Kultur: Begabtes Ungeheuer - DER SPIEGEL
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Kultur Begabtes Ungeheuer

Arne Karsten fesselt mit einer Karriere- und Charakterstudie des Barockstars Gianlorenzo Bernini.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Zeitalter des Barock war für den Vatikan eine teure Epoche. Der politische Einfluss im katholischen Europa schrumpfte, und die wechselnden Päpste, ohnehin nicht gerade als Asketen bekannt, kaschierten den Bedeutungsverlust mit einem erhöhten Protz- und Prunkaufwand. Unsummen flossen in die Selbstdarstellung, in die sorgfältig gehegte Illusion eines nach wie vor mächtigen Kirchenstaates. Davon profitierte insbesondere ein Künstler: der Bildhauer und Architekt Gianlorenzo Bernini (1598 bis 1680). Sein Talent war enorm, sein Ehrgeiz grenzte an Besessenheit. Der Berliner Kunsthistoriker Arne Karsten, Jahrgang 1969, hat sich der Legende angenommen, sein Buch schildert eine aufregende Einheit von Kunst, Leben und Zeitgeschichte.

Tatsächlich gab Bernini der Ewigen Stadt ein neues, dramatisches Gesicht, er schuf ausdrucksstarke Büsten, Skulpturen, Grabmäler, ganze Kirchen und Paläste. Auch die Form des - aus Kostengründen nie vollendeten - Petersplatzes geht auf seinen Entwurf zurück. Als Mensch konnte er eloquent und witzig, aber auch ein ausgesprochenes Ungeheuer sein. Geplagt von Eifersucht, schickte der Künstler einst seinen Diener mit einem Rasiermesser und dem Auftrag los, seiner schönen Geliebten Costanza Bonarelli das Gesicht zu entstellen. Konkurrenten hatten unter seinen Intrigen zu leiden, Berninis wichtigster Widersacher, Francesco Borromini, brachte sich schließlich um. Die kirchliche und weltliche High Society aber riss sich um den begnadeten Bernini, ahnend, dass er sich und damit auch sie unsterblich machen würde.


Arne Karsten: "Bernini. Der Schöpfer des barocken Rom". Verlag C.H. Beck, München; 272 Seiten; 24,90 Euro