Kultur: Im Klammergriff des Schicksals - DER SPIEGEL
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Kultur Im Klammergriff des Schicksals

Der US-Amerikaner Steve Tesich erzählt von großen Gefühlen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bisher ist ihm dieses Wort noch nie über die Lippen gekommen, aber er hat es schon oft gekostet, mit größter Vorsicht, wie ein geheimnisvolles Elixier. Nun nimmt er es entschlossen in den Mund und spricht es tollkühn aus: Schicksal. Und sofort herrscht dieser so einfache wie vertrackte Begriff über das Leben des 17-jährigen Daniel, der in den sechziger Jahren in East-Chicago aufwächst. Kann es Zufall sein, dass er sich Hals über Kopf in die hübsche Rachel verliebt, die ein paar Straßen weiter wohnt, und genau zur gleichen Zeit sein eigener Vater an Krebs erkrankt? Nein, das Schicksal und nichts anderes, davon ist der geübte Ringer Daniel fest überzeugt, hat ihn im Klammergriff - und so lernt er, sich herauszuwinden.

In seinem Roman "Ein letzter Sommer", bereits 1982 in den USA unter dem lakonischen Titel "Summer Crossing" erschienen, erzählt der 1996 verstorbene US-Schriftsteller Steve Tesich amüsant, ergreifend und schockierend von der Erstbegegnung eines Jungen mit großen Wörtern und großen Gefühlen: Liebe, Tod, Glück, Verzweiflung - die Erwachsenenwelt scheint einen Generalangriff auf Daniels Kindheit zu starten. "Meine Gegenwart war etwas", lässt Tesich ihn einmal sagen, "durch das ich hindurchzugelangen versuchte."

Die Zukunft, das ist in Daniels Augen Rachel; die Vergangenheit, das ist sein Vater. Aus Angst, dessen Verfall könne auf seine gerade erblühende Liebe übergreifen wie eine hochinfektiöse Krankheit, hält sich Daniel das Leiden und Sterben vom Leib, mit einer für den Leser oft schwer erträglichen Gefühlskälte. Er besucht seinen Vater nicht im Krankenhaus, mag kaum mit ihm telefonieren, macht nach wenigen kargen Sätzen die Leitung frei für Rachels nächsten Anruf. Überaus eindringlich beschreibt Tesich in seinem packenden Coming-of-age-Roman, wie der Versuch, Liebe und Tod zu trennen, oft vom Leben durchkreuzt wird.



Steve Tesich: "Ein letzter Sommer"; Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning. Verlag Kein & Aber, Zürich; 496 Seiten; 22,80 Euro.