Biografien: Lebensnot in Rosarot - DER SPIEGEL
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Biografien Lebensnot in Rosarot

Nach ihrem Erfolgsbuch über Thomas Manns Gattin widmen sich Inge und Walter Jens nun der Schwiegermutter des Dichters - in stets heiterer Grundstimmung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie hatte keine Romane geschrieben, keine Bilder gemalt und kein Stück komponiert, sondern einen Haushalt geführt, sechs Kinder großgezogen und 50 Jahre lang die Gegenwart eines magenkranken und eher schlecht gelaunten Mannes ertragen.

Das reichte, um ihr eine Biografie zu widmen - und die Veröffentlichung der Lebensgeschichte von Katia Mann war ein großer Erfolg: "Frau Thomas Mann" verkaufte sich 300.000-mal, stand über ein Jahr lang auf der Bestsellerliste. Keine Biografie des Nobelpreisträgers Thomas Mann war je so populär wie das vom Tübinger Philologenpaar Inge und Walter Jens verfasste Buch über die Hausfrau an Manns Seite.

Frauen interessieren sich für Frauen, und Frauen sind es vor allem, die Bücher lesen - so hielten die Eheleute Jens und ihr Verlag Ausschau nach einer neuen Nebenfigur aus dem weiten Mannschen Familienkosmos, nach einer tüchtigen Erbtante etwa oder einer verlotterten Schwägerin, die nachfragegerecht zu porträtieren wäre.

Die Wahl fiel auf Hedwig Pringsheim (1855 bis 1942), die Mama von Katia Mann und Schwiegermutter Thomas Manns. Auch "Katias Mutter" - so der Titel des neuen Buchs - war vor allem die Ehefrau eines reichen, magenkranken Mannes*.

Warum es ausgerechnet Hedwig Pringsheim sein sollte, erfahren die Leser erst einmal nicht. Die Autoren versprechen in ihrem Vorwort lediglich eine "bunte, widersprüchliche und facettenreiche Geschichte" und bekennen fröhlich, dass ihnen die Frau "ans Herz" gewachsen sei.

Dann geht es thesenfrei und im Plauderton los, durch die Verästelungen einer verworrenen Vorfahrengeschichte. Es zeigt sich bald, dass sich Inge und Walter Jens - wie schon im Fall Katia Mann - bemühen, jedes Anzeichen von Unglück oder Trauer mit Frohsinn zu überdecken: Zwar war der Vater von Hedwig Pringsheim ein notorischer Spieler, Schuldenmacher und Fremdgänger; doch "es kann keinen Zweifel geben", so verkünden die Autoren, dass die Kindheit ihrer Heldin "glücklich" war und die Flucht der verschuldeten Familie aus Preußen ein "kurzweiliges Abenteuer".

So gründlich wird diese Lebensgeschichte ins Behagliche und Rosarote gewendet, dass das eigentliche, große und schmerzliche Thema des Buchs beinahe verpasst wird: Das Leben der Hedwig Pringsheim ist vor allem deshalb erzählenswert, weil es den Lesern eine Welt vor Augen führt, die durch die Verbrechen der Deutschen zerstört wurde; es ist eine exemplarische Geschichte aus dem kunstsinnigen, weltläufigen, sprachmächtigen deutsch-jüdischen Großbürgertum.

Hedwig Pringsheim und ihr Mann Alfred - Mathematikprofessor und schwerreicher Erbe eines Berliner Fuhrunternehmens - wurden beide in der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren. Und weil sie sehr alt wurden, erlebten sie noch, wie das von Menschen ihres Schlages geprägte selbstbewusste deutsche Judentum im Nazi-Deutschland ausgelöscht wurde.

In München, wo sie ein bürgerliches Stadtschloss in der Arcisstraße bewohnten, waren sie lange Mittelpunkt der Gesellschaft. Die Pringsheims liebten die Musik Richard Wagners und hielten Kontakt zum Wagner-Clan. Sie sammelten Kunst und wertvolle Keramikfiguren, zelebrierten lustvoll den Streit um Fragen des Zeitgeschmacks und der Ästhetik und reisten auf wochenlangen Schiffsfahrten durch die halbe Welt.

Hedwig Pringsheim schrieb gutbeobachtete und ironische Reiseberichte und überhaupt so wunderbare Briefe (ohne dabei Rechtschreibregeln zu berücksichtigen), dass es scheint, als sei weniger ihr ewig untreuer Ehemann die Liebe ihres Lebens gewesen als vielmehr die Sprache.

Es sind die schönsten und aufschlussreichsten Passagen dieser Biografie, wenn sich die Autoren zurückhalten und ihre Hauptfigur sprechen lassen.

"Dein Brief vom 1. Mai zeugt von viel zärtlicher töchterlicher Liebe, aber doch auch von wenig Einsicht!", schrieb Hedwig Pringsheim 1938 an ihre Tochter Katia - da wurde sie schon von Nazis drangsaliert: "Ach du Dummerl, du kannst doch nicht im Ernste wänen, daß wir Uralten mit fast 88 und 83 Jaren uns noch, und dazu one genügend Geldmittel, auf die Auswanderbeine machen können und euch guten Kindern zur Last leben und Begräbniskosten verursachen würden."

"Das deutsche Kunstleben" hätten sie nun schon länger "nicht mehr geschändet", so makaber-ironisch umschrieb Hedwig Pringsheim die Tatsache, dass Juden keine Kulturveranstaltungen mehr besuchen durften. "Du würdest mich vermutlich ebenso verändert finden, wie den Königsplatz", berichtete Hedwig Pringsheim ihrer Enkelin Erika Mann, "blos nicht so prächtig wie diesen".

Mit der Hilfe eines ihnen gewogenen SS-Mannes reisten Hedwig und Alfred Pringsheim 1939 doch noch aus Deutschland aus.

Als sie endlich in Zürich angekommen waren, schrieb Hedwig Pringsheim: "Ein schlimmer Tag, schwarz im Kalender zu verzeichnen."

Die Biografen Inge und Walter Jens aber kommentieren unerbittlich frohgemut: "Und doch. Ganz so düster ließ sich die Zukunft nicht an."


Inge und Walter Jens: "Katias Mutter". Rowohlt Verlag, Reinbek; 288 Seiten; 19,90 Euro.