Kultur Nächtlicher Zuschauer
Für eine erste Begegnung war der Zusammenstoß ein bisschen brutal. Die Fahrerin des wassergrünen Fiat hatte den Eindruck, dass der junge Mann absichtlich im falschen Augenblick über den Platz lief. Jedenfalls schien er nicht in seiner normalen Verfassung zu sein. Der 30. Roman des französischen Schriftstellers Patrick Modiano, 60, beginnt mit einem Unfall in der Nacht, und bereits der erste Satz legt in wenigen Worten Zeit, Raum und Handlung einer Erzählung fest, in die der Leser sogleich wie in eine unsichtbare, rätselhafte Schattenwelt hineingezogen wird: "Spät in der Nacht, vor sehr langer Zeit, kurz bevor ich volljährig wurde, da überquerte ich die Place des Pyramides in Richtung Concorde, als ein Wagen aus der Dunkelheit auftauchte." Das Auto wirft den verwirrten Fußgänger um und prallt mit dem Geklirr zerbrechenden Glases gegen einen Arkadenpfeiler. Leicht verletzt - das Opfer am Knöchel, die Lenkerin mit einer Schramme im Gesicht - werden beide von der Polizei ins Krankenhaus gebracht. Doch als der namenlose junge Mann aus der Narkose erwacht, ist die schöne unbekannte Frau verschwunden. Dieser Unfall hatte sich nicht zufällig ereignet, davon ist der Angefahrene zutiefst überzeugt, der Zufall führt nur eine sehr begrenzte Menge von Begegnungen herbei. Es gibt auch glückliche Unfälle, und das banale Missgeschick im nächtlichen Paris bedeutete einen Einschnitt, einen heilsamen Schock, der zur rechten Zeit passierte, denn das Opfer trieb einer weit schlimmeren Katastrophe entgegen.
Modiano erzählt von der Suche des jungen Mannes, der wie ein "nächtlicher Zuschauer" nach dem Vorbild von Rétif de la Bretonne scheinbar ausgestorbene Viertel, Straßen, Cafés und Restaurants durchstreift, um die verschwundene Frau, die ihm durch den Unfall zu einem neuen Anlauf in einem zweiten, spannenderen Leben verhalf, wiederzufinden, als wäre sie seine unfreiwillige und doch schicksalhafte Retterin. Seine ganze Existenz fügt sich neu zusammen in einem gespensterhaften Paris voller Zeichen, Namen, Gesichter, Passanten und Träume.
Ein nächtlicher Unfall also, der in Wahrheit ein Ruf zur Ordnung ist, der einen Schlussstrich zieht unter Jahre der Wirrnis und Ungewissheit und immer wieder aufsteigender Kindheitsängste. "Es ist verrückt", sagt am Ende die wiederaufgetauchte Frau, die sich gar nicht versteckt hatte, "wieviel Mühe Sie sich machen, um Gewissheit zu erlangen." Dabei gibt es nichts zu verbergen, das Leben ist viel einfacher, als man glaubt, wenn man nur die verlorene Harmonie wiedergewinnt und die Leichtigkeit des Glücks der Tiefe der Seelenqual vorzieht.
Patrick Modiano: "Unfall in der Nacht". Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Carl Hanser Verlag, München; 144 Seiten; 15,90 Euro