Neurologie: Mann ohne Gedächtnis - DER SPIEGEL
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Neurologie Mann ohne Gedächtnis

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit 20 Jahren lebt der Brite Clive Wearing, 67, so gut wie ohne Erinnerungen. Er vergisst seine Frau, sobald sie auch nur zum Briefkasten gegangen ist, er vergisst die Uhrzeit und den Satz, den er gerade gesagt hat. Was ihm aus dem Sinn gerät, war nie da. Denn ein Virus hat große Teile seines Hirns zerstört. In einem bewegenden Buch, das in dieser Woche auf Deutsch erscheint, berichtet Wearings Frau Deborah von ihrem Leben mit dem Mann ohne Gedächtnis (SPIEGEL 18/2005). Tagein, tagaus meint Clive Wearing alle paar Minuten, jetzt gerade, in diesem Augenblick, aus tiefer Bewusstlosigkeit erwacht zu sein. Anders kann er sich die Leere nicht erklären, die er in seinem Inneren vorfindet - keine Erinnerungen, keine Bilder, nichts. Übergroß sein Glück, wenn er dann wenigstens seine Frau neben sich entdeckt. Das Buch schildert bis ins Detail, was mit dem Erinnerungsvermögen alles verlorengeht - und was, im Glücksfall, bleibt: Beim Mann ohne Gedächtnis ist es das, was Deborah Wearing seine "Cliveness" nennt: die Liebe zur Musik (er spielt nach wie vor ganze Klavierstücke vom Blatt), sein bubenhafter Charme und die Liebe zu seiner Frau, die ihn vor Jahren verzweifelt verließ - und die dann doch wieder zu ihm zurückkehrte, weil sie fand: "Es gibt keinen zweiten wie ihn."


Deborah Wearing: "Gefangen im Augenblick - Die Geschichte einer Amnesie und einer unbesiegbaren Liebe". Goldmann Verlag, München; 368 Seiten; 19,95 Euro.