Autoren: Liebe in Zeiten des Computers - DER SPIEGEL
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Autoren Liebe in Zeiten des Computers

In seinem Roman "Landleben" blickt John Updike melancholisch auf sein Lebensthema Sex und Ehebruch zurück - und erzählt nüchtern von der Tragikomödie des Alterns.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es sind die Frauen, die die Männer auf Abwege bringen. Es sind die Frauen, die sie retten, die sie bergen und beschützen. Jedenfalls dort, an der Ostküste der Vereinigten Staaten, in Neuengland, wo in den ländlichen Gemeinden, den Villages, noch immer die weißen hölzernen Kirchtürme dominieren.

Freilich blättert die Farbe ab, "die Türme sind morsch und drohen einzustürzen", und an den Anschlagtafeln werden Predigten mit launigen Titeln angekündigt: "Mir geht's gut, Gott geht es auch gut", oder: "Aus verbotenen Früchten kann man viele Marmeladen machen".

Der Erzähler John Updike, 73, liebt solche anschaulichen Einzelheiten. Die neuen Zeiten erlebt der große alte Mann der US-Literatur als wacher Teilnehmer und Chronist, dessen schreiberische Vitalität einfach nicht erlahmen will. "Villages" hat er seinen neuen, den 21. Roman genannt - als hätte er nicht Zeit seines Lebens über die kleinen Städte und die kleinen Sünden dort geschrieben, über das "Landleben", wie es im deutschen Titel ebenso einfach wie scheinbar harmlos heißt*.

Dennoch gibt es bei diesem Autor keine Wiederholung, was besonders dort verwundert, wo er sein großes Lebensthema, die sexuelle Libertinage der sechziger und siebziger Jahre, nach Einführung der Pille und vor der Entdeckung von Aids, neu durchforscht. Mit jedem Mal scheint er klüger, genauer, auch unerbittlicher zu sein.

Hier, in diesem Roman, ist Amerika ein kaltes Land. "Nur die Reichen", heißt es, "können sich die alten Strukturen leisten, die uns von der Wiege bis zum Grab tragen, wohlgenährt, gut gekleidet und geachtet." Und: "Die Vereinigten Staaten sind ein konservatives, auf Radikalismus errichtetes Land." Doch immer seltener gebe es Orte, "wo man hingehörte".

Owen Mackenzie, der nun, zu Beginn de. Jahrhunderts, siebzig ist und sich zu den Reichen des Landes zählen darf, hat Glück gehabt im Leben. Er fand eine Frau (seine erste), Phyllis, die ihn ermutigte, seinen einzelgängerischen Interessen zu folgen, er hatte einen klugen Vater, der ihn das Richtige studieren ließ, und einen guten Partner, Ed, der im richtigen Moment den Vorschlag machte, das im Studium Erworbene für den Eintritt in die Computerbranche zu nutzen und - im Alter von 27 - eine Firma für Software zu gründen, noch bevor dieser Begriff gängig wurde.

Vor allem: Owen hat, wiederum auf den Rat von Ed hin, 1978 das gemeinsam in einer Kleinstadt in Connecticut betriebene Unternehmen "E-O Data Management" an die damals "noch in den Kinderschuhen steckende" Firma Apple verkauft - als beide "eine fremde Zukunft" aufziehen sahen, in der sie nicht mehr mithalten würden, "eine Welt der Computer, die wie Schreibmaschinen für den Massenmarkt hergestellt wurden". Und sie haben ihre Apple-Aktien später mit großem Gewinn verkauft, bevor "der kalte Schatten von Microsoft sich über die gesamte Computer-Welt legte".

Der Roman "Landleben" enthält so ganz nebenbei eine kurze Geschichte des Computers, wie schon in Updikes Rabbit-Zyklus ("Hasenherz") die Auto- oder in dem Roman "Gott und die Wilmots" die Filmbranche Thema war: niemals aufdringlich belehrend, stets im fassbaren Detail erzählt. Zu Owens Studienzeiten, als Computer "elektronische Dinosaurier" waren, lautet etwa die Prognose eines Kommilitonen (zur allgemeinen Erheiterung): "Nicht mehr lange, dann haben wir Computer, die nicht größer sind als ein Kühlschrank."

Im Zentrum von "Landleben" steht etwas anderes - und das ist nicht der muntere Sex der mittleren Jahre, die Lust an erotischen Grenzgängen, sondern die düstere Kehrseite des Menschenlebens: das Alter, das Nachlassen der Kräfte, die nahe Schwelle zu Tod und Verdämmern. Es finden sich in der Weltliteratur nicht gerade viele Botschaften aus diesem Blickwinkel (eine stammt von dem französischen Autor Romain Gary). Das ist erklärlich, denn die aufkommende Senilität ist ein dunkler Bereich, in dem die Erzählgeister wenig Nahrung für bunte Geschichten finden.

Updike bewältigt dieses Sujet souverän. "Landleben" ist ein sehr trauriges Buch geworden, aber auch ein ungemein mutiges. Der Rückschau haltende Held Owen macht sich nichts vor und sieht sich in seiner ganzen Hilflosigkeit, zumal auch die Religion der Väter keinen Trost mehr für ihn bietet. Zwar "kann er noch sehen und auf den eigenen Beinen gehen", hat aber nur noch wenig Neigung, das Haus zu verlassen, die neuesten Nachrichten scheren ihn kaum.

Überhaupt findet er es immer häufiger ganz unnatürlich, am Morgen "das Bett zu verlassen für das gleiche langweilige Kleie-Getreideflocken-Frühstück". Und er weiß: "Jetzt sind die Knochen abgenutzt, irreparabel: Der Schaden und die Schmerzen werden ihn bis ans Grab begleiten." Besonders schlimm sind die quälend wachen Stunden im Bett gegen drei Uhr in der Früh. Dann ist Owen wehrlos seinen Erinnerungen und der Angst vor dem Ungewissen ausgeliefert, sein Leben kommt ihm rückblickend wie eine Kette "aus Angst, Begehren, Ehrgeiz und Schuld" vor.

Da hilft dann selbst die körperliche Nähe seiner geliebten zweiten Frau Julia nichts, die er mit Mitte vierzig geheiratet hat und mit der zusammen er eine Chance sah, "sich in ungefährdete eheliche Fleischeslust und Gehorsamkeit einzugewöhnen", sich bis ans Lebensende sicher, geborgen und geliebt zu wissen. Aber nun hat er, der einst begehrte Ehebrecher, der berüchtigte Verführer und öfter noch Verführte, Probleme mit der Lust im Alter.

So stellt er sich dann, um wieder einschlafen zu können, seine ehemaligen Geliebten vor, besonders die willigen Ehefrauen der kleinen Stadt Middle Falls (ein paar Häuser aus der Zeit vor 1725, zwei Banken, drei Friseure), in der er als erfolgreicher und angesehener Unternehmer mit seiner sechsköpfigen Familie lebte. Gespensterhaft sind diese Erinnerungen bisweilen, manches für ihn Peinliche hätte er lieber vergessen. Der abrupte Rückzug von Alissa etwa "gereichte ihm so wenig zur Ehre, dass er die Einzelheiten verdrängte".

Und damit findet Updike, ein wenig zögerlich, zurück zu seinem großen Lebensthema - und zu seiner so schlichten wie in seinem Werk oft gestellten Frage: Warum machen die Frauen so sonderbare herrliche Sachen mit den Männern? Erst nach mehr al Seiten, ungewöhnlich spät für diesen Autor, wird ein Liebesakt anschaulich beschworen, mit jener Updikeschen Beobachtungsgabe, die weit über eine pornografische Darstellung hinausweist.

Alissa ist die zweite Geliebte Owens gewesen, von ihm mit Kennerschaft beobachtet: "Anders als die lächelnde Faye mit ihren hellen Lenden kam sie unmissverständlich, mit einem immer schneller werdenden, hohen Keuchen, das auf dem Höhepunkt, den beide Liebenden kaum noch zu erreichen hofften, abrupt in ein sehr viel niedrigeres Wimmern wechselte, als wäre sie geschlagen worden, während die zweite Hand, die sie sich nicht halb in den Mund gesteckt hatte, auf Owens Rücken flatterte wie ein Flügel in Panik."

Es gibt auch drastischere Passagen (so gleich danach: "Er konnte ihren Arsch mit beiden Händen festhalten und es ihr mit Stößen nach oben besorgen, ohne jeden Gedanken an Zartheit und Barmherzigkeit"), doch stets ist der Ton melancholischer Verwunderung herauszuhören.

Updike spürt mit seinem Helden, an dessen Perspektive er sich streng hält, noch einmal den Mysterien des Sexus nach, die für den alternden Owen langsam ins Unwirkliche absinken - in der Erinnerung leben die Szenen noch einmal auf, beglückend manchmal, öfters noch bedrängend. Wer ist er damals gewesen, als er auf der sexuellen Überholspur dahinraste?

Es waren die Frauen, die ihn als möglichen Liebhaber erkannten und ermunterten, in jenen Jahren, als das "polymorphe Leben" lockte: "Die dunklen Götter waren in Mode. Jeder sündigte, sogar die Regierung ... Sex galt damals als unschuldig, auch wenn die, die ihn praktizierten, es nicht waren."

Updike ist ein Philosoph des Sexus, er findet in der Rückschau ans Wunderbare grenzende Formulierungen für das Erlebte. Und er bleibt immer Erzähler. Die altersweise Gegenwartsebene, weitgehend im Präsens gehalten, ist der Rahmen; den Wechsel zwischen den Zeiten bewältigt er mit leichter Hand: raffend und retardierend, rückblickend und vorwärtsdrängend, dialogreich und referierend, wie einer, der sein Handwerk eben über ein langes schöpferisches Leben hin erlernt hat.

Leider gibt die deutsche Fassung, die dieses Mal nicht von der bewährten Updike-Übersetzerin Maria Carlsson verantwortet wird, das über weite Strecken nur recht unvollkommen wieder. Ausgerechnet bei den wichtigen ersten Sätzen des Romans wird der Rhythmus völlig verfehlt und wirkt unnötig sperrig.

Der Roman "Landleben" zeichnet insgeheim auch ein Selbstporträt des Künstlers als alternden Mann. Owens "gegenwärtiges vorzügliches weißes Haus am Meer" ist das eigene, in das Updike mit seiner zweiten Frau vor einem Vierteljahrhundert gezogen ist, damals noch etwas ängstlich, ob er sich diese Villa wirklich leisten dürfe.

Und hier hat der traurigschöne Roman auch seine komischen Seiten.

Die bubenhafte Aufmüpfigkeit, mit der ein alter Mann die Gängelung durch seine strenge Ehefrau bloßstellt, ist köstlich in ihrem Ernst - und von der Hoffnung, es könne einmal Geborgenheit geben, wenigstens am Ende des Lebens, bleibt nicht viel.

"Nimm diese absurde Mütze ab", sagt Julia. "Und nimm deine schmutzigen Füße von meinem antiken Stuhl." Warum er nie gelernt habe, sich die Haare zu kämmen, fragt sie. Und mit seinen 70 Jahren muss Owen sich immer noch anhören: "Deine Mutter hat dir aber auch gar nichts beigebracht." Oder: "Mit guten Manieren fängt alles an." Der Held nimmt es gelassen, als Beweis für den Wunsch der Gattin, "dass er höchsten Maßstäben gerecht wird".

In diesem Roman zieht John Updike die Summe eines Lebens. Er weicht den Ängsten des Alters nicht aus, aber bändigt sie mit starker erzählerischer Hand. Am Schluss mischen sich die Motive zu einem Abgesang, von dem man wünschte, er möge gar nicht aufhören - und dass das Ende noch weit sei.


* John Updike: "Landleben". Deutsch von Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus. Rowohlt Verlag, Reinbek; 416 Seiten; 19,90 Euro.