SEUCHEN: "Da wird zu lax herangegangen" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

SEUCHEN "Da wird zu lax herangegangen"

Klaus Stöhr, 45, Direktor des Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO), über die Gefahr einer Grippe-Pandemie, ausgelöst durch das Vogelgrippe-Virus H5N1
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Eine chinesische Wissenschaftlerin berichtete kürzlich, dass das Vogelgrippe-Virus H5N1 jetzt erstmals Schweine infiziert habe. Dort könnte es sich mit Hilfe von menschlichen Grippe-Viren in ein von Mensch zu Mensch übertragbares "Super-Influenza-Virus" verwandeln. Ist das Horrorszenario einer Vogelgrippe-Pandemie damit einen Schritt näher gerückt?

Stöhr: Es war so: Die chinesische Wissenschaftlerin hat einen Vortrag gehalten und danach mit zwei Studenten gesprochen. Das dachte sie zumindest. Aber es handelte sich um zwei Reporter von den Nachrichtenagenturen AFP und Reuters. Am Ende erschienen ihre Ergebnisse in der Presse völlig aus dem Zusammenhang herausgerissen. Tatsächlich ist 2003 bei einer ganz kleinen Untersuchung in einer der Provinzen im Süden Chinas das H5N1-Vogelgrippe-Virus in Schweinen entdeckt worden. Aber das war überhaupt keine Überraschung, denn Schweine sind bekanntermaßen für Vogelgrippe-Viren empfänglich. Viel wichtiger ist, dass andere größere Untersuchungen in Südchina und Hongkong bislang keinerlei Hinweis auf eine großflächige Infektion von Schweinen ergeben haben.

SPIEGEL: Das heißt also Entwarnung?

Stöhr: Nein, das Risiko einer Vogelgrippe-Pandemie steigt trotzdem kontinuierlich. H5N1 hat sich in den vergangenen sechs Monaten so verändert, dass es Geflügel immer stärker und immer schneller krank machen kann. Das Gleiche gilt für Mäuse, also Säugetiere - wirklich keine gute Nachricht. Jedes Land sollte schnellstens anfangen, einen Notfallplan auszuarbeiten. Und wir als WHO überlegen, ob wir nicht ein großes Lager an Grippe-Medikamenten anlegen sollten, mit deren Hilfe wir eine beginnende Pandemie vielleicht noch im Keim ersticken könnten.

SPIEGEL: Und was ist mit der Impfstoff-Entwicklung?

Stöhr: Da wird zurzeit viel zu lax herangegangen. In Europa passiert gar nichts, nur in den USA wird daran gearbeitet. Dort beginnen immerhin bald die ersten Versuche an Menschen. Und es wird dort sogar darüber nachgedacht, die ganze Bevölkerung systematisch durchzuimpfen, wenn der Impfstoff da ist - meiner Meinung nach eine sinnvolle Maßnahme.

SPIEGEL: Gibt es irgendeine Möglichkeit abzuschätzen, wie groß die Gefahr tatsächlich ist, dass sich Vogel- und Menschengrippe-Virus zu einem tödlichen, von Mensch zu Mensch übertragbaren Erreger verbinden?

Stöhr: Das herauszufinden ist ganz wichtig. Deshalb unterstützen wir als WHO jetzt auch Labore, die unter Hochsicherheitsbedingungen diese Viren zusammenbringen wollen, um die tatsächliche Gefahr experimentell zu ermitteln.

SPIEGEL: Was ist Ihre Einschätzung: Wird es eine Pandemie geben?

Stöhr: Es hat schon immer Pandemien gegeben, allein im vergangenen Jahrhundert drei große. Wir haben derzeit ein H5N1-Virus, das sehr weit verbreitet ist, das bereits 27 Menschen getötet hat und das immer stärker krank macht. Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass es jetzt eine Pandemie geben wird, ist größer, als dass nie mehr eine auftritt.