Kino Braut im Busch
Die Dame war entzückt. "Diese Gedrungenheit" der Kerle wirke "wie eine Kriegserklärung an die ganze Welt, außer an das Weib", schwärmte Tania Blixen in ihrem Roman "Jenseits von Afrika", erschienen 1937. Vor allem die "Halsmuskeln schwellen in einer auffallend drohenden Weise wie der Nacken einer wütenden Kobra, eines Leoparden oder eines kämpfenden Stieres". Blixens Begierde, die sie jedoch nur auf dem Papier auslebte, richtete sich auf die stattlichen Männer aus dem Hochland von Kenia: die Massai-Krieger.
Auch ein paar Jahrzehnte später gelten Massai manchen westlichen Frauen als Lustobjekte mit animalischen Instinkten, die nur leider den Erwartungen nicht immer gerecht werden: "Plötzlich geht alles sehr schnell. Lketinga drückt mich auf die Liege, und schon spüre ich seine erregte Männlichkeit." Kurz darauf "spüre ich einen Schmerz, höre komische Laute, und alles ist vorbei. Ich könnte heulen vor Enttäuschung".
Doch da war es bereits geschehen um die Schweizer Boutiquenbesitzerin Corinne Hofmann, der die Welt diese eindrucksvolle afrikanische Triebstudie verdankt: Während eines Kenia-Urlaubs hatte sie sich hoffnungslos verliebt in Lketinga, einen Massai-Krieger vom Stamm der Samburu. "Ein junger Gott", fand Hofmann, ließ ihren Schweizer Freund sausen, verkaufte ihren Laden, zog in die kenianische Savanne und heiratete den schwarzen Mann mit dem imposanten Kopfschmuck. Die Ehe, man ahnt es, scheiterte: 1990, vier Jahre nach der ersten Begegnung auf einer Fähre in Mombasa, floh die Braut aus dem Busch zurück nach Europa. Die gemeinsame Tochter nahm sie mit; Unterhaltszahlungen gab es sowieso nicht.
Ende der Geschichte? Von wegen. Denn anders als Massai-Mann Lketinga, hauptberuflich Ziegenhirte und als Analphabet vorbildlich diskret, konnte seine Ex-Gattin die Tinte nicht halten. Hofmann schlachtete ihre exotische Liebes- und Leidensmär in bisher drei Büchern aus. Allein die erste Schicksalsbeichte, "Die weiße Massai", wurde seit 1998 mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft, in 19 Sprachen übersetzt und etablierte Kenia endgültig als Traumziel für kontaktfreudige weiße Touristinnen. Auch Hofmanns neuestes Werk, "Wiedersehen in Barsaloi", steht seit 13 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.
Diese Woche dürfte der Massai-Rummel seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen: "Die weiße Massai" kommt in die deutschen Kinos. Der Film, aufwendig nachgestellte Szenen einer Ehe zwischen schwarzem Krieger und seinem weißen Herzchen, veredelt Hofmanns Erzählungen mit dem Glamour eines üppigen Produktionsetats.
Für insgesamt sieben Millionen Euro ließen Regisseurin Hermine Huntgeburth ("Bibi Blocksberg") und Produzent Günter Rohrbach ("Das Boot") originalgetreue Massai-Hütten aus Zweigen und Kuhfladen in den kenianischen Sand setzen, eine große Crew ins staubige Nirgendwo karren und Wildhüter anheuern, die neugierige Hyänen fern hielten. Zehn Wochen wurde gedreht, meist an Originalschauplätzen und mit echten Massai als Statisten.
Nur beim Casting für die Rolle des potenten Lketinga (im Film: "Lemalian") fielen die Krieger durch: zu schamhaft. Die Rolle ging schließlich an den in Burkina Faso geborenen und in Paris lebenden Schauspieler Jacky Ido.
Anders als sein Vorbild ("Im Bett war mein stolzer Krieger eine Niete", offenbarte Hofmann soeben der "Bild"-Zeitung) ist der Film-Massai lernfähig. "Langsam", ermahnt ihn seine "Mzungu", die weiße Frau, gespielt von Nina Hoss - und daran halten sich bei den Liebesszenen nicht nur die Darsteller, sondern auch Regie und Schnitt: libidinöse Leibesübungen als elegischer Edelkitsch.
Natürlich darf in der "Weißen Massai" auch eine gefühlvolle Haarwäsche unter freiem Himmel nicht fehlen - jene Prozedur, die seit der Schaumschlägerei von Robert Redford und Meryl Streep in der "Jenseits von Afrika"-Verfilmung (1985) als Inbegriff naturnaher Romantik gilt. "Diese Frau hat ihre Obsession gelebt", sagt Regisseurin Huntgeburth.
Ansonsten erspart der Film, wie schon die Autorin Hofmann, dem Publikum kaum ein Detail des zunehmend tristen Alltags: Bei Beschneidungsritualen werden Mädchen aus der Nachbarschaft verstümmelt, die Verständigung ist schwierig, im Ehebett mit Fellbezug haust das Ungeziefer, und der nächste Malariaschub kommt bestimmt.
Trost spendet der jungen Frau vor allem ein christlicher Missionar, der allerdings den Vorteil hat, dass er "hier niemanden heiraten" will. Dagegen erweist sich der verehrte Göttergatte bald als eifersüchtiger Macho und cholerischer Lebemann: Anfangs trinkt er Ziegenblut direkt aus der Halsschlagader, später lieber Bier aus der Flasche. Und Autofahren kann er auch nicht: Einen Jeep setzt er gegen den einzigen Baum weit und breit.
All das wird mit einem betont verständnisvollen Die-Wilden-sind-halt-so-Gestus präsentiert, der sich erhaben wähnt über jeden Rassismus, die Massai aber letztlich doch nur als bloße Dekoration benutzt.
In einem Spielfilm mag eine solche Haltung unvermeidbar sein; peinlich wird es hingegen, wenn Corinne Hofmann arglose Massai für ihre eigene lukrative Gefühlsshow vereinnahmt, die ihr inzwischen "fast wie eine Berufung" vorkommt.
Angefangen mit dem anmaßenden Titel ihrer Website (www.massai.ch), inszeniert Hofmann, 45, ihr Leben mittlerweile als telegene Seifenoper mit den ehemaligen kenianischen Verwandten als billiger Staffage. So reiste sie im September 2004 zum ersten Mal seit ihrer Flucht wieder nach Kenia - ohne die mittlerweile 15-jährige Tochter ("zu gefährlich"), aber mit ihrem Verleger und einem Kameramann.
Der filmte, wie Hofmann dem Ex-Gatten, dessen Bruder und der Schwiegermama um den Hals fällt und dabei heult wie Margarethe Schreinemakers. Dann verteilt Hofmann mit spätkolonialer Großzügigkeit kleine Geschenke, zeigt Fotos ihrer Tochter und legt ansonsten die Lässigkeit einer Touristin an den Tag, die in ihrem Lieblingshotel absteigt.
Hofmanns Familienvideo ("Wiedersehen in Barsaloi") ist inzwischen als DVD im Handel erhältlich, inklusive ihres verwackelten alten Hochzeitsvideos als Bonusmaterial. Wem das nicht reicht, der findet im gleichnamigen Buch auch noch tiefsinnige Zivilisationskritik ("Es ist ein Trauerspiel zu sehen, wie sich der Einzug von Plastik in Kenia bemerkbar macht") sowie gelegentliche Anfälle von Selbstzweifeln ("Mein Kopf ist leer").
Auch den Dreharbeiten zur "Weißen Massai" hat Hofmann während ihrer Kenia-Reise einen Besuch abgestattet. Dabei versuchte sie den Eingeborenen zu erklären, "dass Spielfilm und Wirklichkeit zwei völlig verschiedene Dinge sind".
Könnte sein, dass die Massai sie nicht verstanden haben.