Literatur Mann aus der Wüste
Miss Webster und Chérif" - der Titel des Romans erinnert an den Film "Miss Daisy und ihr Chauffeur". Warum auch nicht? Miss Webster hat in einem kleinen englischen Dorf Französisch unterrichtet, setzte dabei auf Disziplin, Ordnung, Kontrolle und wird schließlich von ihren Schülern verhöhnt: "Warum sollen wir auf Sie hören, Sie alte Schachtel?" Miss Webster, inzwischen 68, leidet unter gefährlich hohem Blutdruck und anderer Altersunbill. Gerade als George W. Bush eines Abends im Fernsehen "die Achse des Bösen" beschwört, erleidet Miss Webster einen Kollaps und verbringt anschließend zwei Monate im Krankenhaus. Ihr Arzt verschreibt eine ausgedehnte Erholungsreise, und so begibt sich Miss Webster weit weg von ihrem zornigen, einsamen Leben nach Marokko, wo sie Saïda kennen lernt. Deren Sohn Chérif, ein gutaussehender Berber, steht nach ihrer Rückkehr eines Tages vor Miss Websters Tür und bittet um Hilfe, da er in England studieren will. Miss Webster, die Männer "alles in allem" nicht mag, nimmt ihn als Untermieter auf, und zwischen dem respektvollen Chérif und der schlagfertigen Dame entwickelt sich langsam eine bemerkenswerte Freundschaft.
Die britische Autorin Patricia Duncker, 54, die gern akademische Diskurse in ihre Bücher einstreut, vertraut diesmal fast vollständig auf die emotionale Kraft ihrer Geschichte und beschreibt die Annäherung zwischen Alter und "neuer" Welt mit Klugheit, Poesie und übermütigem Witz. So erläutert Miss Webster dem Mann aus der Wüste auf amüsante Art, warum sie weder Mann noch Kinder hat - eine Erklärung, die zu folgenschweren Missverständnissen führt.
Dunckers Roman, mit großer stilistischer Eleganz geschrieben, erzählt auf sehr humane Weise von den Mühen des Älterwerdens, von Fremdheit und Toleranz zwischen Kulturen, Generationen und Religionen. Über die Filmrechte an diesem wunderbaren Buch wird bereits verhandelt.
Patricia Duncker: "Miss Webster und Chérif". Berlin Verlag; 256 Seiten; 19,90 Euro.