Literatur Meister der Utopie
Er gilt als einer der begnadetsten Schriftsteller Amerikas und liefert seine Geschichten gern im Dreierpack: Im New York des mittleren 19. Jahrhunderts wird ein junger Mann von einer Maschine verschlungen. Nur einen Augenblick lang ist Simon mit seinen Gedanken abgeschweift, da bohren sich die scharfen Zähne des Eisenrads in den Stoff seines Hemdsärmels und reißen ihn jäh mit.
Wenige Tage nach dem tödlichen Unfall schuftet Simons kleiner Bruder, er heißt Lucas, an der gefährlichen Maschine, von der er nicht einmal weiß, was sie herstellt. Überhaupt kann der übersensible Junge, der meist in Versen denkt und redet, sich seine Welt nicht erklären. Nur in einem Gedichtband von Walt Whitman findet Lucas manchmal Antworten auf seine quälenden Fragen.
So weit die historische Erzählung.
Dann unsere Zeit: In der Nähe von Ground Zero jagt sich ein Jugendlicher mit einer selbstgebauten Bombe in die Luft und reißt dabei einen braven Familienvater mit in den Tod. Cat, eine erfahrene Polizeipsychologin, hatte die telefonische Warnung des Jungen ohne Namen Tage zuvor nicht ernst genommen. Wegen seines lyrischen Geredes, das vom baldigen Untergang der Menschheit handelte, hielt sie ihn für einen der durchgeknallten Anrufer, mit denen sie sich Tag für Tag herumschlägt.
So weit der Krimi-Thriller.
Etwa hundertfünfzig Jahre später kämpft sich Simon, eine menschgewordene Maschine, durch die postapokalyptischen Straßen von New York. Sein Job ist der eines Sexanimateurs, der in einem Vergnügungspark Touristen besonders perverse Wünsche erfüllt. Empfinden muss Simon selbst nichts, während er seine Kunden befriedigt. Dabei sehnt er sich nach Gefühlen, die über seine Programmierung hinausgehen.
So weit die Science-Fiction-Story.
In seinem jüngsten Roman "Helle Tage"* ("Specimen Days") arbeitet Michael Cunningham, 53, nach einem Rezept, das sich schon bei seinem erfolgreich verfilmten Buch "Die Stunden" ("The Hours") bewährte und ihm einen Pulitzerpreis eingebracht hat. Beide Bücher knüpfen an Werke großer literarischer Vorbilder an: "Die Stunden" an "Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf, "Helle Tage" an "Leaves of Grass" ("Grashalme") von Walt Whitman. Beide Romane erzählen drei in sich geschlossene Geschichten und sind doch thematisch und durch ihre Figuren miteinander verbunden.
Diesmal erweckt Cunningham den großen Poeten Walt Whitman zum Leben. In der Riesenstadt New York, deren Bewohner sich stets am Rande des gesellschaftlichen und persönlichen Abgrunds zu bewegen scheinen, damals, heute und in der Zukunft, schwebt der Dichter Whitman wie ein Meister der Utopie über den Menschen, die durch ihn und sein Werk auf Inspiration hoffen. Er lässt sie für sich sprechen, quält sie und erlöst sie: "Meine Stimme erjagt, was meine Augen niemals erreichen", flüstert Lucas zitternd vor Begierde, als er vor der Wohnungstür von Catherine, der Verlobten seines toten Bruders, steht.
"Hältst du eine große Stadt für dauerhaft?", fragt der Junge ohne Namen die Polizeipsychologin, bevor er das Telefonat abrupt beendet und sich auf den Weg zum Ground Zero macht. "Ringelnde, liebende, blinde Berührung, verhüllte, verkappte, scharfgezahnte Berührung!", flüstert Simon Verse von Whitman beim Sexspiel mit einem deutschen Touristen.
Michael Cunningham ist ein Autor, der die Fäden seiner Handlungen meisterhaft verwebt und dabei keine Scheu zeigt vor den schrillsten Farben und verwegensten sprachlichen Hochseilakten. Er spielt seine Virtuosität aus, wie es ihm gerade gefällt: "Ich wollte über Whitman improvisieren", erzählt Cunningham, der in New York lebt. "Weil er ein Wertekonservativer und der größte Optimist seiner Zeit war, ohne dabei dumm zu sein. Die meisten Optimisten sind ja in Wahrheit dumme Menschen."
Whitman liebte, was ihn umgab, Menschen, Wälder, Amerika. Mit seinem Buch "Leaves of Grass", so Cunningham, habe er den Menschen ihre Angst vor Armut, Verfall und Tod nehmen wollen. "Und das, indem er ihnen ihre Welt als erstaunliches, aber vergängliches Ganzes zeigte." Solche Bekenntnisse und auch manche Sätze seines neuen Buchs wecken den Verdacht, Cunningham könnte leicht in Kitsch abrutschen. Aber dafür ist sein Stil zu kunstvoll, sein New York zu dunkel, sind seine Figuren zu tief verwundet.
Lucas, der kleine Maschinenarbeiter, rettet die schwangere Verlobte seines verstorbenen Bruders. Sie flieht mit ihm aus einem Krankenhaus, wo Lucas eine von der Metallpresse völlig zerquetschte Hand amputiert werden soll. Cat, die Polizeipsychologin, rettet den kleinen Bruder des Attentäters, der mit einer um den Bauch geschnallten Bombe vor ihrer Haustür sitzt. Und Simon, die Zärtlichkeitsmaschine, der Hoffnungsträger für Menschlichkeit, findet fernab von New York die Liebe zu einer echsenhaften Schönen.
"Mit den Geistern der großen Literaten ist jetzt Schluss", sagt Cunningham, dem die Drehbuchrechte für "Helle Tage" längst abgekauft worden sind. "Aber dass ich in den nächsten Jahren ein lustiges kleines Buch schreiben werde, bezweifle ich." Das werde die Krise der Amerikaner, dessen Zeuge er als Romancier ja nun mal sei, wohl kaum erlauben. "Whitman wird uns noch tröstlicher erscheinen, als wir es uns heute ausmalen können."
"Trotzdem", sagt Cunningham, "wir müssen uns vor nichts fürchten." Und dann zitiert der Autor noch einmal das Romanvorbild Whitman: "Ins Weite und Breite drängt alles; nichts zerfällt, / Und jedes Sterben ist anders, als je einer gedacht, / Und glücklicher."
Michael Cunningham: "Helle Tage". Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt. Luchterhand Literaturverlag, München; 384 Seiten; 21,95 Euro.