Menschenrechte Wut ist ein gutes Gefühl
Auf der einzigen Zufahrtsstraße zum Hof ihrer Eltern stehen Polizisten. Sie kontrollieren jeden, der Mukhtar Mai besuchen will, sie wollen die Pässe sehen, sie notieren sich die Namen, sie kommen sogar ins Hotel der Besucher und stellen ein paar Fragen.
Sie beschützen Mukhtar Mai, Tochter des Bauern Ghulan Farid Jat, und manchmal fühlt sich ihre neue Freiheit an wie ein Gefängnis. Bricht sie auf zu einer ihrer Reisen in die Welt, wird ihr roter Nissan bis zum Flughafen von Islamabad von der Polizei begleitet, an der Grenze jedes Polizeidistrikts wechseln ihre Begleiter. Verlässt sie den Hof ihrer Eltern, um in der näheren Umgebung etwas zu erledigen, scheuchen Polizisten auf Motorrädern die Eselskarren, Fahrradfahrer und Busse von der Straße.
Gerade erst ist Mai von einer Auslandsreise zurückgekehrt. Sie führte sie nach Paris, nach New York und nach Las Vegas. Sie traf den französischen Außenminister, stellte in Paris ihre Autobiografie* vor, schüttelte Kofi Annan die Hand und wurde mit der Schauspielerin Glenn Close fotografiert. Das ist das neue Leben der Mukhtar Mai.
Nun sitzt sie im Haus ihrer Eltern, wo es keine Küche gibt, sondern nur eine Feuerstelle im Hof, wo sie sich ihr Zimmer teilt mit fünf Schwestern und Cousinen. Sie schlafen auf Matratzen, die sie morgens in die Ecken drücken. Mukhtar Mai trägt ihren Tschador, den sie nicht mal nachts ablegt, Jeans findet sie unbequem, enganliegende Kleidung unpassend. Eine ihrer Schwestern bringt eine eiserne Schüssel mit glühenden Kohlen und stellt sie auf den Boden.
Die Nacht war kalt, und der Hof ihrer Eltern ist ein einfaches Anwesen am Rande des Dorfes Meerwala, im Osten Pakistans. Das Trinkwasser stammt aus einem Brunnen, Strom gibt es nicht. Es ist das Heim einer Familie, die lebt wie viele andere in Meerwala, arm, rechtschaffen und eigentlich einflusslos. Es ist das Haus, in dem Mukhtar Mai auch ihr erstes Leben verbracht hat.
Dieses Leben endete an einem Sommertag im Juni vor dreieinhalb Jahren. Die Sonne war bereits untergegangen, als Mai sich daranmachte, den Hof ihrer Eltern zu verlassen. Sie zog ein Paar Schuhe über ihre bloßen Füße, der Weg, den sie zu gehen hatte, würde steinig sein. Dann verließ sie das Haus zusammen mit ihrem Vater, ihrem Onkel und einem Freund der Familie.
Mais Ziel an diesem Abend war das Haus der Nachbarn. Nur ein Feld trennt die beiden Grundstücke, doch einen direkten Weg gibt es nicht, und so ging Mai zunächst zur Hauptstraße, dann zweimal nach rechts, um sich schließlich dem Hof der Familie Mastoi, ihrer Nachbarn, zu nähern. Lange bevor sie den Hof erreichte, konnte sie die aufgeregten Stimmen der Männer hören. Sie warteten. Mai hatte eine Pflicht zu erfüllen.
Sie war ihr aufgegeben worden von ihrem Vater, die Pflicht galt als ehrwürdig, sie ist alt, älter noch als der Islam, und sie fordert von Frauen, den Hüterinnen des Lebens, sich im Namen ihrer Familie zu entschuldigen für ein Unrecht, das von einem Mitglied der Familie begangen worden ist. In diesem Fall fiel die Wahl auf Mai. Sie sollte ihre Nachbarn, die Familie Mastoi, um Verzeihung bitten, öffentlich und im Namen ihres Bruders, des Angeklagten. Und der Patriarch der Mastoi sollte ihre Entschuldigung akzeptieren, ebenfalls in der Öffentlichkeit, und jeder Rache entsagen. So habe es das "panchayat", das Dorfgericht, entschieden, meldete der Bote, vom Gericht zur Familie gesandt. Auf diese Weise wird in Meerwala wie in vielen anderen Dörfern Pakistans seit Jahrhunderten der soziale Frieden wiederhergestellt.
Shakkur, Mais Bruder, soll eine Tochter der Familie Mastoi vergewaltigt haben, am Mittag dieses Tages, auf einem Zuckerrohrfeld. Der Name der Tochter ist Salma, Mai kennt sie, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Anschuldigung der Wahrheit entsprach. Salma war damals 25 Jahre alt, sie ist eine erwachsene Frau. Mais Bruder war 12 Jahre alt, ein Kind. Doch es war nicht Mais Aufgabe, ihre Zweifel zu äußern, nicht gegenüber den Anklägern, nicht gegenüber ihrem Vater oder ihren Brüdern. Sie war eine Frau, sie hatte zu schweigen und zu gehorchen, so will es die Tradition. Und sie gehorchte.
Die Männer des Dorfes hatten ihr Urteil am Nachmittag gefällt. Shakkur war nicht angehört worden, niemand aus seiner Familie wurde gehört. Mais Vater stellte keine Fragen und befahl seiner ältesten Tochter, sich zurechtzumachen.
100, vielleicht 150 Männer warteten vor dem Hof der Mastoi auf Mai. Eine Petroleumlampe über ihren Köpfen spendete Licht, und Mai sah, dass viele Männer Gewehre trugen.
Die Männer sahen eine stämmige Frau mit einem runden Gesicht und einer verrutschten Pupille. Mai war sieben Jahre lang verheiratet gewesen, sie hatte ihrem Mann in dieser Zeit kein einziges Kind geschenkt. Die Männer im Dorf wussten das, eine Frau wie Mai gilt ihnen nicht viel. Wahrscheinlich war sie unfruchtbar und nur als Arbeitskraft zu gebrauchen.
Die letzten Schritte ging Mai allein, einen Schal und den Koran in den Händen.
Mai trat vor den Patriarchen, Faiz Mohammed Mastoi, er ist größer als sie, schwerer, und er trug eine Pumpgun. Sie breitete einen Schal vor ihm aus, als Zeichen ihrer Demut, zitierte einen Vers aus dem Koran und legte eine Hand auf das Buch der Bücher. Mais Kopf blieb gesenkt, wie es sich geziemt für eine Frau, dann sagte sie: "Sollte mein Bruder Shakkur ein Unrecht begangen haben, so bitte ich an seiner Stelle um Vergebung."
Faiz Mastoi hörte zu, schweigend, dann schüttelte er den Kopf, voller Wut, und Mai begann zu beten. Sie hörte Mastoi sagen: "Macht mit ihr, was ihr wollt." Mai spürte, wie ihre Beine nachgaben, spürte Hände an ihrem Körper, hörte das Reißen von Stoff, das Johlen der Männer. Sie trugen Mai in einen Stall, pressten sie auf den Lehmboden und vergewaltigten sie.
Die Tage danach verbrachte Mai im Haus ihrer Eltern, allein. Ihr Vater informierte nicht die Polizei, kein Arzt kümmerte sich um ihre Wunden. Mai wusste, was von Frauen in ihrer Lage erwartet wurde. Sie sollte sich umbringen, um die Ehre der Familie wiederherzustellen.
Heute, dreieinhalb Jahre später, ist Mukhtar Mai nicht tot, sie lebt auch nicht länger im Mittelalter, sondern im 21. Jahrhundert. Sie reist um die Welt, allein, ohne ihren Vater, ihre Brüder. Ihr Vater arbeitet nach wie vor auf dem Feld und in einem nahegelegenen Sägewerk. Wenn Mai von Journalisten besucht wird, stellt sich ihr Vater stumm neben sie und sieht auf Fotos aus wie ein Statist, der das Stück, in dem er mitspielt, nicht mehr versteht.
Es gibt immer noch keinen Ofen im Haus der Eltern, trotz ihres Ruhms. Mukhtar Mai ist gegen ein komfortableres Leben, jeder Schrank, jeder neue Tisch, jeder Ring an ihren Fingern würde ihren Feinden nur neue Argumente dafür liefern, dass sie eine geldgierige, verwestlichte Schlampe sei.
Manche sagen das, weil sie ihr übelnehmen, dass sie als Einzige ihrer Familie ein Auto besitzt, ein Handy, ein Bankkonto auf ihren Namen. Und weil sie anders geworden ist. Sie schweigt immer noch oft, aber nicht aus Scham oder Demut, sondern weil es Zeit und Kraft kostet, die Dinge, die sie in den vergangenen drei Jahren gesehen hat, zu verstehen und zu bewerten.
Mai hat auf ihren Reisen gehört von Frauen, die erfolgreich um ihre Rechte, um ein eigenes Leben kämpfen. Die tun, was sie wollen, nicht, was der Mann ihnen befiehlt. Die gehen, wohin sie wollen, reden, mit wem sie wollen, und die sich kleiden, wie es ihnen gefällt. Mai hat diese Frauen getroffen. In Madrid, in Paris, New York, sie erfuhr, dass sie nicht die einzige Frau in Pakistan ist, die aus Rache missbraucht worden war.
Menschenrechtsorganisationen haben herausgefunden, dass es allein im Juni des Jahres 2002, dem Monat, in dem Mai vergewaltigt wurde, in Pakistan 20 vergleichbare Fälle gab. Allerdings war nicht einer dieser Fälle durch ein Dorfgericht legitimiert worden. Es ist wohl noch nie eine öffentliche Massenvergewaltigung durch ein Dorfgericht befohlen worden.
Diese Dinge hat Mai von internationalen Frauenrechtlerinnen erfahren, und sie zählt sich jetzt zu ihnen. Sie ist heute eine globale Ikone der Frauenrechtsbewegung. Laudatoren nennen ihren Namen in einem Satz mit denen von Mahatma Gandhi und Martin Luther King.
Auch ihr Dorf hat Mai verändert, durch das Geld, das sie mit ihrem Buch eingenommen hat, durch die Spenden aus aller Welt.
Vor ihrem Martyrium gab es in Meerwala keine Schule, keinen Strom, die Straßen waren schmal und in schlechtem Zustand. Heute existieren zwei Schulen, eine für Jungs und eine, unerhört in dieser abgelegenen Region, für Mädchen. Straßen wurden verbreitert, sie werden von Strommasten gesäumt, in einigen Häusern leuchten nachts die Bildschirme von Fernsehern.
All das ist das Ergebnis von Mukhtar Mais Leid, das ihr zugefügt wurde im Namen der Rache, der Tradition, im Namen uralter Bräuche und Gepflogenheiten. Das Opfer von Mukhtar Mai sollte diese Bräuche und diese abgeschiedene Welt sichern, es sollte verhindern, dass die Werte des Westens das Dorf verunreinigen, und natürlich sollte es den Männern von Meerwala weiterhin das Leben garantieren, das sie gewohnt waren. Als Herren ihres Universums, die ihre Frauen schlagen, ihre Töchter verkaufen, wenn ihnen danach ist.
Mais Tod sollte den Fortbestand dieser Welt sichern, doch statt sich zu fügen, hob Mai diese Welt aus den Angeln.
In den Tagen und Nächten nach der Vergewaltigung lag Mai auf der Matratze in ihrem Zimmer, dachte an Selbstmord und haderte mit ihrem Gott. Was hatte sie falsch gemacht? Sie war die einfache Tochter eines Bauern, eine Schule hatte sie nie besucht, sie war Analphabetin, und um wenigstens eine Aufgabe zu haben, hatte sie den Koran auswendig gelernt, jede einzelne der 114 Suren, und sie den Mädchen des Dorfes vorgetragen. War etwas falsch daran?
Mai fand keine Antwort, stattdessen entdeckte sie ihre Wut. Auf Männer. Sie kannte das Gefühl von früher, wenn ihr Vater, ihre Brüder ungerecht zu ihr gewesen waren. Damals hatte sie dieses Gefühl unterdrückt, denn Wut stand nur den Männern zu. Wütend zu sein, das war ein neuer verwegener Gedanke. Was konnte falsch daran sein, kam nicht alles von Allah? Wut war ein gutes Gefühl. Und Rache, nicht Selbstmord, schien auf einmal ein gutes Ziel zu sein.
Doch wie konnte sie Rache nehmen? Ihr fehlten die Kontakte und das Geld, um Mörder zu engagieren. Die Polizei in Meerwala gehorchte eher dem mächtigen Clan der Mastoi als den Buchstaben des Gesetzes.
Vielleicht war es einer der Dorfrichter, der ihre Geschichte weitererzählte, vielleicht jemand aus der Familie der Mastoi, der mit seiner Tat prahlen wollte, vielleicht einer der unbeteiligten Zeugen. Ein paar Journalisten hörten von den Gerüchten, die ersten Artikel erschienen, in Multan, in Lahore. Menschenrechtler empörten sich auf Pressekonferenzen, mehr Artikel wurden veröffentlicht, sie zwangen die Polizei zu handeln.
Zunächst versuchten die zuständigen Beamten, die Sache zu vertuschen, sie fälschten Mais Aussage, setzten sie unter Druck. Aber auch das fand den Weg in die Presse, erst regional, dann national, und schließlich in die BBC. Spätestens jetzt war der Fall nicht mehr nur ein Verbrechen, sondern ein Politikum, es ging um das Ansehen Pakistans in der Welt.
Mai hatte an dieser Entwicklung keinen Anteil, medienerfahrene Menschenrechtsaktivisten lenkten die Kampagne, Mai schenkte ihnen ihr Gesicht, ihre Geschichte. Sie stimmte zu, dass ein Arzt sie untersuchte, dass er ihre Verletzungen dokumentierte. Sie rang sich dazu durch, einem Richter, einem Mann, alles zu erzählen, sogar die Dinge, die sie nicht einmal ihrer Mutter anvertraut hatte. Und sie begann, sich zu arrangieren mit ihrem neuen Status, ihrem neuen Leben als nationales Symbol eines modernen Pakistans, und sie wusste, dass zu diesem Leben auch die Drohungen religiöser Fanatiker gehören.
Der erste Prozess fand in Dera Ghazi Khan statt, einer Stadt, drei Autostunden entfernt von Meerwala. Fünf Augenzeugen und ein medizinischer Gutachter bestätigten die Vergewaltigung. Zwei Monate nach der Tat sprach der Richter in einer nächtlichen Sondersitzung das Urteil. Die vier Vergewaltiger und die beiden Richter des Dorfgerichts wurden zum Tode durch den Strang verurteilt und zu einer Geldstrafe von 50.000 Rupien, rund 700 Euro. Acht weitere Angeklagte, die ihren Vater während der Vergewaltigung mit ihren Waffen bedroht hatten, wurden freigesprochen. Mai feierte ihren Triumph auf einer Pressekonferenz. Die Familie Mastoi legte Berufung ein. Der Prozess wurde an den High Court in Multan weitergereicht. Die Verurteilten blieben in Haft.
Diesmal dauerte es zweieinhalb Jahre, bis das Gericht ein Urteil sprach. Am 3. März 2005 wurden fünf der Todgeweihten freigesprochen, einer zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Justizangestellte mussten im vollbesetzten Saal für Ruhe sorgen. Die Zeitungen des Landes schrieben von "Bestechung" und "politischer Einflussnahme".
Vor Journalisten sprach Mai von einer zweiten Vergewaltigung, diesmal durch die Justiz. Sie kündigte eine weitere Berufung an, bestritt, dass sie ins Exil gehen werde, und wurde von einer Polizeieskorte nach Hause gebracht. Wenige Tage später marschierten 3000 Demonstranten durch Multan und forderten Gerechtigkeit für Mukhtar Mai, und vor dem Gefängnis der Stadt organisierten Frauenrechtsorganisationen ein Sit-in. Im Innenministerium befürchtete man Attentate, auf Mai und ihre Unterstützer, auf Familienmitglieder der Täter. Am 14. März wurden die Freigesprochenen entlassen, vor dem Hof in Meerwala bezogen 15 Polizeiwagen Stellung. Die Provinz befand sich am Rande des Aufruhrs.
Auf Anraten der Menschenrechtler machte sich Mai auf den Weg nach Islamabad, der Hauptstadt, und verlangte einen Termin beim Innenminister. Sie wurde empfangen, sie bekam die Zusicherung, der Minister würde eine Ausnahmebestimmung des pakistanischen Rechtssystems nutzen, um die Täter wieder hinter Gitter zu bringen. Auch Präsident Pervez Musharraf empfing Mai und rief in ihrer Anwesenheit den Provinzgouverneur an, um sich zu vergewissern, dass die Freigelassenen wieder in Haft waren.
Am 28. Juni 2005 erklärte das Oberste Gericht Pakistans die Freisprüche für nichtig und ordnete einen dritten und letzten Prozess an. Es steht noch aus, wann er beginnt.
In Pakistan wird sie nun beschützt vor möglichen Attentätern und bewacht, weil man sie kontrollieren will. Mai gehört jetzt zur Polit-Prominenz des Landes, sie wird von Liberalen gelobt, von Fundamentalisten verflucht.
Draußen, neben ihrem Haus, bauen Arbeiter am Erweiterungstrakt der Mädchenschule, einem rotweißen Backsteinbau. Mai hat sie finanziert, ebenso das Gebäude für die Schule der Jungen, die ein paar hundert Meter entfernt steht. Das Geld stammt von internationalen Unterstützern.
Die Lehrer in der Jungenschule bezahlt der pakistanische Staat, die Lehrerinnen in der Mädchenschule nicht. Sie erhalten ihr Gehalt von Mai, die sich als NGO, als Nichtregierungs-Organisation, bezeichnet und laut darüber nachdenkt, wie sich der Spendenfluss aufrechterhalten lässt, damit ihre Schule weiter funktionieren kann, damit die anderen Projekte, die sie mit sich herumträgt, Realität werden können: das Hospital, das mobile Einsatzzentrum für misshandelte Frauen.
Mai hat in den vergangenen drei Jahren nicht nur Jahrhunderte übersprungen, sie musste sich auch die Regeln des internationalen Weltverbesserungsgeschäfts aneignen. Sie hat lernen müssen, dass es in diesem Business einen harten Verdrängungswettbewerb gibt und dass sie keine Kontrolle besitzt über ihre Position in diesem Teil der globalen Welt.
Vor ein paar Monaten war ihr Konto leergefegt, Spenden erhält sie nur unregelmäßig, und daher war sie gezwungen ihren Schmuck, zwei Ohrringe, zu verkaufen, und seitdem, sagt sie, drücke sie die Last der Verantwortung manchmal zu Boden, sie schlafe schlecht, schlech-ter als in ihrem ersten Leben. Es kursieren viele Gerüchte in Pakistan: Mai sei Dollar-Millionärin, sie könne Männern zwar keine Kinder schenken, dafür aber die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Für den Nachmittag dieses Tages hat sich der Vorsitzende einer Regionalpartei angekündigt. Colonel Abdul Jabbar Abbasi erscheint inmitten einer Autokarawane, umgeben von einem halben Dutzend pakistanischer Journalisten. Er ist ein dicker, behäbiger Mann, der dann nur über sich redet, seine Erfolge, seine Pläne, seine Reisen.
Während des Essens prahlt er damit, dass es ihm in New York gelungen sei, einen "Neger" auszutricksen, der ihn ausnehmen wollte. Neben Mai steht er nur kurz, er nennt sie "eine Bereicherung für meinen Parteitag" und streicht herablassend über ihr Haar, die Fotoapparate der Journalisten klicken. Mai versucht, der Männerhand an ihrem Hinterkopf auszuweichen. Colonel Abdul Jabbar Abbasi scheint nicht verstanden zu haben, dass er keine Komplizin streichelt, sondern seine Gegnerin, die Männer wie ihn der Macht berauben will.
Mukhtar Mai betet täglich für einen schnellen Prozess, für den Tod ihrer Vergewaltiger, für mehr Spenden, und dann ist da noch eine Bitte, die sie nie vergisst, in ihren Gebeten zu erwähnen: Allah soll Abdul Razzak, dem Mullah von Meerwala, diesmal die Kraft schenken, die er braucht, um seine schwierige Aufgabe vor Gericht zu erfüllen, wenn der Staat das nächste Mal über ihren Fall verhandelt. Razzak darf nicht wieder versagen, wie er es während des Dorfgerichts tat, als er den mächtigen Männern des Mastoi-Clans gegenüberstand.
Razzak ist seit vielen Jahren Mullah in Meerwala. Er lebt in einem bescheidenen Haus gleich hinter der Moschee, er strebt nicht nach materiellem Besitz,
und er erhebt seine Stimme nur selten. Razzak ist der Meinung, dass seine Gemeinde die Gesetze des Korans aus Einsicht respektieren sollte, nicht aus Angst vor dem Zorn Gottes. Razzak ist ein bedächtiger Mensch, und er hatte nicht erwartet, dass ihn dies einmal in Gewissensnöte bringen würde.
Razzak sitzt in einem Sessel, er dreht eine Tasse Tee mit Büffelmilch in seinen Händen. Das Mittagsgebet ist gerade vorüber, die Gläubigen sind ihm in sein Haus gefolgt, als sie gehört hatten, dass Journalisten auf ihren Mullah warten. Ein Dutzend Männer stehen im Raum, lehnen an der Wand, andere drängen sich an der Tür. Die Szene erinnert an ein Tribunal, Razzak sitzt auf der Anklagebank.
Er war einer der drei Richter während der Zusammenkunft des Dorfgerichts, damals, vor drei Jahren. Es war nicht das erste Mal, dass er diese Aufgabe übernahm, er gehörte traditionsgemäß zu den Entscheidern.
Richter Nummer zwei und zugleich Ankläger war Faiz Mastoi. Das war eine unglückliche Situation, aber da Faiz Mastoi sich nicht selbst für befangen erklärte, wagte es auch niemand sonst. Der dritte Richter war ein Mitglied eines weiteren Clans, der nicht direkt von der Angelegenheit betroffen war. Umgeben waren die Richter von dem Rest der Männer, die Vorschläge machen, Strafen fordern konnten, gefällt wurde das Urteil jedoch von den Richtern.
Abdul Razzak, der Mullah, erinnert sich, dass die Diskussion hitzig war. Verwandte des angeblichen Opfers, ihre Brüder, Vettern, Onkel stellten die Mehrheit der Männer, und sie wollten Vergeltung, nicht Gerechtigkeit. Sie forderten, dass man ihnen eine Frau aus der Familie des Täters liefern müsse, die dann ebenfalls vergewaltigt werden sollte.
Razzak empörte dieser Vorschlag. Keine Sure, keine Silbe des Korans rechtfertigt so ein Handeln. Razzak plädierte für eine versöhnliche Lösung. Eine Frau aus der Familie des Täters solle sich öffentlich für das Verhalten ihres Bruders entschuldigen. Außerdem sollten Heiraten zwischen den beiden verfeindeten Familien den öffentlichen Frieden wiederherstellen. Die Mastoi verweigerten sich diesem Vorschlag, sie forderten Rache, sprachen von Vergewaltigung.
Razzak hielt noch einmal dagegen. Dann gab er sich geschlagen und ging. Nicht zu Mukhtar Mai, um sie zu warnen. Nicht zur Polizei, um sie zu alarmieren. Sondern nach Hause. Um zu beten.
"Ich hätte mutiger sein müssen", sagt Razzak heute. Ein paar Männer im Raum nicken, die Mehrheit nicht, das sind die, die ihre alte Welt zurückhaben wollen, eine Welt, in der sie, die Männer, herrschen in Meerwala und nicht Mai.
Nun soll Razzak zum ersten Mal als Hauptbelastungszeuge im Prozess gegen Mukhtar Mais Vergewaltiger aussagen. Er wird berichten, was er sah und hörte, und die Leute aus dem Clan der Mastoi werden ihn einen Lügner schimpfen, der nur ein Ziel habe: die Familien zu zerstören.
Taj Mastoi ist die Mutter von zwei Vergewaltigern, sie ist die direkte Nachbarin von Mukhtar Mai. Taj Mastoi lebt am Ort des Verbrechens und bestreitet, dass es jemals stattgefunden hat. Auch ein Dorfgericht habe es nie gegeben, wahr sei nur, dass Salma, das Mädchen, von Mais jüngerem Bruder vergewaltigt worden sei. Alles andere sei Unsinn.
Taj Mastoi drückt sich mit dem Rücken gegen eine Wand, als sie das erzählt. Sie ist eine kleine, bittere Frau, die seit drei Jahren für das Essen ihrer Söhne im Gefängnis aufkommen und sich um die Enkel kümmern muss.
Im Laufe der Jahre hat sie viele ihrer Möbel verkaufen müssen, das Haus verfällt, sie kann nur warten, schlimmstenfalls auf den Tod ihrer Söhne. Blickt sie aus den Fenstern, sieht sie das Anwesen von Mukhtar Mai, links steht die neue Schule, rechts die neue Polizeistation, die Mai zu ihrem Schutz bauen ließ.
Nachts erleuchten Neonröhren und Glühbirnen die Baustelle, Polizisten gehen Streife und lassen die Leuchtfinger ihrer Halogentaschenlampen durch die Nacht wandern.
Taj Mastois Haus liegt in der Nacht im Dunkeln. Sie kann sich den Stromanschluss nicht leisten. Sie verflucht Mukhtar Mai.
* Mukhtar Mai mit Marie-Thérèse Cuny: "Die Schuld, eine Frau zu sein". Droemer Verlag, München; 240 Seiten; 16,90 Euro.