SPIEGEL-Gespräch: "Freude am Foltern und Töten" - DER SPIEGEL
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SPIEGEL-Gespräch "Freude am Foltern und Töten"

Die chinesische Bestseller-Autorin Jung Chang ("Wilde Schwäne"), 53, über ihre bittere Jugend im Bann des Großen Vorsitzenden, die Leiden ihrer Familie während der Kulturrevolution und die zwölf Jahre dauernden Recherchen zu ihrer neuen Biografie über Mao Zedong
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Frau Chang, hassen Sie Mao Zedong? Sind Sie davon besessen, mit ihm abzurechnen?

Chang: Nichts von alledem. Ich empfinde keine Obsession. Hass und Rache sind schlechte Ratgeber, sie verstellen den kühlen Blick aufs Wesentliche. Mao ist ein Mensch und Politiker, der mich fasziniert. Ich wollte wissen, was ihn umtrieb, die Wurzeln seines Charakters erforschen. Intellektuelle Neugier motivierte mich.

SPIEGEL: Das klingt sehr distanziert. Mao hat unendliches Leid für viele Chinesen gebracht. Die Politik des Großen Vorsitzenden zerstörte auch das Leben Ihrer Familie. Und kostete Sie Ihre Jugend.

Chang: Ich empfinde darüber eine unendliche Wut. Aber bei den Recherchen zu der Mao-Biografie, die ich gemeinsam mit meinem Mann Jon Halliday geschrieben habe, durfte ich mich von dieser tiefsitzenden Abscheu nicht leiten lassen. Wir haben zwölf Jahre lang recherchiert, sind in Dutzende Länder gefahren, haben prominente westliche Zeitzeugen und unbekannte chinesische Weggefährten befragt ...

SPIEGEL: ... und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Mao Zedong ein Monster war. 70 Millionen Menschenleben gehen auf sein Konto, schreiben Sie - und stellen ihn in eine Reihe mit Hitler und Stalin. Ist Ihnen wohl bei solchen Vergleichen?

Chang: Wir liefern Fakten und treffen Feststellungen. Wir rechnen nicht die Untaten des einen gegen die der anderen auf. Aber was mich schon verblüfft, ist, wie wenig die Welt - verglichen mit Hitler oder Stalin - über Mao weiß. Für viele ist er immer noch eine Revolutions-Ikone, ein großer Philosoph, ein Poet; ein Held mit kleinen Dellen, der allenfalls ein paar Fehler gemacht hat. Es ist ungeheuerlich: Sein Porträt hängt bis heute in Amtsstuben, seine Denkmäler werden gepflegt.

SPIEGEL: Die KP Chinas hat ein offizielles Urteil über den Großen Vorsitzenden gefällt: Er hat große Verdienste, heißt es. Er legte im entbehrungsreichen Langen Marsch die Grundlage für die Eroberung des ganzen Landes. Er hat China dann geeint und zur Atommacht gemacht, bevor er in der Kulturrevolution Fehler beging. Deshalb überwiegt laut KP in seiner Lebensleistung das Gute - im Verhältnis 70 zu 30. Was ist daran falsch?

Chang: Die kommunistischen Führer beziehen ihre Legitimation bis heute aus der Mao-Nachfolge, sie betrachten sich als seine Erben. Was Maos Bilanz à la Peking betrifft: Das ist eine Aneinanderreihung absurder propagandistischer Behauptungen, die wir in unserer Biografie Punkt für Punkt widerlegen. Ich sehe nichts, ganz und gar nichts, was man Mao positiv anrechnen könnte.

SPIEGEL: Ihr Buch ist eine vernichtende Anklageschrift. Sie schreiben mit der Verve einer verzweifelten, zutiefst enttäuschten Liebhaberin.

Chang: Ich fühle Zorn über das, was Mao dem chinesischen Volk angetan hat. Aber ich bin vorurteilsfrei an die Recherchen zu unserem Buch herangegangen, genau wie mein Mann Jon. Ich denke, unsere Biografie ist fair und in allen Fakten richtig.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich noch an Ihre Gefühle und Empfindungen gegenüber Mao in Ihrer frühen Kindheit? An das erste Mal, als Sie seinen Namen hörten?

Chang: Was ich für Mao als Kind empfunden habe, hatte nichts mit wirklicher Liebe zu tun. Ich bin in einem Regime der Gehirnwäsche aufgewachsen. Als Kind mussten wir immer dieses Lied singen: "Vater steht mir nahe, Mutter auch. Doch am nächsten fühle ich mich dem Vorsitzenden Mao."

SPIEGEL: Er war zwangsweise Ihr Idol?

Chang: Er war unser aller Idol, unser verordneter gottgleicher Führer. Als ich einmal nach Peking zu einer Massenveranstaltung reisen durfte, an der auch Mao teilnahm, habe ich den richtigen Moment verpasst, ihm ins Angesicht zu blicken. Ich sah ihn nur noch von hinten. Mein Herz war gebrochen. Ich war dermaßen verzweifelt, dass ich an Selbstmord dachte - so wichtig war mir Mao Zedong.

SPIEGEL: Wie lange blieb er für Sie dieser Übervater? Wann setzten Ihre ersten Zweifel ein?

Chang: Als die Kulturrevolution 1966 begann, war ich 14 und schloss mich, wie praktisch alle meine Altersgenossen, den Roten Garden an. Ich verließ sie nach einigen Monaten, weil ich um mich herum so unendlich viel Gewalt und Grausamkeit sah. Das widerstrebte meiner Natur. Mein Vater, ein kommunistischer Offizieller, war einer der wenigen, die sich offen gegen die Kulturrevolution aussprachen. Er schrieb einen Protestbrief an Mao.

SPIEGEL: Mit welchen Folgen?

Chang: Er wurde verhaftet und gefoltert. Maos Schergen zwangen Vater, seine geliebte Büchersammlung zu verbrennen - einer der Gründe, die ihn in den Wahnsinn trieben. Später wurde meine Mutter verfemt, auch sie eine Revolutionärin der ersten Stunde. Weil sie ihren Mann nicht denunzieren wollte, wurde sie geschlagen und öffentlich gedemütigt. Die KP-Folterer nötigten sie sogar, auf zerbrochenem Glas zu knien. Meine Eltern wurden dann in Lager abtransportiert. Mein Vater starb noch in jungen Jahren.

SPIEGEL: Und was passierte mit Ihnen?

Chang: Als die Verfolger kamen, um unsere Wohnung zu plündern, habe ich mein erstes selbstgeschriebenes Gedicht zerrissen und schnell die Toilette hinuntergespült. Ich wusste, Gedichte galten als bourgeois und waren gefährlich. Ich erinnere mich noch genau an meine damalige Panik. Es geschah am 25. März 1968, an meinem 16. Geburtstag.

SPIEGEL: Konnten Sie während der Kulturrevolution Ihre Schulausbildung abschließen?

Chang: Nein. Wie die meisten aus meiner Generation konnte ich das nicht. Ich wurde zur "Gedankenreform durch körperliche Arbeit" von meiner verfemten Familie weggeschickt und musste in den verarmten Dörfern des Himalaja-Vorlands als Bäuerin arbeiten, ohne medizinische Vorkenntnisse als "Barfußärztin" Kranke versorgen, später auch als Elektrikerin und in einem Stahlwerk schuften.

SPIEGEL: Was empfanden Sie als das schlimmste Übel? Und woran richteten Sie sich in dieser Zeit auf?

"Die KP-Folterer nötigten meine Mutter, auf zerbrochenem Glas zu knien."

Chang: Am furchtbarsten war die Trennung von meiner Familie. Ich wusste vom mentalen Zusammenbruch meines Vaters, fürchtete seinen Selbstmord. Ich habe ihn unter größten Schwierigkeiten besucht, bin tagelang auf Lkw getrampt. Was mich außerdem noch am Leben hielt, war die Liebe zur Literatur - mein Drang, Schriftstellerin zu werden. Während ich die Reisfelder düngte oder auf einem Strommast saß, rezitierte ich klassische Gedichte oder dachte mir Erzählungen aus.

SPIEGEL: Wann begannen Sie, Mao für Ihre Leiden verantwortlich zu machen?

Chang: Das war ein Prozess. Lange habe ich nicht nur gekämpft, meine Gefühle zu verbergen, sondern ich habe mich auch selbst beschuldigt, Gefühle zu haben, die sich gegen die Weisungen Maos richteten. Das änderte sich, als meine Eltern Opfer wurden. Als ich zwischen Mao und ihnen wählen musste, entschied ich mich für meine Eltern. Ich begann, an Maos Unfehlbarkeit zu zweifeln. Wie die meisten machte ich allerdings die Behörde der Kulturrevolution, die Viererbande um Maos Frau, für die Auswüchse verantwortlich.

SPIEGEL: Nach dem Motto: Der Große Vorsitzende kann das doch nicht gewusst haben?

Chang: Genau. Selbst als die schlimmsten Tage der Kulturrevolution vorbei waren und ich an der Universität von Sichuan Mitte der siebziger Jahre ein Englischstudium beginnen konnte, war ich noch nicht zum absoluten Bruch bereit. Aber die Zweifel mehrten sich. Eines Tages steckte mir ein Freund eine - in China natürlich verbotene - Ausgabe des amerikanischen Nachrichtenmagazins "Newsweek" zu. Es gab da einen Artikel über Mao und seine Frau, der besagte, sie sei "Augen, Ohren und Stimme" des Großen Vorsitzenden gewesen. Maos Name war genannt, und es wurde mir schlagartig bewusst: Er war verantwortlich. Das war das erste Mal, dass ich ihn in meinem Denken direkt in Frage stellte.

SPIEGEL: Wirkte sein Tod dann wie eine Befreiung? Erinnern Sie sich noch, wo und wie Sie die Nachricht gehört haben?

Chang: Natürlich. Man hatte uns Studenten an diesem 9. September 1976 im Hof der Universität zusammengerufen. Wir hörten gemeinsam die Radioansage. Die meisten brachen in Tränen aus. Instinktiv warf ich mich in die Arme einer schluchzenden Kommilitonin. Ich wusste, was von allen erwartet wurde - aber ich konnte keine Tränen vergießen, ich fühlte nur tiefe Erleichterung. Wir benutzen viel Pfeffer bei uns in Sichuan, der bringt einen leicht zum Weinen, wenn er in Augennähe kommt. Ich bedauerte in diesem Moment, keine scharfe Schote dabeizuhaben. Aber meine Tränenlosigkeit fiel nicht weiter auf.

SPIEGEL: Ihre Eltern wurden rehabilitiert, als Deng Xiaoping 1978 endgültig zum starken Mann der KP aufstieg und einige der schlimmsten Auswüchse der Kulturrevolution korrigierte?

Chang: Ja, China begann sich zu öffnen. Ich bekam als erste Volkschinesin aus meiner Provinz die Chance, nach Großbritannien zu gehen und dort mein Studium fortzusetzen.

SPIEGEL: Und Sie begannen in der neuen Freiheit, gleich Ihren Traum vom Schreiben zu verwirklichen?

Chang: Nein. Ich konnte nicht. Schreiben hätte damals bedeutet, mich nach innen zu wenden und über ein Leben und eine Zeit nachzudenken, die ich hasste. Ich versuchte, China zu vergessen. Ich war Großbritannien, diesem Land von einem anderen Planeten, verfallen. Ich genoss jeden Augenblick, bewunderte jedes Detail - etwa die Blumenkästen in den Vorgärten. Mao hatte ja verkündet, dass das Anpflanzen und Pflegen von Blumen "feudalistisch" sei. Wir chinesischen Studenten in London wurden über Aufpasser aus der Botschaft allerdings streng überwacht und hatten einen strikten Verbotskatalog zu beachten. Ich war grimmig entschlossen, Pläne zu entwickeln, um die Regeln auszudehnen oder heimlich zu brechen.

SPIEGEL: Was war Ihnen denn ausdrücklich untersagt?

Chang: Beispielsweise hatte man uns eingeschärft, auf keinen Fall einen Pub zu betreten. Pub legt in der chinesischen Umschrift "jiuba" etwas Anstößiges nahe. Ich sah nackte, sich räkelnde Frauen vor mir und starb fast vor Neugierde. Eines Tages stahl ich mich davon, stieß die Tür zu einem Pub auf - und war wahnsinnig enttäuscht, nur ein paar alte Männer da sitzen zu sehen, mit einem Bier vor sich.

SPIEGEL: Was wäre passiert, wenn Sie einen dieser Männer angesprochen hätten?

Chang: Das letzte Tabu war, einen ausländischen Freund zu haben. Mich verfolgte eine Geschichte aus China, an die ich fest glaubte. Demnach wurde jeder, der es wagte, einen ausländischen Geliebten zu haben, unter Drogen gesetzt und in einem Jutesack zurückgebracht.

SPIEGEL: Sie haben erst mit 21 angefangen, Englisch zu lernen. Sie haben mit 29 Ihre Promotion im Fach Linguistik an der Universität von York erfolgreich abgeschlossen. Wie schafft man so etwas?

Chang: Ich hatte unglaubliches Glück. Ich war ja eine der Ersten, die China 1978 nach Maos Tod verlassen konnten, die eine solche Chance erhielten.

SPIEGEL: Ermutigte Sie diese Chance auch zu Ihrer Schriftstellerkarriere?

Chang: Als ich in York studierte, kam die Lust wieder, etwas zu schreiben. Ich sah mich mit bewundernden Kommentaren westlicher Peking-Besucher konfrontiert. Sie schienen zu glauben, dass Chinesen irgendwie andersgeartete Menschen seien, die sich gern mit Selbstkritik demütigen und in Arbeitslagern umerziehen lassen. Das machte mich zornig. Aber richtig angefangen mit meiner Familiengeschichte habe ich erst, als meine Mutter mich 1988 in London besuchte und tagelang nur erzählte. Sie bat mich, ihre Story aufzuschreiben und auch die ihrer Mutter, die 1924 Konkubine eines Generals wurde.

"Mao verweigerte seinem Ministerpräsidenten Zhou Enlai eine Krebsbehandlung."

SPIEGEL: Sie haben das mit Ihrer eigenen Lebensgeschichte verwoben und 1991 eine Familiensaga veröffentlicht, die gleichzeitig eine Geschichte des vergangenen chinesischen Jahrhunderts war. Sie ging inzwischen mehr als zehn Millionen Mal über die Ladentische. "Wilde Schwäne" ist in 30 Sprachen übersetzt worden. Wie war Ihre Reaktion auf den plötzlichen Ruhm?

Chang: Ich war überwältigt davon, dass die Leser weltweit so begeistert auf meine Lebensgeschichte reagierten. Das Schreiben dieses Buchs hat mich meiner Mutter näher gebracht und dazu beigetragen, ein besonderes Band mit meinem Mann zu knüpfen. Jon hatte mir geholfen, "Wilde Schwäne" zu schreiben, und wir wollten zusammen ein neues Buch machen.

SPIEGEL: Sie haben bald danach erklärt, Sie wollten mit Ihrem Mann, der Historiker und Russland-Kenner ist, eine Mao-Biografie schreiben. Warum dieser zwangsläufig schmerzliche Blick zurück?

Chang: Für mich war das logisch. Meine Aufarbeitung der Geschichte konnte mit unserer Familiensaga noch nicht beendet sein. Mao lebt ja, trotz aller Veränderungen in der Volksrepublik, als gefeierter Held weiter. Ich wollte dem Menschen näher kommen, der mein Leben so bestimmt hat. Ich wollte möglichst mit allen sprechen, die ihn in China noch persönlich gekannt haben - und mit Jons Hilfe auch mit den internationalen Politikern, die mit ihm verhandelten.

SPIEGEL: Hatten Sie sich ein Zeitlimit für die Recherchen gesetzt?

Chang: Wir starteten 1993. Ich dachte an etwa zwei Jahre - es wurden mehr als zwölf daraus. Eine Spur führte zur nächsten. Wir fühlten uns bei unseren Nachforschungen wie zwei Detektive.

SPIEGEL: "Wilde Schwäne" durfte in der Volksrepublik nicht erscheinen. Aber sicher kennen viele Kader Ihr Buch, und Sie werden bei Besuchen in der Heimat überwacht. War es für Sie nicht schwierig, chinesische Gesprächspartner zu finden? Und war es für diejenigen, die in China leben, nicht gefährlich, mit Ihnen zu reden und Informationen zu liefern?

Chang: Viele waren begierig zu reden. Sie wussten, wer ich bin und was in den "Wilden Schwänen" steht. Aber sie hatten so viel in sich hineingefressen, dass sie es kaum erwarten konnten, jemandem die Wahrheit über Mao zu erzählen, jemandem ihr Herz auszuschütten, der die richtigen Fragen stellte. Einige hielten es offensichtlich nicht für gefährlich, mit mir zu reden; andere erzählten sogar, sie seien gewarnt worden. Sie haben wohl so viel in der Vergangenheit erlebt, dass sie sich jetzt im hohen Alter vor gar nichts mehr fürchten. Wie etwa Maos langjähriger Übersetzer in den Gesprächen mit Stalin. Der Mann war sehr offen - er hat schon 18 Jahre im Gefängnis zugebracht.

SPIEGEL: Welcher Ihrer chinesischen Gesprächspartner hat Sie am meisten überrascht?

Chang: Ich will nicht zu sehr in Details gehen, was meine Interviews in China betrifft. Aber ich schätze mich sehr glücklich, dass ich Gesprächspartner wie Wang Guangmei finden konnte, die Witwe des Präsidenten Liu Shaoqi.

SPIEGEL: Sie hatten auch Gelegenheit, viele westliche Staatsmänner zu interviewen. Im Buch aufgeführt ist ein Who's who der internationalen Politik. Die ehemaligen US-Präsidenten Bush senior und Ford, Ex-Außenminister Kissinger, der frühere britische Premier Heath standen Ihnen Rede und Antwort; dazu kommen noch Größen wie der Dalai Lama ...

Chang: ... der Mao ein Dutzend Mal traf, uns ein sehr aufschlussreiches Interview gab ...

SPIEGEL: ... und die philippinische Ex-First- Lady Imelda Marcos ...

Chang: ... die einen heftigen Flirt mit dem Großen Vorsitzenden hatte - wir haben ein bisher noch nirgendwo veröffentlichtes Foto davon in unserem Buch.

SPIEGEL: Was sind die Höhepunkte Ihrer Recherchen, die wichtigsten neuen Erkenntnisse Ihrer Mao-Biografie?

Chang: Ich denke, wir haben erfolgreich einige Legenden zerstört. Mao ging auf dem Langen Marsch nicht zu Fuß, er wurde die meiste Zeit auf einer von ihm selbst entworfenen Sänfte getragen. Der heldenhafte Kampf um die Dadu-Brücke, zentraler Mythos kommunistischer Geschichtsschreibung, fand gar nicht statt. Das haben wir durch Augenzeugen herausgefunden, aber auch in Dokumenten bestätigt gesehen. Mao glaubte im Gegensatz zu Chiang Kai-shek nicht an den bewaffneten Kampf gegen Japan und finanzierte seine Truppen wesentlich durch die Opiumproduktion. Und ich denke, auch zum faszinierenden Verhältnis zwischen Stalin und Mao liefern wir neue Einblicke - mein Mann konnte bisher verschlossenes sowjetisches Archivmaterial einsehen und extensiv auswerten.

SPIEGEL: Was sind Ihre neuen Erkenntnisse für die Zeit der Volksrepublik?

Chang: Wir belegen, dass Mao von Anfang seiner Regierungszeit an die Volksrepublik zur dominierenden Militärmacht weltweit ausbauen wollte. Diesem Ziel, diesem persönlichen Ehrgeiz ordnete er alles unter, vor allem das Wohlergehen seiner Landsleute. Er exportierte mitten in der großen Hungersnot von 1958 bis 1961, die schätzungsweise 30 Millionen dahinraffte, erhebliche Mengen Lebensmittel in die Sowjetunion, um von dort als Gegenleistung Waffen zu bekommen - auch in die DDR, die dank chinesischer Lieferungen ihre Rationierung beenden konnte. 38 Millionen Chinesen starben durch Hunger und Überarbeitung. Entgegen dem weitverbreiteten Mythos hat Mao sich nie um die Bauern geschert.

SPIEGEL: Wie konnte Mao sich mit einer solch unmenschlichen Politik denn Ihrer Meinung nach an der Macht halten?

"Mao finanzierte seine Truppen wesentlich durch die Produktion von Opium."

Chang: Er erzeugte Furcht, Angst und Schrecken. Er terrorisierte seine Umgebung, erpresste sogar seine engsten Parteikollegen.

SPIEGEL: Sie sprechen ihm auch die theoretische Weiterentwicklung des Marxismus ab, jegliches ideologische Verdienst überhaupt. Wollte er nicht den "Neuen Menschen" schaffen und gestaltete um diese Idee herum ein ganzes Gedankengebäude?

Chang: Er war kein ideologischer Denker, sondern ein blutrünstiger Tyrann, der sich an Stalin orientierte. Ein Sadist, der das Töten sogar genoss.

SPIEGEL: Woher wollen Sie das wissen: Mao - ein Killer aus Lust und Laune?

Chang: Es existieren Beweise dafür, dass er Mord und Folter als Machtmittel einsetzte, aber daran auch seine Freude hatte. Seinen Widersacher, den Staatspräsidenten Liu Shaoqi, ließ er bei dessen langsamem Tod filmen, Premier Zhou Enlai verweigerte er eine Krebsbehandlung.

SPIEGEL: Dass Mao schwere Schuld auf sich geladen hat, ist bei Historikern außerhalb der Volksrepublik längst unbestritten. Aber sehen Sie ihn als Politiker nicht doch zu eindimensional? Stellen Sie ihn nicht viel zu wenig in einen historischen Kontext?

Chang: Alle neuen Informationen in unserem Buch sind sorgfältig dokumentiert. Keinem Kritiker ist gelungen, irgendetwas zu widerlegen. Die meisten haben uns dafür gelobt, dass wir Mao durch unser Buch lebendig werden lassen.

SPIEGEL: Meinen Sie, die Menschen in der Volksrepublik werden Ihr Buch je zu lesen bekommen?

Chang: Wir wissen, dass es auf dem Index steht. Ich übersetze die Biografie dennoch gerade ins Chinesische - das Buch wird zum Jahresende in Taiwan erscheinen. Ich hoffe, von "Mao" sickern so viele Kopien in die Volksrepublik ein wie von "Wilde Schwäne".

SPIEGEL: Fürchten Sie keine Einreisesperre? Oder gar Repressalien gegen Verwandte, die noch dort leben?

Chang: Ich habe die vergangenen Jahre mehrfach meine alte Heimat besucht. Denn sosehr ich England schätze, so gern ich in London lebe - ich bin nicht weniger Chinesin als früher und werde unruhig, wenn ich China nicht jedes Jahr besuchen kann. Meine Mutter lebt noch in Chengdu. Dass sie in ihrem hohen Alter in Sippenhaft genommen werden soll, glaube ich kaum. So funktioniert es nicht mehr.

SPIEGEL: Sie sind optimistisch, was die Zukunft Chinas angeht?

Chang: Die Menschen dort sind unabhängiger geworden, obwohl sie weiterhin von der KP regiert werden. Aber auch wenn es inzwischen ein großes Maß an Freiheit gibt, ist die Nation doch noch weit entfernt von größtmöglicher Freiheit.

SPIEGEL: Ein selbstbewusstes China - auf dem Weg zur Weltmacht, womöglich bald bereit, den USA Paroli zu bieten?

Chang: Ich muss anerkennen, dass sich der Lebensstandard in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert hat. Die Menschen können sich mehr leisten, und sie genießen das auch. Aber große Nationen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie ihre Vergangenheit aufarbeiten. Die Welt kann China erst dann als eine gutartige Macht anerkennen, wenn Peking Mao und sein Vermächtnis für alle Zeiten abstößt.

SPIEGEL: Frau Chang, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Redakteur Erich Follath