Aufbau Ost: Wölfe am Wasser - DER SPIEGEL
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Aufbau Ost Wölfe am Wasser

Die Lausitz will ökonomisch partout nicht blühen. Nun wird das Jammertal geflutet: Es entsteht eine riesige Seenplatte auf 130 Quadratkilometern.
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Schon die Namensgebung verhieß nichts Gutes. "Luzica" nannten die Sorben das weite Land mit den dürftigen Weiden - Sumpfland. Später wurde "Lausitz" daraus, doch Menschen kamen erst in nennenswerter Zahl, als sich Gold unter dem Sand fand, schwarzes Gold: Kohle von teils beachtlicher Qualität.

Die Goldgräberstimmung ist inzwischen aber perdu, seit die Kohle kaum noch gebraucht wird und der Osten Deutschlands nicht mehr nach DDR riecht. Die Menschen wandern ab, Wölfe besiedeln das weite, vom exzessiven Tagebau in eine Mondlandschaft verwandelte Land. Das Wasser, über Jahrhunderte wegen der Kohlengruben abgepumpt, kehrt langsam wieder zurück.

Für die Menschen in der gebeutelten Region ist das Wasser die letzte Hoffnung; für die Politik, die auch hier blühende Landschaften versprach, ist es der letzte Versuch: Gewerbe und Industrie meiden die Region beharrlich, dann soll eben jetzt ein gigantisches Seenland mit 21 Gewässern und einer Wasserfläche von 130 Quadratkilometern - größer als Müritz oder Steinhuder Meer - Touristen in die Region locken und neue Beschäftigung bringen: vom Bergmann zum Seemann.

Durch den Bau schiffbarer Kanäle soll, so haben es die Landesregierungen von Sachsen und Brandenburg beschlossen, eine zusammenhängende Seenkette von 55 Quadratkilometern entstehen. Geplant sind im östlichen Armenhaus etwa Sportboothäfen, Reiterhöfe, schwimmende Hotels, ein Wasserlandeplatz, ein Golfresort und ein Speedbootzentrum. Schon jetzt hat die Sanierung der vernarbten Landschaft 3,5 Milliarden Euro verschlungen, knapp die Hälfte des Wassers steht dafür bereits in den Löchern.

Großräumiger Bergbau dominierte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Lausitzer Region, doch unter Erich Honecker gab es kein Halten mehr: Drei Viertel der Energie im Arbeiter-und-Bauern-Staat wurden aus Braunkohle gewonnen, jedes Jahr wühlten sich Bagger durch ein Gebiet mit einer Fläche von 5300 Fußballfeldern. Sie hinterließen eine Kraterlandschaft, die seither maximal als düstere Filmkulisse taugt; das Stalingrad-Epos "Enemy at the Gates" wurde hier gedreht.

Heute arbeiten von einst 140.000 Beschäftigten im ostdeutschen Braunkohlenbergbau nur noch 7000. In Senftenberg liegt die Arbeitslosenquote denn auch bei 26,4 Prozent, in Hoyerswerda bei 21,9 und in Weißwasser bei 22,9. Wer kann, wandert ab. Allein Hoyerswerda verlor fast 30.000 seiner 70.000 Einwohner.

Die Hinterlassenschaften der Kumpel erbte die bundeseigene Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). 32 Tagebaue, 235 Restlöcher, 1200 Verdachtsflächen auf Altlasten - insgesamt 100.000 Hektar Land; auf den schwefelhaltigen Böden wachsen kaum Pflanzen, durch das jahrzehntelange Abpumpen des Grundwassers in den Tagebauen fehlt der Region das Wasser.

Die Flutung war damit unumgänglich, weil nur so die alten Pegelstände im Grundwasser wieder erreicht werden können - erst später kam sächsischen und brandenburgischen Planern die Idee vom Freizeitpark in der ostdeutschen Provinz.

Doch selbst das Fluten ist in der Lausitz kompliziert, die sandigen Böden sind tückisch, ohne Sanierung würden die Böschungen der Seen ständig abrutschen. So hat die LMBV bis heute 1,3 Milliarden Tonnen Erde bewegt. Um den Boden zu verdichten, musste rund um die Seen immer wieder unterirdisch gesprengt werden, riesige Rüttler bohren sich bis in 50 Meter Tiefe, um den Sand zu verfestigen.

Inzwischen ist ein Großteil der Vorarbeiten vollbracht. Grundwasser sickert in die sanierten Tagebaurestlöcher, Wasser aus Spree, Neiße und Schwarzer Elster wird in die Gruben geleitet. Einige Seen sind schon zu 80 bis 90 Prozent gefüllt, der letzte soll 2018 voll sein. 136 Kilometer asphaltierter Wege erschließen das Land dazwischen; Radfahrer, Skater und lärmende Quad-Fahrer teilen sich schon jetzt die Pfade.

Am Partwitzer See - Füllstand 59 Prozent - steht Armin Dünnbier und malt mit den Händen Visionen in die langsam grünende Mondlandschaft. Der einheimische Finanzmakler hat Mittelständler der Region zu einer 16-Millionen-Euro-Investition in den einstigen Tagebau Skado bewegen können. Eine Marina mit 100 Liegeplätzen, das Hotel Aqua Therme, ein Country-Campingplatz, eine Reithalle und eine Military-Reitanlage sollen jetzt aus dem Sandboden gestampft werden. "Man muss einfach anfangen", sagt der Mann energisch, die Touristen würden schon kommen, wenn das Seenland einmal fertig sei.

Auch Wolfgang Fischer, Professor am Dresdner Institut für Freiraumplanung, hat sich anstecken lassen. Der Wissenschaftler hat - inspiriert von venezianischen Stelzenpalästen - ein Hausboot entwickelt, mit dem Mieter oder Urlauber künftig auf dem Geierswalder See treiben können. Das erste dieser schwimmenden Häuser soll noch dieses Jahr zu Wasser gelassen werden.

Denn ein touristisches Wirtschafts- und Nutzungskonzept im Auftrag der beiden Landesregierungen kam tatsächlich zu dem Schluss, dass sich die Seenkette zu einer "überregional wirksamen Tourismusregion mit sportlich-aktivem Charakter" entwickeln könnte. Der Trend zu Wochenend- und Kurzreisen komme dem Projekt entgegen, auch die Zielgruppe sei breit genug gefächert: Da sei die "wachsende Generation der junggebliebenen Menschen 50+", die eine aktive Erholung "mit einer kleinen kulturellen Komponente" suche. Und da seien die jungen Singles und Individualisten, die sich in Trendsportarten austoben wollten.

Letztere hat Torsten Weider wohl eher im Visier. Er hat sein Motorboot vom provisorischen Steg der späteren Marina am Partwitzer See losgemacht und lässt den 90-PS-Motor aufheulen. Der Bug hebt sich aus dem Wasser, das Land am Ufer fliegt vorbei. Der Schiffbauer soll Hafenmeister in Dünnbiers Projekt werden und will Touristen mit Rennbooten in die Lausitz locken. Denn auf dem einstigen Tagebau, brüllt Weider in den Fahrtwind, gebe es schließlich, anders als etwa auf dem Berliner Wannsee, keine Geschwindigkeitsbegrenzung.

Zudem könnten es die Hauptstädter, die zwei Stunden fahren müssten bis zum Wochenenddomizil, auf hübsche Seegrundstücke in der Lausitz abgesehen haben. Die dürften demnächst zu haben sein. Ein langer Streit um den Unterhalt der Seen zwischen dem Bund, den Ländern Brandenburg und Sachsen sowie potentiellen Investoren neigt sich dem Ende zu - die Länder werden die Verantwortung für die Wasserflächen übernehmen. Dann können Strandvillen gebaut werden.