Kultur Fremdheit des Vertrauten
Friedrich Hölderlins Gedicht "Andenken" rühmt neben dem Bordeaux-Wein auch das, was dieser beschleunigt: das gute "Gespräch", in dem "des Herzens Meinung" gesagt werden darf. Lars Brandt, der 1951 geborene Sohn von Willy Brandt, eines von vier Kindern des 1992 verstorbenen ehemaligen Bundeskanzlers und SPD-Vorsitzenden, hat dem Erinnerungsbuch an seinen berühmten Vater gewiss auch deswegen diesen Hölderlin-Titel gegeben, weil die Herzlichkeit zwischen den beiden vor allem eine des regelmäßigen Gesprächs gewesen ist. Die erste körperliche Berührung, an die sich Lars Brandt erinnert, war eine späte Umarmung: Soeben hatte der Vater dem längst erwachsenen Sohn anvertraut, "dass er sehr krank war". Kommuniziert haben Vater und Sohn hingegen oft miteinander, indirekt sogar dann, wenn sie still beisammensaßen: beim Angeln im Urlaub oder morgens daheim - "wenn V. und ich frühstückten, überließen wir das Sprechen weitgehend dem Papagei".
Die Abkürzung des Vaters zu "V." wiederholt die Unterschrift, mit der Brandt Briefe oder Postkarten an die Kinder zeichnete, sobald sie dem "Vati"-Ton entwachsen waren. Zugleich symbolisiert das V-Kürzel aber auch die Fremdheit des Vertrauten, jenen "Nebel" (Lars Brandt) aus Geheimnistuerei, Selbstbezogenheit und Gefühlskälte, der den Politiker umwallte und der immer dichter wurde, je weiter er nach oben kam. Vom Klischee des Gefühlsmenschen Brandt lässt diese eindrucksvolle Bilanz einer ungewöhnlichen Vater-Sohn-Beziehung wenig übrig. Einmal nennt der Autor seinen Vater einen "Durchlauferhitzer fremder Empfindungen". Trotz solch kritischer Töne, zum Beispiel auch über manchen außerehelichen "Blackout" des Helden, zeichnet das Buch ein liebenswertes Vaterbild - das menschlichste, das bisher von dieser großen, innerlich zerrissenen Persönlichkeit gezeichnet wurde.
Lars Brandt: "Andenken". Carl Hanser Verlag, München; 156 Seiten; 15,90 Euro