Kultur Zauberhafte Mischpoke
Weit weg in Galizien tobt eine besonders wilde, blutige Schlacht des Ersten Weltkriegs, in der "Menschen einfach verloren gingen wie ein Taschentuch oder ein Schlüsselbund". Ein besorgter Vater besteigt im sicheren Zürich den Zug, schlägt sich durch alle Frontlinien und spürt den schmerzlich vermissten Sohn im Haus eines galizischen Rabbis auf. Das Haus ist voll mit jüdischen Flüchtlingen und umstellt von mordlüsternen Soldaten. Der Vater aber beschmiert den Sohn mit Kot, wirft ihn über die Schulter und raunt den Mordgesellen vor dem Haustor nur das Wort "Cholera" zu. Als der Sohn sich auf der Zugfahrt nach Zürich für die Rettung bedanken will, sagt der Alte: "Ich bin ein friedlicher Mensch, aber wenn man mir feierlich kommt, werde ich wütend."
Derart tollkühne, aberwitzige Geschichten erzählt Charles Lewinsky in seinem Roman "Melnitz", und er tut es weitgehend mit ähnlicher Abneigung gegen alles billig Feierliche. Geschildert werden die Geschicke einer jüdischen Familie in der Schweiz, beginnend mit einem Nachtmahl im Haus des Aargauer Viehhändlers Salomon Meijer im Jahr 1870, in das ein ungebetener Gast mit blutverschmiertem Kopfverband hineinplatzt. Das Buch endet vier bis fünf Generationen später im Jahr 1945, als Hitler und die Deutschen sechs Millionen Juden umgebracht haben; darunter eben jenen einst in Galizien geretteten Sohn eines Zürcher Juden, der selbst Rabbi geworden war.
Der Holocaust aber ist allenfalls die Fluchtlinie, nicht das Thema von Lewinskys windungsreichem, blendend recherchiertem Buch, das mit viel Liebe zum Detail und zum richtigen jiddischen Ausdruck aufgeschrieben ist; ein ellenlanges Glossar am Ende übersetzt Wörter wie Schmonzes (wertlose Dinge) und Chossen (Bräutigam) für kenntnislose Leser.
"Melnitz" ist, wie man so leichthin sagt, die Beschwörung einer untergegangenen Welt - jener, in der die Schweizer Juden lebten, seit sie (erst) in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die wichtigsten Bürgerrechte wie das auf die freie Wahl des Wohnsitzes zugestanden bekommen hatten.
Lewinsky, 59, wird in der Schweiz als vielbegabter TV-, Lieder- und Buchautor bewundert, in Deutschland ist er fast unbekannt. Er lieferte das Drehbuch für Oliver Hirschbiegels Film "Ein gewöhnlicher Jude", der gerade ziemlich sang- und klanglos im Kino lief, und begeisterte vor ein paar Jahren ein paar Kritiker mit dem Roman "Johannistag". In "Melnitz" präsentiert Lewinsky nun eine vor Erzählbegeisterung überbordende Familiensaga, bevölkert mit vielen herzerweichenden, hinreißenden, schillernd widersprüchlichen Figuren.
Der Titelheld dagegen ist bedauerlicherweise nur ein Gespenst. Als allwissender Toter, als Mahner und Warner geistert dieser "Onkel Melnitz" durch alle Kapitel und Epochen, schon der erste Satz des Buchs berichtet von ihm: "Immer wenn er gestorben war, kam er wieder zurück."
Charles Lewinsky: "Melnitz". Verlag Nagel & Kimche, Zürich und München; 776 Seiten; 24,90 Euro