Castor - DER SPIEGEL
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Castor

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SO VIEL ZULAUF WAR NIE.

Spricht der Obergrüne Joschka Fischer, in Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz, verharren Menschentrauben vor der Halle, auch wenn sie längst wegen Überfüllung geschlossen ist. Dem Shooting-Star Renate Künast, grüne Verbraucherschutzministerin, hängen die von Seuchen, Schweinedoping und Rinderwahn verunsicherten Landwirte an den Lippen.

Welch ein Kontrast zum Vorjahr: Damals wurden grüne Spitzenpolitiker noch von oberschwäbischen Bauern ausgebuht. In diesen Tagen rufen sie: "Lauter" und ein verschämtes "Bitte" hinterher, wenn sie die heilige Johanna der Kuhställe nicht verstehen.

Künast als oberste Verbraucherschützerin und Fischer als Symbol der unter Beschuss geratenen 68er-Generation - beide seien "Gottesgeschenke" für die angeschlagenen Grünen, meint der Demoskop Manfred Güllner vom Forsa-Institut.

Doch trotz des neuen Wir-Gefühls herrscht in der Öko-Partei tiefe Verunsicherung. Auf dem Stuttgarter Parteitag, als Inszenierung der neuen, professionellen Regierungspartei geplant, droht am Wochenende Streit über die bevorstehenden Castor-Transporte. Vor allem die niedersächsischen Grünen, wegen des möglichen Atom-Endlagers in Gorleben besonders betroffen, sollen mit einem "weich formulierten" Antrag des grünen Bundesvorstandes eingefangen werden. Dass das gelingt, ist unwahrscheinlich. Zu den Reizthemen in Stuttgart zählen auch die Außenpolitik und die Rüstungsexporte, die unter rot-grüner Regentschaft erneut kräftig ansteigen.

Parteienforscher Joachim Raschke, wissenschaftlicher Begleiter der Grünen seit 20 Jahren, bescheinigt der Parteiführung in seinem neuen Buch ("Die Zukunft der Grünen") zwar, Parteichef Fritz Kuhn habe ein "erfolgreiches Notstandsregime" errichtet, doch die meisten Spitzengrünen seien nicht in der Lage, in drei Sätzen zu begründen, warum es die Partei noch geben müsse.

Die Erwartungen bei den Grünen fallen, überfüllten Hallen zum Trotz, immer bescheidener aus. Im Stile vorauseilender Schadensbegrenzung werden die Parolen ausgegeben: Jedes zweistellige Ergebnis in Baden-Württemberg sei ein "Riesenerfolg", obwohl die einstigen Ökopaxe bei der letzten Landtagswahl stolze 12,1 Prozent erreichten. In Rheinland-Pfalz fiele den Grünen schon ein Stein vom Herzen, wenn wenigstens der Wiedereinzug in den Landtag gelänge.

Umweltminister Jürgen Trittin sieht mit verhaltenem Optimismus in die grüne Zukunft - trotz der Querelen um Castor-Transporte und Öko-Kurs. Sogar schwarz-grüne Bündnisse schließt er nicht aus.