Kultur: Hochaufgelöste Lebensbilder - DER SPIEGEL
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Kultur Hochaufgelöste Lebensbilder

Tanja Dückers zeigt fünf Geschwister in dem Augenblick, als diese die Nachricht vom Tod des Vaters erreicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Benjamin streicht gerade einen Schrank. Sylvia fürchtet sich auf dem Beifahrersitz, während ihre Tochter Auto fahren übt. Anna muss noch mal umkehren, weil sie "Daddys" Geburtstagsgeschenk vergessen hat. David steckt zehn Tage vor der Premiere in den Proben für seine neue Hauptrolle. Thomas beobachtet wieder mal den Flugzeugfriedhof vor seinem Wohnwagen in der kalifornischen Wüste.

Fünf Momentaufnahmen, fünf Menschen, fünf Geschwister. Sie sind erwachsen, leben ihr Leben, haben sich eingerichtet, irgendwo zwischen Sehnen und Scheitern. Da erreicht sie die Nachricht, dass überraschend ihr 62-jähriger Vater gestorben ist. Unbestechlich und mit großer Präzision betrachtet Tanja Dückers in ihrem neuen Roman "Der längste Tag des Jahres" die Lebenslagen und -lügen ihrer Figuren, wie bei einer Versuchsanordnung.

Indem die Autorin mit jedem der Geschwister die Erzählperspektive wechselt, gelingt es ihr, jede ihrer Figuren gleichermaßen durch die mal kritischen, mal liebevollen Augen der jeweils anderen zu schildern und aus sich selbst sprechen zu lassen. Kindheitserinnerungen wechseln mit oft schmerzhaften Einsichten der Erwachsenen. Zusammengesetzt aus fünf hochaufgelösten Lebensbildern, beschleunigt durch die Dynamik des Todes, entsteht eine faszinierende Porträtmontage.


Tanja Dückers: "Der längste Tag des Jahres". Aufbau Verlag, Berlin; 224 Seiten; 18,90 Euro