Biografien Krankheit des Schweigens
Es geschah beim Evangelischen Kirchentag 1969: Ein Mann hält eine wirre Rede, wird plötzlich glasklar, grüßt seine "Kameraden von der SS", trinkt aus einem Fläschchen und sagt zu seiner tuschelnden Nachbarin: "Das war Zyankali, mein Fräulein." Der Redner, ein Tübinger Apotheker, stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Günter Grass hatte die Szene beobachtet, später literarisch verarbeitet und dem Mann einen Namen gegeben: Manfred Augst. Diesen Namen hat die Tochter des Selbstmörders, die Berliner Journalistin Ute Scheub, für ihre gerade erschienene Vatersuche "Das falsche Leben" beibehalten, um ihre Familie zu schützen und den notwendigen Abstand einzuhalten. Anstoß zu dem Buch gaben mehrere Abschiedsbriefe, die Ute Scheub 35 Jahre nach dem Ereignis auf dem Dachboden ihres Kindheitshauses fand - Briefe, in denen der Vater versuchte, sich aus seiner bleiernen Sprachlosigkeit herauszuwinden. Wie viele andere seiner Generation konnte Manfred Augst über Kriegserlebnisse nicht sprechen, verstummte schließlich ganz und machte das Familienleben für alle zur Qual. Ute Scheubs Buch wird dabei helfen, diese Krankheit des Schweigens begreifen zu lernen.
Ute Scheub: "Das falsche Leben. Eine Vatersuche". Piper Verlag, München; 292 Seiten; 18,90 Euro.