Kultur Großmeister des Widerspruchs
Sechs Biografien hat die Journalistin Carola Stern, 79, in den vergangenen 15 Jahren geschrieben, darunter Porträts der jüdischen Salondamen Dorothea Schlegel und Rahel Varnhagen - Frauenfiguren, von denen sie so begeistert war, dass sie viele Leser mitreißen konnte. Im Jahr 2001 erschien dann die Autobiografie "Doppelleben". Selbstkritisch offenbarte Stern, dass sie an Hitler geglaubt und nach dem Krieg als Spionin der CIA Parteigenossen der SED bespitzelt hatte. Auch dieses Buch war sofort ein Bestseller.
Nun scheint ihr Bekenntnis zu eigenen Irrwegen auf die Biografin abgefärbt zu haben. In ihrem Doppelporträt der Eheleute und Schauspieler-Legenden Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe setzt sie eher auf Distanz, fragt, warum die Künstler im NS-Staat "schuldig wurden", ja sich hergaben als "Dekorateure der Diktatur". Nicht alles überzeugt in diesem Buch. Stern gelingt es kaum, den Alltag der beiden zu rekonstruieren, sie als Paar zu zeigen, nach Motiven für die Bereitschaft zur Anpassung an den totalitären Staat zu forschen. Es sind im Grunde zwei Einzelstudien: die über Marianne Hoppe (1909 bis 2002) eher blass und beiläufig, die über Gustaf Gründgens (1899 bis 1963) dann aber doch erhellend im Blick auf Widersprüche: Einfühlung neben Eigensucht, Formsinn trotz Leichtigkeit, Disziplin gepaart mit Frivolität. Nahezu bruchlos durchlief Gründgens Weimarer Republik, Nazi-Zeit und Nachkriegsjahre als gefragter Schauspieler, Regisseur und Intendant, eben weil er sich im Leben wie auf der Bühne anpassen konnte - selbst auf die Gefahr hin, sich dabei zu verlieren: "Ich habe ein Gesicht bekommen, das genügt. Aber ich habe nicht mein Gesicht", bekennt er früh. Auch mit seiner Ehe folgte der Homosexuelle üblichen Mustern; dennoch heiratete er, so Stern, aus Liebe. Als sich die beiden 1946 nach zehn Jahren Ehe scheiden ließen, kündigte Gründgens gleich an, seine Ex-Frau wieder heiraten zu wollen. "Es existiert alles neben- und miteinander", resümiert Stern - durchaus auch im Blick auf ihr eigenes lebensgeschichtliches Vermächtnis: "Es gibt mehrere Wahrheiten."
Carola Stern: "Auf den Wassern des Lebens"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 400 Seiten; 19,90 Euro.