Kultur: Das gelenkte Lachen - DER SPIEGEL
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Kultur Das gelenkte Lachen

Nach seinem Bruder porträtiert Uwe Timm nun einen berühmten Schulfreund: Benno Ohnesorg.
Von Mathias Schreiber
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Schulzeit war quälend? Nein, ein deutscher Autor der Gegenwart sagt es anders: "Der Erinnerungsraum, der die Schulzeit umfasst, ist voller Düsternis." Das, also dieser vermeintliche Zwang zur Bedeutsamkeit im Alltäglichen, kann schon quälend sein.

Im Fall der neuen Erzählung von Uwe Timm, 65, mit dem Titel "Der Freund und der Fremde" findet diese Quälnummer regelmäßig statt, sobald der Autor feierliche "Erinnerungspfade" in das eigene Leben und Streben anlegt, nach dem platten Tiefsinnsmotto "Erinnern führt ins Innere".

Ganz anders, empfindsam und zupackend zugleich, klingt Timms Prosa, wenn er seinem Freund Benno Ohnesorg nachspürt. Es sind im Grunde zwei Bücher, die Timm hier vorlegt: eine - mäßig packende - Skizze des eigenen Erwachsenwerdens zwischen dem Hamburger Pelzgeschäft der Eltern und dem Braunschweig-Kolleg für das Abitur des zweiten Bildungswegs, wo - Buch Nummer zwei - Autor Timm Anfang der sechziger Jahre Benno Ohnesorg kennen und schätzen gelernt hat.

In der Zeitgeschichte angekommen ist Ohnesorg als jener 26-jährige Student, der am 2. Juni 1967 bei einer Anti-Schah-Demonstration in Berlin, vor der Deutschen Oper, von einem Zivilbeamten der Polizei aus etwa eineinhalb Meter Entfernung erschossen wird. Ein Schuss, der für die Härte nachfolgender Studenten-Demonstrationen, für einen Teil der 68er-Bewegung also, mitverantwortlich war.

Was dieser Ohnesorg für ein Mensch gewesen ist, war bisher so gut wie unbekannt. Timm holt das Kapitel nicht nur nach, er beweist auch, dass es sich lohnt, dies zu leisten. Ohnesorgs Lehrberuf war Schaufensterdekorateur, nach dem Abitur am Kolleg studierte er Literaturwissenschaft und schrieb unter anderem Lyrik (sie beschwört expressionistisch etwa "das Zittern lösender Schreie" oder "Wälder von Ich"). Er war ein introvertierter, zielstrebig arbeitender, selten ausgelassener junger Mann, dessen Leitsatz "Auch die Dinge haben Tränen" anscheinend noch für seinen Sohn Lukas gilt, den Timm aufgesucht hat. Ein kritisches Buch über die persische Schah-Diktatur hatte den nicht übertrieben politisch orientierten Träumer in die Demonstration gelockt, die ihm dann zum Verhängnis wurde.

Timm kommt diesem so sanften wie trotzigen jungen Mann zuweilen brenzlig nahe, etwa wenn er beobachtet: "Lachte er, beugte er sich ein wenig nach vorn, als müsse er das Lachen, ein leises Lachen, nach innen lenken"; oder wenn er dessen "unberührbare" Präsenz mit einem "Mondstrahl" vergleicht. Schon in seinem erfolgreichen Buch "Am Beispiel meines Bruders" (2003) hat der Autor sein eigenes Leben im Spiegel eines anderen zu erzählen versucht. Diesmal ist es dasselbe Modell. Es verspricht an sich mehr Objektivierung des Intimen, bewirkt aber nicht selten das Gegenteil: Verschwiemelung. Sie stört auch hier, zerstört jedoch nicht ganz das wunderbare Bild des Menschen Ohnesorg.



Uwe Timm: "Der Freund und der Fremde."; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 176 Seiten; 16,90 Euro.