Literatur Leben auf Abruf
Sowjetunion, zur Zeit des Afghanistan-Kriegs: Die Schülerin Alina ist besonders gut in Russisch - was der Lehrerin umso bemerkenswerter vorkommt, "als Russisch nicht deine Muttersprache ist". Schmidt heißt das rothaarige Mädchen mit Nachnamen, im Pass der Mutter steht: Njemka, Deutsche. Die Familie lebt hier auf Abruf. Seit Jahren läuft ein Antrag auf Ausreise. Jeden Sonntag besucht Alina ihre Großeltern und bestürmt den wortkargen Mann, den sie für ihren Großvater hält, ihr von der Vergangenheit zu erzählen. Der Alte überlebte die "Große Säuberung" unter Stalin ("Tags kamen sie in die Häuser, legten ein Blatt Papier vor den Hausherrn und sagten: Gib uns die Namen von zehn Volksfeinden, und wenn es nur neun sind, dann bist der zehnte du"), wurde im Zweiten Weltkrieg als Russlanddeutscher von Hitlers Soldaten zum Bürgermeister seines Dorfes erkoren, floh später nach Berlin und wurde dort 1945 nach dem Einmarsch der Sowjettruppen verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. 1957 kam er in das Dorf zurück und blieb bei der Frau seines verschollenen Bruders: Der Alte ist mithin gar nicht der leibliche Vater von Alinas Mutter, sondern deren Onkel. Doch die Zwölfjährige akzeptiert die neue Realität. "Wer fragt, muss die Antwort ertragen können", erkennt sie tapfer.
Eleonora Hummel, 1970 geboren und mit zwölf Jahren aus dem Kaukasus mit ihren Eltern nach Dresden übergesiedelt, setzt in ihrem Debütroman "Die Fische von Berlin" dem Schrecken des Erinnerten eine kindliche Neugier entgegen, einen menschenfreundlichen Humor, der ganz in der Erzählhaltung aufgegangen ist. Geschickt nutzt sie das Prinzip der Fortsetzungsstory und sorgt dafür, dass sich der Kreis schließt, dass die alten Geschichten erzählt sind, bevor Alina und ihre Eltern tatsächlich nach Deutschland ausreisen dürfen. Am Ende steht Alina in Berlin an einem See, an dem einst vielleicht schon der im Kaukasus zurückgebliebene Alte gestanden hat. Die großen Fische darin sind dem Angler stets als Möglichkeit eines besseren Lebens vor Augen geblieben.
Eleonora Hummel: "Die Fische von Berlin". Steidl Verlag, Göttingen; 224 Seiten; 18 Euro.