Literatur Geduldige Vatersuche
Eine Prostituierte? Das sei eine Frau, die Männern Ratschläge gebe, "wenn diese Schwierigkeiten hätten", erfährt Jack Burns, vier Jahre alt, von seiner Mutter Alice. Dem Kleinen leuchtet das ein, genauso wie die Geschichte, die die Mutter über seinen Vater erzählt, den Organisten William Burns: ein charakter- und zügelloser Schweinehund demnach, der Frau und Kind verlassen hat - und jetzt von einer nordeuropäischen Hafenstadt zur nächsten zieht, wo er reihenweise junge Frauen mit gebrochenem Herzen zurücklässt. Der Junge wird in männerfreier Umgebung groß, die Frauen sind für ihn umso bedrängender. Als er zehn ist, missbraucht ihn das portugiesische Kindermädchen. Mit dreizehn schläft er mit der depressiven Frau des Schulleiters. Zwar bringt es Jack dennoch zum Hollywood-Star, aber bevor die Halbschwester und der Vater nicht aufgestöbert sind und die kleine Familie in tränenreichen Liebesschwüren vereint ist, gibt es für Jack keine Erlösung aus den freudlosen Umarmungen meist älterer Damen.
Der Amerikaner John Irving, 64, ist der Popstar unter den Schriftstellern, gerade hat er vor ausverkauften Theatersälen in Berlin, Hamburg, Wien und Zürich Triumphe mit Lesungen aus seinem mehr als tausend Seiten umfassenden neuen Roman "Bis ich dich finde" gefeiert. Doch es hilft alles nicht: Bei näherer Betrachtung erweist sich die Vatersuche aus der Perspektive des erwachsen werdenden Sohnes Jack als sentimental-verkitschte Geschichte, allzu detailversessen und mit reichlich Pathos erzählt. Gegen die sich monströs häufenden Sexszenen wäre nichts einzuwenden, hätte das Buch auch nur einen Hauch von Erotik. Doch nicht zufällig enden Jacks Bettgeschichten gern mit der Erkenntnis, "dass sie eigentlich gar nicht miteinander hatten schlafen wollen". Gegen Ende des Romans werden selbst Jacks geduldiger Therapeutin die ausufernden Sexstorys zu viel. "Versuchen Sie, einfach bei der Geschichte zu bleiben", bittet sie ihren Patienten. Ein Ratschlag, den sich John Irving unbedingt hätte zu Herzen nehmen sollen.
John Irving: "Bis ich dich finde". Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl. Diogenes Verlag, Zürich; 1152 Seiten; 24,90 Euro.