Bücher Chauvinisten am Seziertisch
Berlin, Gründerzeit: Ein Mädchen wird geboren; die Mutter stirbt bei der Niederkunft; der Vater, ein Tischler, landet nach zahlreichen Zechausflügen in der Charité - als Handlanger, um seine Trinkschulden bei einem Mitarbeiter des Pathologen Rudolf Virchow zu begleichen. Die Tochter Henrietta nimmt er mit. Sie ist die Hauptfigur des Romans von Martin Kluger. Obgleich fiktiv, steht ihr Schicksal für das Leben vieler Frauen, die trotz Talent in der Wissenschaft keinen Platz fanden - weil gelehrte Frauen, wie der Mathematiker August Ferdinand Möbius befand, "wider die Natur" seien. 1923 erst wurde die erste Professorin in Deutschland berufen. Die Romanheldin wächst eine Generation früher auf, zwischen Skeletten, Kranken und den großen Forschern des späten 19. Jahrhunderts: Robert Koch, dem Entdecker des Tuberkulose-Erregers, sowie den Serologen Paul Ehrlich und Emil Behring. Sie lernt mit Krankenblättern lesen; später schafft sie verstorbene Tuberkulose-Patienten zum Sezieren heran - und ist voller Neugier. "So haben wir alle mal angefangen", spricht Oberarzt Ehrlich wohlwollend, dann ändert sich der Ton: "Als Mädchen musst du dich nicht mit Medizin und Biologie herumquälen, denn eines Tages wirst du sehen: Ihr weiblichen Wesen habt das alles im Gefühl." Henrietta aber will mehr wissen, als eine Schwangerschaft ihr offenbaren würde. Sie forscht heimlich, doch für die Gelehrten bleibt sie "Die Gehilfin". Der Buchtitel klingt irreführend kitschig und passt nicht zum lakonischen Ton des Autors: Kluger beschreibt die unmögliche Karriere einer Wissenschaftlerin ohne Kampfvokabular. Gerade deshalb wirkt die Männerrunde samt ihren Grundsätzen komisch - etwa wenn einer von ihnen nächtens im Pathologiesaal räsoniert: "Henrietta hat den Blick für das Moribunde, der den Weibern sonst völlig abgeht."
Martin Kluger: "Die Gehilfin". DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln; 320 Seiten; 19,90 Euro.