Literatur: Spielart des Terrors - DER SPIEGEL
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Literatur Spielart des Terrors

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die erste Kugel trifft ihn in die Brust, drei weitere zerfetzen sein Bein. Die angestrebte Karriere bei der Polizei ist zu Ende, noch bevor sie begonnen hat. Und dennoch kann der 18-jährige Max von Glück reden in dieser Nacht vom 5. auf den 6. September 1972 - denn er überlebt die Schießerei. In München finden die Olympischen Spiele statt, und es ist jene Nacht, in der ein Trupp schlecht ausgebildeter und mangelhaft instruierter Polizisten neun israelische Sportler befreien soll, die in den Morgenstunden zuvor von palästinensischen Terroristen als Geiseln genommen wurden. Der Rest, also der desaströs verlaufende Befreiungsversuch, bei der alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist getötet werden, ist längst Geschichte und Gegenstand literarischer und filmischer Bearbeitungen.

Wie in Steven Spielbergs umstrittenem Film "München" geht es auch der Schriftstellerin Ulrike Draesner, 44, in ihrem komplexen Roman "Spiele" um die Rekonstruktion dieses Anschlags, um Hintergründe und mögliche Motive, um die Geschehnisse danach. Gleichzeitig erzählt sie die Geschichte von Katja und Max, für die nach dem Attentat nichts mehr so ist wie früher: Die Verletzungen und Beschädigungen an Körper und Seele sind irreparabel. Katja plagen noch 30 Jahre nach dem Attentat nagende Schuldgefühle. Eines boshaften Streiches wegen, mit dem sie Max einst bloßstellte, verließ der kurz vor dem Abitur die Schule und ging zur Polizei.

Ulrike Draesner hat ein ehrgeiziges und in vielen Passagen sprachmächtiges Buch geschrieben, das den historischen Terroranschlag mit einer erfundenen Lebens- und Liebesgeschichte verknüpft, und das zu einem höheren Ziel: Welche Rolle der Zufall in unserem Leben spielt, soll die Geschichte von Katja und Max illustrieren, ebenso wird sie zur Kulisse für Reflexionen über die Funktion von Gedächtnis und Erinnerung. Gelegentlich allerdings leiden die Figuren unter diesem forcierten Erkenntnisanspruch ihrer Autorin. Und mit ihnen die Leser.


Ulrike Draesner: "Spiele". Luchterhand Literaturverlag, München; 492 Seiten; 21,90 Euro.