Literatur Inspiration beim Zähneputzen
Ein mächtiger Arzneimittelhersteller - er stammt aus einem kleinen Land, das sich auf Schokolade und Pharmakonzerne spezialisiert hat - lädt einige Psychiater aus Frankreich zu einer Tagung ein. Beim Abendessen sprechen die Herrschaften über die Liebe. "Liebe", sagt der alte Psychiater François, "ist eine Verrücktheit des Blutes, in welche die Vernunft einwilligt." Hector, sein jüngerer Kollege, denkt an die Liebeswirren seiner Patienten und sagt: "Liebe ist die Quelle unserer größten Glückseligkeit, Liebe verursacht unser schmerzlichstes Unglück."
So geht es eine Weile hin und her, und nachdem man genug philosophiert hat, bitten die Chefs des Pharmakonzerns den jungen Hector darum, sich auf eine Mission zu begeben: Er soll einem Professor nachreisen, der erfolgreich eine geheime Liebesformel entwickelt und sich damit davongemacht hat - was Hector insofern gelegen kommt, weil es um sein eigenes Liebesleben nicht zum Besten steht: Clara, seine Freundin, hat sich in einen anderen Kerl verliebt.
"Hector und die Geheimnisse der Liebe" heißt das neue Buch von François Lelord, 52, das sich in der ersten Verkaufswoche auf Platz zwölf der SPIEGEL-Bestsellerliste platzierte, nachdem der Autor gerade seine erste Lesereise durch Österreich und Deutschland hinter sich gebracht hatte*.
Mit seinem Romandebüt "Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück" hat Lelord in Frankreich, Deutschland, Japan, Portugal, Spanien und Korea großen Erfolg. Seit 42 Wochen steht das Buch auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste und verkaufte sich rund 280.000mal. Eine Berliner Firma will Hectors Abenteuer verfilmen - der Schauspieler August Zirner, der in München 200 Zuhörern eine bemerkenswert amüsante Lesung bot, erscheint Lelord als würdige Besetzung für seinen suchenden Helden.
Autor Lelord ist ein eleganter, zurückhaltender Mann von hintergründigem Humor. Talkshows meidet er, denn "die Leute wollen Hector kennen lernen, nicht mich", unterstellt er seinen Fans, um dann geduldig und liebenswürdig ausführlich Fragen zu beantworten.
Lelord ist Mediziner und promovierter Psychologe. Lange betrieb er eine psychologische Praxis und schrieb, inspiriert von seinen Patienten, zunächst ein Fachbuch mit Essays. Dann, eines Abends, in einem Hotel in Hongkong, habe er beim Zähneputzen plötzlich Hector vor sich gesehen, erzählt Lelord - und ihn alsbald als Glücksforscher auf Reisen geschickt.
Angeregt hätten ihn Jonathan Swifts "Gulliver", Hans Christian Andersen und Voltaire, sagt Lelord, und es klingt, als fände er es vermessen, derartig berühmte Taufpaten zu beschwören - auch Comicfiguren wie Tim und Struppi, in Frankreich als "Tintin" berühmt, nennt er als Einfluss.
Wie sein Erfinder schließt auch Hector seine Praxis in Paris, um die Welt zu durchstreifen und Antworten zu finden auf die Frage: Was ist Glück? "Hector und die Geheimnisse der Liebe" führt den Psychiater nun nach Kambodscha und China, wo er sich mit schönen Frauen, geheimnisvollen Liebespillen und einigen Finsterlingen herumschlägt und dabei der naturgemäß nicht ganz einfachen Frage nachgeht, was Liebe für die Menschen bedeutet - und was passieren würde, wenn man sie mittels Pillen kontrollieren und zähmen könnte.
Hector teilt die Liebe seines Schöpfers zu Asien, doch er ist, wie Lelord sagt, deutlich jünger. Hector ist Anfang dreißig, ein Held reinen Herzens, der den Lesern schnell ans Herz wächst, er hat eine humorvoll-naive Lebensklugheit und ist unerschrocken auf der Suche nach dem Wahren, Schönen und Guten.
Lelord beschwört in seinen Sinnsucherfabeln die Wiederverzauberung der Welt - anschaulich und eindringlich. Er erzählt charmant und unterhaltsam und bietet dabei eine Mischung aus modernem Märchen und Liebesstory, angereichert mit Erkenntnissen aus Hirnforschung und Philosophie. Viele Leser setzen Lelord mit seinem Helden gleich, doch Hector als Lelords Alter Ego anzusehen wäre zu simpel. Lelord ist ein Intellektueller, der sich für Architektur begeistert, für die Bilder von Gustav Klimt und Egon Schiele schwärmt, der Victor Hugo, Baudelaire, aber auch John Updike, Franz Kafka und vor allem Graham Greene verehrt.
Anders als Hector, der immer wieder zu seinen Patienten zurückkehrt, hat Lelord inzwischen seine Praxis in Paris geschlossen und führt das Leben eines schreibenden Nomaden. Eine Weile hat er in Los Angeles gelebt, mittlerweile pendelt er zwischen Hanoi und Paris hin und her.
Hanoi sei für ihn ein mysteriöser Ort, der ihn gleichzeitig an seine Kindheit erinnere: Es gebe dort freundliche Leute, die den ganzen Tag lang miteinander schwätzten, "viele davon sind jung und voller Hoffnung", sagt Lelord. So ähnlich verhält es sich mit dem Autor der "Hector"-Bücher: Er ist ein stets freundlicher, zum Plaudern aufgelegter Erzähler, den eine schöne Zuversicht antreibt. Die ist zwar nicht immer begründet, aber unbedingt beneidenswert.
* François Lelord: "Hector und die Geheimnisse der Liebe". Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch. Piper Verlag, München; 222 Seiten; 16,90 Euro.