenge Bildungssystem der Informations- und Biotechnologie zu besonderen Fortschritten verholfen hat - in Andhra Pradesh, Karnataka, Kerala und Tamil Nadu.
Weltweit liegen diese Bundesstaaten bei Jugendselbstmorden mittlerweile an der Spitze. Als Ursache für die Suizide auf dem Lande müssen offiziell die immer wiederkehrenden Dürren herhalten - diesen Sommer ist der Südwestmonsun teilweise ausgeblieben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Hunderttausende Bauern sind von der wenig rentablen Obst- und Gemüseerzeugung zu Produkten wie Baumwolle übergewechselt, die höhere Handelsspannen versprachen. Die erforderlichen Investitionen in die Bewässerung konnten sie jedoch meist nur mit privaten Krediten finanzieren, bei Wucherzinsen bis zu 26 Prozent. Miserable Ernten und eine ausufernde Überschuldung führen dann häufig zu Kurzschlusshandlungen.
Im Wahlkampf hatte die regierende Kongresspartei noch versprochen, die Schulden der Bauern zu übernehmen oder ganz zu streichen und staatliche Kredite zu erhöhen. Außerdem stellte sie Brunnenbohrungen und Wettervorhersagen nach neuester Technik in Aussicht. Doch als sie vorvergangene Woche ihren Haushalt vorlegte, war zumindest von Schuldenübernahme nicht mehr die Rede.
In Hightech-Metropolen wie Bangalore hingegen sind die meisten Selbstmörder erst 15 bis 25 Jahre alt. Zu 90 Prozent gehören sie der Mittelschicht an. Sie seien dem wachsenden Stress der marktwirtschaftlichen Konkurrenz nicht gewachsen und stünden schon an Schulen und Universitäten unter enormem Leistungsdruck, sagt Malini Mohan von der Telefonseelsorge "Sneha". Die Privatschulen kann sich nur die Elite leisten; die Lehrer an den staatlichen Schulen sind dagegen schlecht bezahlt und oft überarbeitet. Landesweit nehmen sich nach amtlichen Angaben jedes Jahr 4000 Schüler und Studenten das Leben.