Kultur Unglückskinder
Zehn Jahre hat Jakob auf Isabelle gewartet. So viel Zeit ist vergangen, seit sie bei einem Waldspaziergang in Freiburg nach seiner Hand gegriffen hatte, danach aber doch zu ihrem Freund zurückgekehrt war. Und dann steht sie plötzlich neben ihm, in einer Bar in Berlin. Diesmal werden sie ein Paar. Die Grafikerin Isabelle, der Jurist Jakob, sie ziehen gemeinsam nach London, aber glücklich werden sie nicht miteinander.
"Die Habenichtse", der neue Roman von Katharina Hacker ("Eine Art Liebe"), erzählt von Armut. Subtil verwebt Hacker die Unfähigkeit ihrer Figuren Isabelle und Jakob, den anderen zu spüren, mit der ganz realen Not ihrer neuen Nachbarn. Denn in London wohnen Jakob und Isabelle in Kentish Town, in derselben Straße, in der auch der Drogendealer Jim lebt und die Familie der beiden misshandelten und verwahrlosten Kinder Sara und Dave.
Auf äußerst beunruhigende Weise ist der Roman durchzogen von unterschwelliger Gewalt, Erotik und Einsamkeit. Da sind die dumpfen Geräusche aus dem Nachbarhaus, wenn der Vater von Dave und Sara eines seiner Kinder gegen die Wand schleudert, da ist Jakobs Faszination für seinen homosexuellen Chef, der tagelang verschwindet, um sich seinen Ausschweifungen hinzugeben, und Isabelles Hinneigung zum Drogendealer Jim.
Das alles erzählt Hacker vor dem Hintergrund des ausbrechenden Irak-Kriegs. Das Schriftbild dieses Buchs ist fast absatzlos und dicht und entspricht der düsteren und vollgepackten Geschichte. Die beiden Wohlstandskinder Isabelle und Jakob treiben immer weiter voneinander weg.
Dabei wäre das Glück in diesem analytischen Roman für sie zum Greifen nah, aber keinem von beiden gelingt es, noch einmal - wie auf dem Spaziergang in Freiburg - die Hand danach auszustrecken und es festzuhalten.
Katharina Hacker: "Die Habenichtse". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 320 Seiten; 17,80 Euro