Titel: Im Komitee X - DER SPIEGEL
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Titel Im Komitee X

Wie die Jagd auf die München-Mörder von der Regierung in Jerusalem betrieben wurde - Auszüge aus dem Buch "Die Rächer" des israelischen Journalisten Aaron Klein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Golda Meïr brauchte ein Druckventil, etwas, womit sich die Flut der Zeitungsartikel und Radioberichte über die Schulddebatte würde ablenken lassen. Die Situation schrie nach einer großen Geste, einer dramatischen Maßnahme.

Die Premierministerin billigte den Rohentwurf eines neuen Plans zum Kampf gegen den aufkeimenden palästinensischen Terror. An erster Stelle stand die "Prävention" - die Eliminierung von Handlangern des Terrors, die gegen Israel und seine Bürger Böses im Schilde führten. Am Rednerpult der Knesset beschrieb Meïr Ende September 1972 die Ziele kurz und knapp wie folgt: "Wo immer ein Anschlag vorbereitet wird, wo immer Menschen die Ermordung von Juden und Israelis planen - genau dort müssen wir zuschlagen."

Ein zweiter und komplizierterer Teil des Plans war das Element der Abschreckung. Die Botschaft an alle Gehilfen des Terrors war eindeutig: Der Staat Israel wird mit jedem abrechnen, der seine Hand gegen einen seiner Bürger erhebt. Israel hatte schon früher seine Feinde aus dem Weg geschafft, nun aber sollten Tötungen zum Hauptinstrument der Terrorbekämpfung werden.

Die ersten und dringlichsten Kandidaten auf der Liste waren die für das Münchner Attentat operativ Verantwortlichen des Schwarzen September. Sie mussten aufgespürt und observiert werden, bis man einen Plan ausgearbeitet hatte, sie zu töten. Sie waren die Ersten, doch sobald man neue Verschwörungen aufdeckte, würden weitere Namen hinzugefügt werden. Jede vorgesehene Aktion würde der Premierministerin zur Zustimmung vorgelegt werden. Zwar würde man in vielen Fällen Anklagen und Tötungen mit Kabinettsmitgliedern diskutieren, aber am Ende sollte die Premierministerin selbst über das Schicksal jedes Einzelnen entscheiden.

Und so lief das Ganze ab: Ein langer interner Ermittlungsprozess führte zu einer Anklage. War der Fall abgeschlossen, übernahm der Chef des Mossad die Rolle des Anklägers, plädierte auf "schuldig" und forderte die Todesstrafe. Die Premierministerin und einige Minister ihres Kabinetts übernahmen die Rolle der Richter.

Diese "Gerichtsverhandlungen" unterlagen strenger Geheimhaltung, selbst Berater wurden darüber im Unklaren gelassen, und in offiziellen Aufzeichnungen fand sich kein Wort darüber. Jahre später wurde das Forum, das über das Schicksal dieser Menschen urteilte, von den internationalen Medien als Komitee X bezeichnet.

Mike Harari, Kommandeur der "Caesarea", war bei solchen Pseudoprozessen stets zugegen. Seine Kämpfer und sein Stab entwarfen die Operationspläne und führten sie aus. Manchmal wurde Mossad-Chef Zvi Samir und Harari nach der Vorstellung einer vorgesehenen Tötungsmission das Plazet für weitere Planungen - nicht aber für die Durchführung - erteilt: Das Gericht schloss sich den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an, vertagte jedoch die Verurteilung auf einen späteren Zeitpunkt. Wochen, Monate, manchmal Jahre später trat der Chef des Mossad mit neuen Plänen vor die Premierministerin und forderte erneut ihre Zustimmung.

Wahrscheinlich kommt das Wort "Rache" in keiner der Archivakten von Regierung, Mossad, Schabak und Militärgeheimdienst vor. Es gilt als unschicklich für einen souveränen Staat, Rache für das Blut seiner Mordopfer zu üben.

Dennoch war Rache genau das, was jeden Offizier und jeden Beteiligten von der Premierministerin an abwärts in unterschiedlichem Maße antrieb.

Golda Meïr stand großangelegten, aufwendigen Tötungsplänen skeptisch gegenüber. Sie zögerte sogar eine Weile, bevor sie den Plan über unmittelbare und kompromisslose Vergeltungsschläge billigte. 20 Jahre später, kurz vor seinem Tod, sprach Aharon Jariv, der Berater der Premierministerin für Terrorismusbekämpfung, mit dem BBC-Reporter Peter Taylor: "Sie als Frau war von der Idee nicht übermäßig angetan, aber mir lag viel daran, sehr viel, um genau zu sein. Am Ende habe ich sie überzeugen können. Sie gab nach."

Israelische Premierminister hatten fortan die Macht, mit einem Kopfnicken über Leben und Tod eines Menschen zu entscheiden. Wie solche Urteile gefällt wurden, verriet sehr viel über den Charakter eines Staatsführers. Jizchak Rabin war ein Zauderer, er stellte nervtötende, neugierige Fragen. Er war pedantisch, hatte ein phänomenales Gedächtnis und verlangte hieb- und stichfeste Antworten. Häufig schickte er den militärischen Geheimdienst und die Mossad-Leute unverrichteter Dinge weg. "Die Zeit ist noch nicht reif", pflegte er in seinem langsamen Bariton zu bemerken, was jeden darüber ins Grübeln brachte, ob der Zeitpunkt politisch nicht geeignet, der Anklagepunkt nicht fundiert genug war oder der Mann nicht genügend Schuld auf sich geladen hatte.

Der Ablauf ist seit Golda Meïrs Zeiten immer derselbe geblieben. Der Premierminister bekommt eine strenggeheime Akte mit dem Bild der vorgeschlagenen Zielperson, einige Hintergrundinformationen und eine akribische mehrseitige Anklageschrift überreicht. Die meisten Premierminister übersprangen die Lektüre der Anklage und lasen gleich die Empfehlung, in der natürlich immer der Tod gefordert wurde.

Manchmal ließ sich aus Geheimdienstinformationen eine Schuld nicht definitiv nachweisen, aber im Fall von München hielten es alle Premierminister von Golda Meïr über Menachem Begin bis zu Jizchak Rabin, Jizchak Schamir und Schimon Peres für die richtige Antwort auf das schreckliche Massaker, die Terroristen aus Rache zu töten. Nicht einer von ihnen sagte: "Lasst es sein."

Die meisten von ihnen stellten nie prinzipielle Fragen: Spielt dieser Aktivist, der in das Münchner Massaker verwickelt war, noch eine Rolle bei Terroranschlägen? Stellt er heute noch eine Bedrohung dar? Bezeichnungen und Titel wie "logistischer Helfershelfer" und "Architekt" wurden kreiert und fanden Eingang in die Empfehlung der Anklageschrift, die man dem Premierminister übergab.

Allerdings konnte sich "Architekt" leicht auf jemanden beziehen, der mal ganz beiläufig gesagt hatte, "Italien wäre jetzt ein guter Schauplatz für einen Anschlag". Für diese Bemerkung musste er unter Umständen mit dem Leben bezahlen.

Premierminister Menachem Begin vertraute "unseren Jungs". Einzelheiten überprüfte er nicht. Schimon Peres dagegen stellte zahlreiche Fragen. Mordanschläge schätzte er nicht.

Jizchak Schamir war der Premierminister, mit dem sich am leichtesten arbeiten ließ. Als ehemaliges Mitglied der Lechi, der jüdischen Untergrundbewegung vor der Staatsgründung, und des Mossad interessierte sich Schamir sehr für die Details und suchte keine politischen Ausflüchte. Er sagte nie: "Ich bin nächste Woche zu einem diplomatischen Besuch in Paris, und es wäre unziemlich, wenn dort zur selben Zeit eine Operation durchgeführt würde." Er war bereit, Aktionen abzusegnen.

Eines der seltenen Male, dass er das nicht tun wollte, war im Dezember 1987. Schamir befand sich zu der Zeit im Krankenhaus. Die Caesarea sah eine günstige Gelegenheit, einen Anschlag auf ein ranghohes Mitglied von Ahmed Dschibrils "Volksfront für die Befreiung Palästinas - allgemeiner Rat (PFLP-GC)" zu verüben. Der Mann, angeblich verantwortlich für zahlreiche Angriffe gegen Israel, stand auf der Liste, und die Agenten hatten bereits ihre Posten bezogen. Mossad-Chef Schabtai Schavit besuchte Schamir im Krankenhaus und bat um dessen Einwilligung. Bei seiner Rückkehr eröffnete er den wartenden Mossad-Offizieren, dass Schamir nicht aufgelegt war, sich dazu zu äußern. Damit schenkte er dem PFLP-GC-Agenten das Leben.

Die Militärberater des jeweiligen Premierministers konnten alle Übermittlungen und Codes empfangen, die während einer Operation in einem nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüsteten und 24 Stunden offen stehenden Arbeitsraum ausgegeben wurden. Die Premierminister reagierten unterschiedlich, wenn eine Operation im Gang war. Manche sagten: "Haltet mich auf dem Laufenden." Andere: "Lasst mich wissen, wenn es vorbei ist."


© Aaron J. Klein: "Die Rächer". Deutsche Verlags-Anstalt, München; 288 Seiten; 17,90 Euro.