Sachbücher Land der Untoten
Die US-Publizistin Barbara Ehrenreich traf als Undercover-Niedriglöhnerin auf Mütter, die auf der Schicht vor Hunger umfielen, Tellerwäscher, die im Auto wohnten, Fließbandarbeiter, die Windeln trugen, weil die Pinkelpause gestrichen wurde. Ihr Report "Arbeit poor" wurde 2001 in den USA zum Bestseller. In ihrer neuesten Recherche hat sich die Journalistin eine scheinbar heilere Arbeitswelt vorgenommen. Inkognito begab sie sich als "Kommunikationsexpertin" zehn Monate lang ins Heer arbeitssuchender Führungskräfte. Doch der Kontakt mit Corporate America endete im Kulturschock: "Es herrscht ein Klima der Inkompetenz", urteilt Ehrenreich, statt Leistung würde Unterwürfigkeit verlangt, statt Kreativität Konformismus. Qualifizierte Arbeitnehmer fallen in immer größerer Zahl und immer schneller durchs löchrige Sozialnetz ins Land der Untoten: Wenn gut ausgebildete Leute feststellen, dass ihr Wissen nicht gebraucht, ihre Erfahrung nicht gewürdigt wird, dann greift das tief ein in den Gesellschaftsvertrag, beschreibt Ehrenreich in ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch das "Verschwinden des amerikanischen Traums". Und sie warnt Europa: "Widersteht der Versuchung, das US-Modell zu kopieren. Die menschlichen Kosten sogenannter Reformen sind hoch."
Barbara Ehrenreich: "Qualifiziert & arbeitslos. Eine Irrfahrt durch die Bewerbungswüste". Antje Kunstmann Verlag, München; 256 Seiten; 19,90 Euro.