Kultur "Du meinst, ich übertreibe sehr?"
Er war hoch begabt, bekam in der Schule lauter Einsen, zeichnete gut, schrieb lange Geschichten im Stil seines Idols Jules Vernes. Aber Petr Ginz, Sohn eines jüdischen Angestellten, hatte keine Chance. Er wurde im Alter von 14 ins KZ Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. Sein Leben haben die Nazis dem wachen Schüler genommen, aber nicht seine Zeugenschaft. Ginz führte in den Jahren 1941 und 1942 Tagebuch, es gelangte nach dem Krieg auf einen Dachboden, viel später nach Jad Waschem. Jetzt, mehr als 60 Jahre nach der Ermordung des Jungen, erscheint - herausgegeben von seiner in Israel lebenden Schwester mit einem Vorwort von Mirjam Pressler - das "Prager Tagebuch 1941 - 1942" auf Deutsch. Was das Buch so besonders macht, ist die Mischung der Einträge. Banales und Alltägliches findet sich neben den Ungeheuerlichkeiten der Repression gegen die Juden. Petr schreibt von einer selbstgebastelten kleinen Kanone, von Mathearbeiten, Schulfesten, den Spaziergängen mit dem Freund. Hineingestreut in diese Notizen sind nüchterne Sätze über die Bedrückung: "Die Juden dürfen nicht mehr zum Friseur", heißt es am 2. Juni 1942. Ein anderes Mal: "Wir turnten nur in Hemden, deswegen musste auch auf das Hemd ein Stern genäht werden. Also hatte ich drei Sterne übereinander: auf dem Überzieher, auf dem Mantel und auf dem Hemd." Und immer wieder, wie ein Memento, steht da, wer von Ginz' Freunden und Verwandten sich zum Abtransport ins KZ zu melden hat.
Im Winter 1941 beobachtet der Schüler: "Überall türmen sich Unmengen von Kirchenstühlen, sie wurden aus den Synagogen dahin gebracht. Die Juden, die dort im Arbeitseinsatz waren, mussten sie zu Brennholz klein hacken." Empörung versteckt sich in der Beobachtung: "Gefangenen, Geisteskranken und Juden werden keine Tabakmarken zugeteilt." Einmal fasst der junge Dichter den schrecklichen Mangel in Verse: "Du meinst, ich übertreibe sehr? Verboten ist noch vieles mehr! Kauf lieber nichts - das ist der Witz." Die Bleistiftzeichnung von Petr Ginz "Mondlandschaft" aus den letzten Lebensjahren erlangte tragische Berühmtheit. Der israelische Astronaut Ilan Ramon nahm eine Kopie als Erinnerung an die Shoah ins All mit. Am 1. Februar 2003 - es war Petrs Geburtstag - verglühte die US-Raumfähre "Columbia" mit Ramon an Bord.
Petr Ginz: "Prager Tagebuch 1941-1942". Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Berlin Verlag, Berlin; 192 Seiten; 19,90 Euro